
Besprechung vom 15.01.2025
Bigamisten mit Sonne
Johanna Grillmayers "Ein sicherer Ort"
Die aus der zweiten Reihe gewisperte Beleidigung hatten die Kinder natürlich vernommen, ihre tiefere Bedeutung hingegen nicht verstanden. "Was bedeutet 'Bigamisten'?, fragte Daniel und drehte die verschränkten Hände hin und her, und an der Art, wie ihre anderen Kinder sie ansahen, erkannte Jola, dass sie es ebenfalls nicht wussten." Und selbst nachdem Jola knapp erläutert, dass eine Bigamistin mehrere Männer hat - was in ihrem Fall ja auch stimme -, runzelt Tochter Lena noch verwirrt die Stirn, weil ihr die Stoßrichtung des Schimpfes nicht klar wird, da sei doch nichts Schlimmes dran. Doch das Patriarchat hat einen langen Atem, wie die Familie soeben in der Versammlung aller anliegenden Gehöfte mal wieder erfahren musste, es überdauert sogar den Weltuntergang. Denn die Welt, wie wir sie kennen, existiert nicht mehr, sie hat sich mit einem Großteil der Menschheit an einem heißen Sommertag des Jahres 2019 in Luft aufgelöst. Was sich bis heute, 17 Jahre später, weder die Überlebenden, geschweige denn die Nachgeborenen erklären können.
"Das Ereignis" kam aus dem Nichts und hat sich seither nicht wiederholt. Es ist die unerklärliche Leerstelle, um die Johanna Grillmayers dreiteilige Romanreihe kreist, die nach "That's Life in Dystopia" aus dem Vorjahr nun mit dem nächsten Vierhundertseiter "Ein sicherer Ort" grandios fortgesetzt wird. Allen ästhetischen Bedenken zum Trotz, schließlich haben undurchdachte Zukunftsszenerien auf dem deutschen Buchmarkt derzeit Konjunktur und drohen der stinklangweilig heruntergeschriebenen Mehrgenerationengeschichte den Midcult-Rang abzulaufen. Wie aber die ORF-Journalistin Grillmayer das Schicksal einer Patchworkfamilie nach dem Super-GAU auffaltet - ein literarisches Debüt, wohlgemerkt -, ist aller Ehren wert. Das begann bereits in Band 1, für dessen Einstieg die Autorin sich das siebte Jahr der neuen Zeitrechnung herauspickte. Ein clever gewählter Sprung, immerhin erodieren sieben Jahre nach dem Kollaps der Zivilisation allmählich die ungepflegten Straßen und sind bald auch die letzten Konserven nicht mehr genießbar. Ebenso ist das Mindesthaltbarkeitsdatum von Kondomen mit Vorsicht zu genießen. Daher auch die vielen Kinder, drei allein bekommt Jola in den ersten sechs Jahren. Klar, Kinder werden immer geboren, aber so ganz ohne medizinische Vor- und Nachsorge wird aus dem Krimi, den jede Geburt darstellt, schnell mal ein Thriller. Ihrer Freundin Ali geht es da nicht anders, auch was die promiske Partnerwahl unter den fünf Männern im Sonnenhof betrifft. Über die Jahre bauen die Mamas und Papas, wie die Kinder sie nennen, das alte Hotel zum semi-autarken Selbstversorgergut aus. Bis es allein nicht mehr geht, die Zögerlichen überstimmt werden und der Umzug in die Nähe einer losen Siedlung ansteht, in einen neuen Sonnenhof. Es leitet sie die Hoffnung, von den Überlebenskünsten der Nachbarn zu profitieren und eine Solidargemeinschaft zu bilden, denn das Leben in einer postkatastrophalen Alpenrepublik ist hart. Doch auch die Bedenken bewahrheiten sich, es kommt zu gewalttätigen Konflikten und der an Aischylos' "Orestie" erinnernden Frage nach der Stiftung von Gerichtsbarkeit. Wer darf nach dem Kollaps aller staatlichen Strukturen richten und vor allem über wen?
Von diesen Herausforderungen erzählt "Ein sicherer Ort" im nicht unbedingt neuen, aber bewährten Reißverschlussverfahren, das kapitelweise zwischen den Zeitebenen springt. Die Beziehungsgeflechte der Figuren gewinnen so merklich an Kontur; die alle auf ihre je eigene Art traumatisierten Charaktere wachsen dem Leser regelrecht ans Herz.
Was Johanna Grillmayers Trilogie bislang über die Masse an zeitgenössischen U- und Dystopien erhebt, ist die Sorgfalt und Plastizität ihrer Schilderungen, die glaubhaft an die Bedürfnisse der Menschen rühren, wozu auch die Sexualität gehört. Sollte es mit der Publikationstaktung so weitergehen, stünde nächstes Jahr die Veröffentlichung des dritten Teils an, auf die man sich zweifelsohne freuen darf. MAXIMILIAN MENGERINGHAUS
Johanna Grillmayer: "Ein sicherer Ort".
Müry Salzmann Verlag, Salzburg/Wien 2024. 432 S., geb.
Alle Rechte vorbehalten. © Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt am Main.