Middle England

Roman. Originaltitel: Middle England.
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Der Brexit spaltet die britische Gesellschaft und ganz Europa - Coes klug-ironische Komödie zeigt, wie es dazu kommen konnte.
Benjamin Trotter zieht in eine romantische Wassermühle in die Grafschaft Shropshire, ins Herz des ländlichen England, um sei … weiterlesen
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Produktdetails

Titel: Middle England
Autor/en: Jonathan Coe

ISBN: 3852568013
EAN: 9783852568010
Roman.
Originaltitel: Middle England.
Übersetzt von Cathrine Hornung, Dieter Fuchs
Folio Verlagsges. Mbh

11. Februar 2020 - gebunden - 477 Seiten

Beschreibung

Der Brexit spaltet die britische Gesellschaft und ganz Europa - Coes klug-ironische Komödie zeigt, wie es dazu kommen konnte.
Benjamin Trotter zieht in eine romantische Wassermühle in die Grafschaft Shropshire, ins Herz des ländlichen England, um seinen Roman, an dem er schon 30 Jahre arbeitet, zu beenden. Seine Nichte Sophie fühlt sich im multikulturellen London zu Hause, lebt aber nach der Heirat mit ihrem Mann in der Provinz und spürt ein zunehmendes Unbehagen; ist auch er so fremdenfeindlich wie seine Mutter? Doug, Journalist und Labour-Anhänger, schämt sich für sein luxuriöses Leben im reichen Chelsea, das sich kaum jemand noch leisten kann. In den vermeintlich idyllischen Midlands mit festen Werten und Traditionen kommt eine bizarre Sehnsucht nach Englishness auf, und eine tiefe Kluft zieht in diesem abgehängten Landesteil durch alle menschlichen Beziehungen. Ab wann lief alles schief? Dieser unterhaltsame und fein gesponnene Gesellschaftsroman blickt tief in die Seele des englischen Wesens.

Portrait

Jonathan Coe, 1961 in Birmingham geboren, studierte in Cambridge und Warwick, lebt in London. Er zählt zu den wichtigsten und witzigsten lebenden zeitgenössischen britischen Autoren. Zahlreiche Auszeichnungen, darunter der Prix Médicis, Ordre des Arts et des Lettres und der Premio Flaiano. Seine Romane sind verfilmt und in viele Sprachen übersetzt worden, u. a. "Erste Riten" (2002), "Das Haus des Schlafes" (2006), "Die ungeheuerliche Einsamkeit des Maxwell Sim" (2010).
Zuletzt auf Deutsch bei Folio ist erschienen: Nummer 11 (2017).

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 11.02.2020

Adieu to old England

Wie konnte es nur so weit kommen? Jonathan Coe sucht in seinem satirischen Gesellschaftsroman nach den Ursachen des Brexits und stößt dabei auf einen Riss, der immer tiefer wird.

Echt ein Alptraum . . . Bei jeder Gelegenheit wollen diese Arschgeigen einem noch mehr Geld abknöpfen" - über Radarfallen. "Alles nur Betrüger und Lügner, quer durch die Bank. Falsche Spesenabrechnungen, Steuerhinterziehung, dazu ein halbes Dutzend anderer Pöstchen" - über Politiker. "Was ich nicht verstehe, ist, wo das hinführen soll. Wie wir so weitermachen können. Wir stellen nichts mehr her. Und wenn wir nichts mehr herstellen, haben wir nichts zu verkaufen, und wie . . . wie sollen wir dann überleben?" - über den industriellen Komplex. "Wir sind verweichlicht. Kein Wunder, dass der Rest der Welt über uns lacht" - über das Land, das einmal das Vereinigte Königreich war.

