
Besprechung vom 10.06.2026
"Wir müssen prüfen"
Nirgends sind Menschen gleicher und zugleich ohnmächtiger als dort, wo sie in einem Stau stehen. Für niemanden gibt es allein ein Vor oder Zurück, gleich ob Knecht oder Herr. Dasselbe Gefühl uniformierender Ohnmacht vor der Sicherheitskontrolle, wie sie an einem Flughafen unausweichlich geworden ist. Wie Vieh im Gatter bewegen sich Menschenkörper im Tempo einer langsamen Prozession schweigend voran, magisch angezogen von einer Installation, die sicher schon aus funktionalen Gründen so konstruiert ist, dass sie anmutet wie ein Tor.
Ist dieses geheimnisvoll strahlende Artefakt aber nicht auch ein Materialisat jener für moderne Gesellschaften konstitutiven Normalisierungspolitik, die individuelle Freiheit an die Unterwerfung unter kollektive Normen bindet? Und - mehr noch - ist das Durchschreiten dieses mäandernden, von künstlichem Licht erhellten Parcours nicht auch mehr ein pseudosakraler Passageritus, dem es sich zu unterwerfen gilt, als gälte es, am Ende der Apokalypse eines jener Tore zu passieren, die schleusengleich den Weg in himmlische Jerusalems eröffnen, dessen Frieden die Menschheit ersehnt?
Wenn hinter dem Tor nicht die himmlischen Freuden warten, sondern nur die Glitzerwelten der mundanen Massenmobilität, so gilt auch hier: keine Erlösung ohne tätige Reue. Was früher die restitutio womöglich unrechtmäßig erworbenen Gutes war, um im Angesicht des Todes von Sündenstrafen freigesprochen werden zu können, das sind in einem von allgegenwärtigem Terror bedrohten Kurzzeitkollektiv wie dem eines vollbesetzen Flugzeugs Akte planvoller Selbsterniedrigung. Kleidungsstücke vor aller Augen abgelegt, den höchstpersönlichen Inhalt von Taschen in eine Wanne geleert, dann ein sekundenlanges Verharren in einer Körperhaltung mit über den Kopf erhobenen Armen - die conditio humana bloßgestellt buchstäblich bis auf die Knochen.
Freilich ist es nicht damit getan, das Tor als gefahrlos passiert zu haben. Die potentielle Gefahr, die von jeder und jedem ausgeht, ist nicht allein an den Körper als solchen gebunden. Auch auf dem Inhalt der Gepäckstücke, die von unsichtbarer Hand bewegt auf einem Förderband eine black box passieren, lastet der Generalverdacht, er könnte als Waffe gegen die eigenen Artgenossen gerichtet werden. Und wehe dem, dessen Habseligkeiten Verdacht erregt haben. Wie sich in einem mittelalterlichen Triptychon die Sphären der Heiligen und der Verdammten trennen, so ziehen die einen voller Erleichterung von dannen, während die anderen ein hochnotpeinliches Inquisitionsverfahren gewärtigen müssen.
"Wir müssen prüfen", sagte das fleischgewordene Versprechen staatlich garantierter Sicherheit, ohne den Blick von dem potentiellen corpus delicti abzuwenden. Wonach er suchte, war den Bewegungen seiner Finger nicht zu entnehmen. Als er endlich zupackte, hatte er nicht etwa ein elektrisches Gerät oder einen tief im Inneren verborgenen metallischen Gegenstand ertastest. Nein, es waren die Umrisse eines Buchs, die den Rucksack und seinen Besitzer potentiell zu einem Terroristen gemacht hatten.
Nicht, dass von Literatur in diesen Zeiten eine gewaltige Sprengkraft ausgehen kann. Und in Hohlräumen zwischen solide erscheinenden Buchdeckeln mag sich manches verbergen, was nicht für die Augen selbst der nächsten Verwandten bestimmt ist. Aber nichts da. Zum Vorschein kam nur ein Taschenbuch aus dem von Marcel Reich-Ranicki sorgsam kuratierten Kanon der deutschen Literatur des zwanzigsten Jahrhunderts: Heimito von Doderers "Strudlhofstiege", nach Roths "Radetzkymarsch" und Musils "Mann ohne Eigenschaften" der letzte und wienerischste der drei monumentalen Abgesänge auf Kakakien.
Freilich waren es wohl kaum die landsmannschaftlichen Zusammenhänge und damit die damals wie heute subversive Poetik des Jahrhundertromans, die den im Dunklen wirkenden Algorithmus aufgeschreckt hatten, um das Gepäckstück buchstäblich aus dem Verkehr ziehen zu lassen. Was der Künstlichen Intelligenz verdächtig vorgekommen war, hörte sich aus menschlichem Mund so an: "Wir haben unsere Vorschriften." Dies ließ der Zerberus verlauten, während er das Buch fast teilnahmslos mit dem Daumen seiner rechten Hand aufblätterte. Und als der uniformierte Literaturkritiker das dünndruckpapierne Meisterwerk wieder an seinem Platz zu verstauen versuchte, fällte er das vernichtende Urteil: "Zu dicht." Wenn er nur wüsste, dachten wir, ehe wir nicht von der Last des Buches, aber von jeder Schuld befreit das Weite suchten. DANIEL DECKERS
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