
Liebe, Land und Lammkarrees
»Der Waldmeister« ist das hinreißende Porträt eines besessenen Gourmets und seines unfreiwilligen Neuanfangs als Koch in der brandenburgischen Provinz. Böhmische Fleckensuppe, farcierter Hecht, Hirschgulasch: Jens Sparschuh lädt zu einer kulinarischen Zeitreise, die das Wasser im Mund zusammenlaufen lässt und Wunder wirkt.
Jahrzehntelang hat Odo Weingaertner als Gastrokritiker für das Berliner City Radio gearbeitet. Jetzt geht er in Rente. Und ausgerechnet seine letzte Kritik über das Landgasthaus Zur Dubrower Mühle führt zum Eklat. Inhaberin Senta Woitschke bezichtigt ihn der Lüge. Odo fährt zu ihr, um die Angelegenheit zu klären. Die Sache scheint gegessen. Da ahnt Odo noch nicht, dass ihn sein Weg schon bald wieder zur Mühle führen wird, allerdings nicht als Gast, sondern als Koch.
Der Start in der kulinarischen Ödnis verläuft holprig. Doch mit den wiederentdeckten Rezepten seiner sächsischen Oma Tilda gelingt es Odo, die schwer verdauliche Provinzküche aufzumischen. Und sogar mit Senta versteht er sich besser - ehe sich ein Schatten über die Mühle legt und Odos neues Leben infrage stellt.
Besprechung vom 08.05.2026
Die Soljanka ist an allem schuld
Ein Genuss, der sogar Omas sächsische Hausmannskost übertrifft: Jens Sparschuhs Roman "Der Waldmeister" feiert das kleine Glück.
Mit diesem Mann ist kein Staat zu machen, der rettet Deutschland ganz bestimmt nicht, etwas anderes allerdings schon. Odo Weingaertner ist ein Hans im Glück mit starkem Hang zum Phlegma, ein Götterliebling aus unerfindlichen Gründen, ein Lebenskünstler, der immer kurz vor einem Dasein als gescheiterte Existenz steht. Doch jedes Mal, wenn die Katastrophe unausweichlich scheint, naht unvermutet Rettung. Und Odo Weingaertner nimmt es achselzuckend hin, als wäre es das Normalste der Welt.
Was soll er auch sonst tun? Er besitzt keinen nennenswerten Ehrgeiz, will am liebsten seine Ruhe haben und ist natürlich ein notorischer Junggeselle, der für sich das Recht auf ein Einzelzimmer reklamiert, so wie ein Privatpatient im Krankenhaus, und keinen Vorteil darin sieht, sein Bett mit einer im schlimmsten Fall schnarchenden, die Decke monopolisierenden oder im Schlaf sprechenden Person zu teilen. Und selbst zum Sex mit einer Köchin oder einer Kassiererin kommt er so unvermittelt wie die Jungfrau zum Kinde.
Odo Weingaertner ist der Held in Jens Sparschuhs neuem Roman "Der Waldmeister", durch den er wie ein zahmer Bruder der spanischen "pícaros" gleichmütig stolpert. In der DDR lernt dieser Schelm den Beruf des Kochs, studiert danach "Sozialistische Betriebswirtschaft", darbt bei Mitropa in der kulinarischen Tristesse der real existierenden Mangelmisere, wird nach der Wende arbeitslos und fällt trotzdem wieder auf die Füße: Eine Radiosendung über die ostdeutsche Küche bringt ihn derart in Rage, dass er einen wütenden Leser- beziehungsweise Hörerbrief zur Ehrenrettung der Soljanka schreibt, woraufhin ihn der Chef des Senders zum Essen einlädt und ihn als Restaurantkritiker mit einem schwindelerregenden Honorar einstellt. Fortan muss Weingaertner für sein Auskommen nichts weiter tun, als einmal pro Woche einen Kurzbeitrag über ein Restaurant in Berlin oder Brandenburg abzuliefern - ein Glückspilz, der gar nicht weiß, wie ihm geschieht.
Als er vom Radiosender verabschiedet wird und widerspruchslos wegen Eigenbedarfs aus seiner Wohnung fliegt, weil er aus Desinteresse sämtliche Briefe des Vermieters ungeöffnet beiseitegelegt hat, endet das wieder nicht im Fiasko. Stattdessen kommt er bei der Wirtin eines Landgasthofs im tiefsten Brandenburg unter, deren Küche er in seinem letzten Radiobeitrag verrissen hat. Er dient sich ihr als Koch an, bringt die Rezepte seiner sächsischen Oma Tilda auf den Tisch, entwickelt plötzlich doch Ehrgeiz, hat beträchtlichen Erfolg und beginnt ein zweites Leben auf der anderen Seite der kulinarischen Frontlinie, gewürzt mit allerlei Liebelei.
Das alles ist weder besonders aufregend noch nennenswert spektakulär, und trotzdem nimmt man mit Vergnügen am Leben dieses Filous teil, dem sein kleines Glück mehr als genug ist. In Wahrheit könnte es größer gar nicht sein, denn es ist nichts weniger als das Glück des guten Geschmacks. Das reicht ihm vollkommen, der ganze Lärm der Welt interessiert ihn nicht, Macht, Ruhm, Erfolg sind ihm einerlei.
Genau diese unerschütterliche Selbstgenügsamkeit macht ihn so sympathisch und in unseren verrückten Zeiten zu einem hochzufriedenen Zeitgenossen, der aus der Zeit gefallen zu sein scheint. Odo Weingartner ist weder Social-Media-Junkie noch Selbstoptimierungsfanatiker, weder ideologischer Extremist noch grimmiger Weltverbesserer. Er begnügt sich mit dem Kleinen und will rein gar nichts wieder groß machen, ist selbstzufrieden, ohne selbstgefällig zu sein, kann auf eigene Kosten glücklich werden, nicht auf die anderer. Und ein ums andere Mal denkt man sich, wie schön es wäre, wenn es ein paar mehr Weingaertners auf dieser Welt gäbe.
Ohne Jens Sparschuhs wunderbaren Witz wäre Odo Weingaertner allerdings ein schwer zu ertragender, in seiner eigenen Bräsigkeit schmorender Schalk. Doch die Lakonie, die mit milder Melancholie grundiert wird, und die Ironie, die keine Kollateralschäden beim Personal des Romans verursacht, machen das Lesen zu einem Genuss, der selbst Oma Tildas sächsische Hausmannskost übertrifft.
Sparschuh ist ein präziser Beobachter, der niemals viele Worte braucht, sondern mit wenigen Strichen Menschen und Situationen zu zeichnen versteht, der nie kalauert, nie den Gags hinterherjagt, nie in seinem Spott verletzend wird. Da sieht man gerne über die eine oder andere Schwäche hinweg. Ein paar Längen gibt es, vor allem bei den Rückblenden in Weingaertners Zeit als Rekrut bei der NVA, ein paar Stereotype, etwa die unglaublich fleißige, bestechend geschickte Ukrainerin als Küchenkraft, ein paar Überflüssigkeiten wie das populistische Echauffieren über die Sterneküche und deren angeblich halsabschneiderischen Preise. Doch das sind Kleinigkeiten. Alles andere ist großer Lesespaß. JAKOB STROBEL Y SERRA
Jens Sparschuh: "Der Waldmeister". Roman.
Verlag Kiepenheuer & Witsch, Köln 2026. 365 S., geb.
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