Es sind solche Sätze, die den Anfang vom Umbruch markieren, weitere kommen hinzu, über Überfremdung und unerwünschte Ausländer, political correctness, die versunkene Glorie der BBC. Viele von ihnen spricht der alte weiße Mann Colin, der einst für British Leyland miese Autos baute. Er hat gerade seine Frau verloren, nach fünfundfünfzig Ehejahren. Sein Sohn, der erfolglose fünfzigjährige Schriftsteller Benjamin Trotter, hat sich nach gescheiterter Ehe aus London an das Ufer des Severn in eine alte Mühle verzogen, wo er privatisiert und einen auf Bilbo Beutlin macht.

Die Beziehung zu seinem Bruder Paul ist nachhaltig gestört; seine ihm innig zugetane Schwester Lois hat den Falschen geheiratet, was sie am Ende des Romans auch einsieht. Sie leidet noch immer unter einem Trauma, weil sie in den siebziger Jahren Zeugin wurde, wie ihr damaliger Freund einem Bombenanschlag in Birmingham zum Opfer fiel. Ihre Tochter Sophie ist eine aufstrebende Kunsthistorikerin, welche die Nase von akademischen Selbstbespieglern voll hat und einen muskulösen Fahrlehrer heiratet, Ian, ganz nett, aber schrecklich langweilig. Ihre gern Enoch Powell zitierende Schwiegermutter Helena ist sich wiederum mit Colin einig, in einem Land zu leben, das sie beide nicht mehr wiedererkennen.

Dann gibt es da Doug, den langjährigen Freund Benjamins, einen salonlinken Londoner Politikjournalisten, der sich heimlich mit Nigel, einem Berater David Camerons, trifft, um Insider-Informationen abzugreifen. Dougs Frau ist schrecklich reich und oberflächlich, man logiert unter ihresgleichen im noblen Chelsea, und die gemeinsame Tochter Coriander ist ein verpfuschtes Biest, das an der Uni dafür sorgt, dass Sophie wegen vermeintlichen Rassismus in karrieregefährdende Turbulenzen gerät.

Das Londoner Personal des Romans rund um Sophie ist entsprechend multikulturell und gleichgeschlechtlich, die Arbeitsbedingungen des akademischen Proletariats sind prekär, Symposien oder Kreuzfahrten mit kunsthistorischer Begleitung dienen dem Autor dazu, möglichst viele unterschiedliche Figuren auffahren zu können. Das gelingt Coe nicht durchgehend überzeugend: Zwei rivalisierende Clowns, die in den Gartencentern der Midlands Kinder bespaßen, müssen als Vehikel für konsumkritische Exkurse herhalten.

Denn der Autor hat nichts weniger als ein Cinemascope-Panorama der Gesellschaft im Sinn, zwei Hochzeiten und noch mehr Todesfälle. Er führt durch Suburbia und Birminghams gar nicht mehr so idyllisches Hinterland, in Baumärkte und Malls. Denn so leben sie heute, jene, die sich den Brexit-Riss quer durch die Familien zugezogen haben und ihn nicht wieder loswerden. Er entzweit Paare, Kinder und Eltern, Enkel und Großeltern, Freunde und Kollegen - er vergiftet, was man früher die "Keimzelle der Gesellschaft" nannte.

Einen retardierenden Moment der Selbstvergewisserung gibt es aber doch, den Abend des 27. Juli 2012, an dem sich die Mehrheit der Engländer an den Fernsehschirmen zu einer Nation vereinte und die von Danny Boyle inszenierte, mit dem Titel "Die Inseln der Wunder" überschriebene Eröffnungszeremonie der Olympischen Sommerspiele in London sah. God Save the Queen, die mit Bond-Darsteller Daniel Craig an einem Fallschirm zu hängen schien. Wir sind immer noch wer.

Jonathan Coe, diese feinfühlige Chronist englischer Gegenwart, ist in Birmingham aufgewachsen, und das merkt man dem Buch unbedingt an. Der Achtundfünfzigjährige kennt die wütenden Brexit-Befürworter aus erster Hand. Nach eigenen Angaben hat er das Buch geschrieben, weil ihn Bekannte angingen, er sei doch auch Teil jener ominösen Elite, die das Königreich an den Abgrund geführt habe. Der Autor zeichnet nach, mit welchem Unverständnis die mittelenglischen Bexiteers nach London schauen, wo man, wie Colin an einer Stelle sagt, "kein Wort Englisch mehr hören kann". Coe versteht die Wut der vermeintlich Abgehängten in einem gespaltenen Land, aber er zieht nicht deren Konsequenzen.

