
»Wenn ich aus den Neuerscheinungen dieses Frühjahrs nur ein einziges Buch auf die einsame Insel mitnehmen dürfte, es wäre 'Du, hier' von Julia Wolf. « Claudia Ingenhoven, MDR Kultur
»Julia Wolfs Kurzgeschichten gehören zum Besten, was dieses Genre in den letzten Jahren hervorgebracht hat. « Rainer Moritz, Deutschlandfunk Kultur
Stella, Judith, Wanda und die anderen Heldinnen in diesem Buch sind nicht mehr jung, aber auch noch nicht alt. Hineingewachsen in ihre Rollen als Freundinnen, Geliebte, erwachsene Töchter oder späte Mütter, stellen sie fest: Ihre Lebensentwürfe sind brüchig. Und so werden die Begegnung mit der besten Freundin aus Schultagen, die Prügelei mit einem Catcaller oder der Besuch im Haus der gerade verstorbenen Schwiegermutter zu Momenten, in denen sie vorgeprägte Wege verlassen.
Feinsinnig, humorvoll und mit entlarvender Ehrlichkeit erzählt Julia Wolf in ihrem ersten Band mit Stories von elf Frauen, die neue Formen von Lust und Wut entdecken.
»Eine kleine Sensation. Ein lauernder weiblicher Skandal in haarsträubenden Episoden. « Katharina Teutsch, Frankfurter Allgemeine Zeitung
»Ein dichtes Gewebe von weiblichen Verfasstheiten, die sich in ihrer Universalität gut ergänzen. Klug und stilsicher. « Valerie Bäuerlein, Berliner Morgenpost
»Bei jeder Geschichte das Gefühl: Oh, wow, die hier wird meine liebste. Diese Stories sind außergewöhnlich - abgründig und einfallsreich. Grandios! « Maria-Christina Piwowarski
»Ich will mit Julia Wolfs Figuren befreundet sein. Will mit ihnen lachen, weinen, die Augen verdrehen und die Fäuste heben! « Ruth-Maria Thomas
Besprechung vom 17.04.2026
Geballte Faust in der Manteltasche
Böse Geschichten: Julia Wolfs Erzählband "Du, hier"
Elf Storys über elf Frauen auf dem Zuschauerrang ihres Lebens, die plötzlich und von unbewussten Kräften gezogen über das Tribünengeländer steigen, sich während des ungelenken Manövers die Strumpfhose zerreißen und logischerweise nicht immer die eleganteste Figur zu allem machen: Vielleicht wäre das die passende Kurzbeschreibung für Julia Wolfs Erzählungsband, der wirklich eine kleine Sensation ist. Ein lauernder weiblicher Skandal in haarsträubenden Episoden nämlich.
Sie beginnen alltäglich und scheinen zunächst nicht der Rede wert, doch am Ende stimmt die alte Ordnung nicht mehr. Über allem liegt dann die Atmosphäre einer geballten Faust, vergraben in einer Manteltasche - ein Status zwischen Beherrschung und Entgleisung. Frauen sollen aber den allgemeinen Skripten der Weiblichkeit gemäß nicht entgleisen. Sie sollen sich beherrschen. Also beherrschen sie sich. Ein Zustand, mit dem sich ein Gutteil der weiblichen Leserschaft identifizieren können dürfte. Und natürlich auch die Frauen, die in Wolfs Storys ihre kurzen, tragikomischen Hauptrollen spielen.
In "Pfirsich, Tropfen, Faust" feiern zwei Freundinnen den 41. Geburtstag der einen. Sie sind nicht mehr jung, aber auch nicht alt. Sie haben trotzdem schon lange nicht mehr getanzt. Stattdessen haben sie kleine Kinder zu Hause und nette Ehemänner. Ein an sich selbst gerichtetes Du resümiert die Lage: "Du warst monatelang zuhause eingesperrt, du hast nichts zu erzählen. Und du willst nicht die Frau sein, die nur darüber redet, wie müde sie ist." Also versucht sie eins zu werden mit dem Raum und der Musik und dem Klang der Stimmen. Dann spielt der DJ, mit dem sie mal was hatte - früher, damals, in ihrem anderen Leben -, "ihr" Lied: "Fuck you I won't do what you tell me das fühlt sich so gut an wie lange nichts mehr." Und sie springt in die Luft, ausgelassen, rebellisch, landet hart auf den Füßen und: "Hitze schießt dir zwischen die Beine. Nässe. Du erstarrst. Du siehst, wie deine Freundin den Kopf in den Nacken wirft, der Barkeeper dir zuzwinkert, und ahnst: Für dich ist die Party vorbei."
