In "Du, hier" taucht Julia Wolf durch 11 Kurzgeschichten tief in die Lebensrealitäten von 11 Frauen ein. Dabei zeigt jede neue Geschichte eine neue Perspektive auf. Die diversen Storys scheinen mitten aus dem Leben gegriffen und die Protagonistinnen so real, dass ich das Gefühl habe ich könnte die ein oder andere Mal zum Brunch einladen um zu fragen wie es so weitergegangen ist.
Wolfs Schreibstil ist dabei wunderbar wandelbar und variiert von Geschichte zu Geschichte. Mal ist er unfassbar spannend und lässt meinen Puls in die Höhe schnellen, mal wirkt er beinahe manisch, mal lakonisch oder gar verträumt. Immer passt Wolf ihren Stil ihrer Protagonistin an, beschreibt nicht nur, sondern lässt den Schreibstil selbst zur Charakterisierung beitragen.
Die Geschichten selbst sind aus meiner Sicht sehr unterschiedlich, so mutet "Dickicht" beinahe wie ein Horrorfilm an (aber vermutlich auch nur aus Frauensicht, was es wieder sooo gut macht), wohingegen "Kopfbewohner" ein Psychogramm einer Frau zu sein scheint deren Verstand so gerade eben noch am seidenen Faden hängt. "Plan Adebar" ließ mich trauern um ein "was hätte sein können" um am Ende zumindest ein wenig Hoffnung zu geben. "DELETE" ließ mich erst raten wohin es gehen würde, um mich am Ende sprachlos und mit Gänsehaut zurück zu lassen. "Ein schönes Paar", "Eden", "Alles öffnet sich" haben mich eben so berührt wie bereichert. Aber auch die anderen 4 Geschichten werden mich noch ein wenig in Gedanken begleiten.
Dabei ist vieles von dem Wolf hier schreibt, stellenweise schmerzhaft, stellenweise wundervoll vertraut. Viele Situationen bekannt, entweder weil man es selbst erlebt hat oder einem eine gute Freundin davon berichtet hat.
Tabus werden aufgebrochen, angesprochen und ich hatte die gesamte Zeit das Gefühl, dass hier sich endlich mal jemand traut Klartext zu sprechen und Dinge zu benennen über die man sonst erst nach dem dritten Glas Rotwein mit seinen besten Freundinnen flüstert.
Mich hat das Lesen dieses Buches klar bereichert und mir das ein oder andere mitgegeben und wenn es nur das Gefühl ist "das kennen ja auch doch noch andere" und man sich am Ende des Buches weniger allein fühlt mit den Tücken und Fallstricken, die das Leben als Frau so mit sich bringen.
Fazit:
"Du, hier" ist ein vielschichtiger, ehrlicher und stellenweise schonungslos offener Blick auf weibliche Lebensrealitäten. Julia Wolf gelingt es mit wenigen Seiten pro Geschichte ganze Innenwelten zu entwickeln, die so nahbar wirken als könnten sie in der Bahn neben einem sitzen. Nicht jede Geschichte ist dabei gleichstark, doch gerade diese Vielfalt macht den Reiz aus und so wird sicher jede eine andere Lieblingsgeschichte finden. Was bleibt ist das Gefühl, dass hier jemand ganz genau hingesehen und ausgesprochen hat, was sonst oft unausgesprochen bleibt. Und das Frau mit vielen dieser Erfahrungen eben doch nicht alleine da steht.
Für wen?
Eine klare Empfehlung für alle die literarische Kurzgeschichten mögen und sich für schonungslose, ehrliche Einblicke in das Leben von Frauen interessieren.