Mit "Middle England" (im Original 2018) hat er seinen Romanen "Erste Riten" (deutsch 2002) und "Klassentreffen" (2006, beide bei Piper) einen dritten hinzugefügt. Das Buch verhandelt die Jahre 2010 bis 2018, es endet mit einer für den 29. März 2019 angekündigten Geburt. Dass dieser politische Austrittstermin platzen würde, konnte Coe nicht vorhersehen. Heute wissen wir, warum es länger gedauert hat. Am Wert des vorliegenden literarischen Textes ändert das nichts. Coe bemüht sich um Gleichbehandlung seiner Figuren, hegt keine denunziatorischen Absichten, nur am Türöffner des Brexits, David Cameron, lässt er kein gutes Haar.

Die Chronologie folgt der Zeitgeschichte. Akribisch nacherzählte tagespolitische Details illustrieren den zunächst schleichenden Verfallsprozess. So liest sich der Roman auch wie ein Rückblick auf die zehner Jahre. Im Kern geht es natürlich um Selbstvergewisserung und um die Frage, ob man nicht vielleicht immer schon bloß ein Volk von harmlosen Spinnern war. Angeknackst ist das Selbstwertgefühl vieler Figuren auch, weil sie die psychischen Folgen des zerbröselnden Imperiums nicht reflektieren. Aus den gefühlskalten Beherrschern eines weltumspannenden Empires wurde innerhalb weniger Jahrzehnte ein Haufen unkontrollierter Polithasardeure, die sich vor den Augen der Welt zerlegten. Wo sind die Pragmatiker von einst? Welches Klassensystem zeugte und gebar die Präponenten der politischen Klasse, die durch Lügen und eklatante Führungsschwäche jegliches Vertrauen verspielten?

Gleich zu Beginn des Buchs hört Benjamin Trotter Shirley Collins' wundersamen Folksong "Adieu to old England" aus dem Jahr 1974, den man als Lektüreergänzung unbedingt nachhören sollte: "Adieu to old England / And adieu to some hundred of pounds / If the world had been ended when I had been young / My sorrows I'd never have known." Schon in den siebziger Jahren also wurden Zweifel am britischen Exzeptionalismus angemeldet. Sebastian Coes ernüchternder Roman ist ein weiterer Sargnagel für diesen Mythos.

HANNES HINTERMEIER

Jonathan Coe: "Middle England". Roman.

Aus dem Englischen von Cathrine Hornung und Dieter Fuchs. Folio Verlag, Bozen 2020. 480 S., geb.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.

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von Jens M. - Hugendubel Buchhandlung Frankfurt am Main Steinweg - 16.07.2020
Absolut souverän erzählter Gesellschafts- und Familienroman.. Erzählt werden die Geschehnisse um die Familie Trotter in den Jahren 2010 bis 2018. Genau beobachtet, voller Gesellschaftssatire und bissigem britischen Humor erzählt Coe auch, woher die Strömungen kommen, die zum Willen zum Brexit führten.
Paule-Francoise Goyheneix
Gut unterhalten ins Herz der Briten geschaut...
von Paule-Francoise Goyheneix - Hugendubel Buchhandlung Flensburg Holm - 10.04.2020
Mit diesem Roman hat Jonahan Coe auf das Personal früherer Werke zuückgegriffen. Dennoch lässt sich Middle England unabhängig davon gut lesen. Eine Liste der Hauptpersonen empfiehlt sich als Orientierungshilfe, eine detaillierte gibt es auf Wikipedia. Die Geschichte beginnt April 2010 und endet September 2018. Dazwischen bestimmen zahlreiche Höhen und Tiefen im Leben der Familie Trotter den Rhythmus der Erzählung. Eine Landschaft entsteht, Mittel England, in der Stimmen von Brexitbefürwortern immer lauter werden. Alle Charaktere sind liebevoll gezeichnet, ein feiner Humor durchzieht die Seiten, zuweilen bis zur schrägen Situationskomik hin. Zärtlichkeit, Wehmut, Sehnsucht, Sozialkritik und politische Ansichten gehen Hand in Hand, das Ganze wird zu einem unvergesslichen breitgefächerten Porträt einer gespaltenen Nation. Dieses Buch habe ich langsam gelesen und nur genossen.
Bewertungen unserer Kunden
Adieu to old England, adieu?
von elke17 - 01.05.2020
In den vergangenen Monaten habe ich viele Bücher zum Thema Brexit gelesen, mich dabei aber selten so gut unterhalten gefühlt wie in Jonathan Coes "Middle England" (prämiert mit dem Costa Novel Award 2019). Am Beispiel der Familie Trotter (bekannt aus den Vorgängerbänden "Erste Riten" und "Klassentreffen" - Kenntnis nicht zwingend erforderlich) zeigt der Autor uns die Veränderungen auf, die das Vereinigte Königreich hin zu dem gespaltenen England dieser Tage durchlaufen hat. Über einen Zeitraum von 2010 bis 2018 begleiten wir Ben, den Möchtegern-Schriftsteller, mittlerweile Privatier und Besitzer einer Wassermühle in den West Midlands und Doug, Bens Schulfreund und politisch links angesiedelter Journalist, der eine außereheliche Affäre mit einer Tory-Abgeordneten hat. Und dann ist da noch Sophie, die Kunsthistorikerin und Bens Nichte. Verheiratet mit einem Fahrlehrer, dessen Mutter die Stimme der derjenigen verkörpert, die in dem Zustrom der Einwanderer Englands Untergang kommen sieht, deren Dienste aber gerne in Anspruch nimmt. Dazu gesellt sich noch eine Vielzahl von Figuren, die jede in irgendeiner Weise mit diesen in Verbindung steht. Neben diesen fiktiven Leben nehmen aber auch, wie könnte es anders sein, die politischen Veränderungen in England innerhalb dieser Zeit Raum ein. Die Olympischen Spiele, die Unruhen im Sommer 2011, die Wahlen und schlussendlich das Referendum, dessen Ausgang die Ängste, Vorurteile und Unzufriedenheit - gerade der älteren Generation - mit Englands Rolle in der Welt widerspiegelt und einfängt. Und nicht zuletzt erfahren wir auch etwas über die mediale Landschaft und den Literaturbetrieb. Bens literarisches Projekt, das mittlerweile über 3000 Seiten umfasst, gewinnt den Booker Prize, nachdem er es auf Anraten seines Lektor-Freundes auf 200 Seiten zusammengestrichen hat. Verpackt in individuelle Schicksale ist "Middle England" zum einen ein faszinierendes, humorvolles Porträt vom Leben abseits der Metropolen, zum anderen aber auch die schonungslose Bestandsaufnahme der englischen Befindlichkeiten, deren Resultat im Brexit gipfelte. Nachdrückliche Leseempfehlung
von Gisela Block - 04.02.2020
Viele von uns fragen sich, wie Großbritannien nur in diesen Brexit-Schlamassel geraten ist. Jonathan Coe erzählt anhand verschiedener Personen, jung und alt, Akademiker oder Nichtakademiker, politisch engagiert oder völlig desinteressiert, wie es zu dem Referendum 2016 gekommen sein könnte. In teilweise amüsant-ironischer, literarisch hervorragender Art, beschreibt er in diesem wunderbaren Roman die Entwicklung der Personen und des Landes vor und nach dem Entscheid. Ein unbedingtes Lese-Muss für alle Englandfans.
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