Das wäre ein mieses Ende. Doch Julia Wolf lässt den Abend ihrer Heldin jetzt erst richtig beginnen. Sie stiehlt sich von der Party, laviert durch ein nächtliches Berlin von Späti zu Späti, wo sie beschwingt ein paar Bierchen kippt. Siebzehn verpasste Anrufe des Geburtstagskinds, die sie nur mit den Emojis Pfirsich, Tropfen, Faust beantwortet. Irgendwann wird es ihr kalt, also macht sie sich auf den Heimweg. Ein Fremder läuft hinter ihr hier, baggert sie an ("Hey Süße"), wird zudringlich. Und sie? "Und du? Spürst ein Lachen in dir aufsteigen. Süße! Wenn der wüsste. Riesin, die du bist, reißt du den Mund auf und lachst."
Was ist das für eine Geschichte? Sie beginnt mit einem Beckenbodenmalheur und endet mit einer Vergewaltigung in einem Berliner Wohngebiet? Ein Mann, der bei seinen kläglichen Virilitätsritualen ausgelacht wird, ist eine tickende Zeitbombe, das weiß doch jede Frau. Also hält man die Luft an, fährt mit der inzwischen unflätig Beschimpften herum - und spürt die Faust, die geballte Faust, die jetzt zuschlägt.
Das völlig unerwartete Ende gehört zu den großartigen Kunstgriffen einer Autorin, der es gelingt, ohne sich zu wiederholen, in jeder Geschichte von weiblichen Suchbewegungen zwischen Häuslichkeit und Rebellion zu schreiben. Das Ganze hat dabei keinerlei Manifestcharakter, ist keine an irgendwen oder irgendwas gerichtete Anklage und keine Wutrede. Es geht um ganz normale Frauen, die nicht völlig herausfallen aus dem Erwartungsspektrum, die aber auf einer Grenze wandeln, die Julia Wolf in einem Gelände voller Absturzgefahren markiert.
In der Erzählung "Passagiere" erleben wir eine Fernfahrerin, die mit ihrer Enkeltochter einen desaströsen Ausflug in den Zoo unternimmt. In "Kopfbewohner" schlägt eine Frau ihr Kind vor den Augen der schockierten Spielplatzmütter. In "Alles öffnet sich" beginnt eine sitzengelassene Ehefrau eine Affäre mit der Altenpflegerin ihrer demenzkranken Mutter.
Oder Stella. Sie (früher eine "verfeierte Braut") ist einem Mann ("nicht der Beifahrertyp") aufs Land gefolgt. "Es war nur logisch gewesen, raus aus der Stadt, die nüchtern so hässlich geworden war, überall Müll, die Leute so fertig." Hier draußen ist dagegen alles vom Feinsten: der kochende Mann, seine ihn dazu befähigende Kochinsel, die Travertin-Platten aus Italien für die Terrasse - und die edlen Armaturen.
Eines Tages trifft Stella in der titelgebenden Erzählung "Du, hier" vor dem örtlichen Baumarkt eine Freundin aus Kindertagen wieder. Antonia war damals auf dem Weg, zum Tennisstar zu werden, und hat jetzt hier, in der Provinz, ein Match. Aus ihrer überraschten Äußerung "Du, hier?" meint Stella sofort ein Urteil herauszuhören. Ja, wie ist sie hier eigentlich gelandet? Wie konnte das passieren? Ausgerechnet sie lebt in diesem Design-Gefängnis mit einem Mann, der über jeden Zweifel erhaben zu sein scheint. Ein netter Kerl, aber kein Beifahrertyp eben. Ist sie das denn aber: eine Beifahrerin?
Spontan wird die Freundin zu einer kleinen Dinnerparty eingeladen. In der Nacht kommen sich die beiden Frauen näher. Wie nah, bleibt unklar. Ein rauschhaftes Tennisspiel dient hier als erotische Projektionsfläche für die Generation Steffi Graf.
Am nächsten Tag wird die Tennisfreundin von ihren Gastgebern zum Bahnhof gefahren. Stella greift, während die anderen schon im Auto warten, noch einmal zur (wahrscheinlich auch perfekt ausgestatteten) Werkzeugkiste. Wo bleibt sie denn so lang? Als das Paar schließlich wieder zu Hause ankommt, lässt Stella sich Zeit mit dem Aussteigen. Sie will den Moment ganz allein genießen, der jetzt unweigerlich kommen muss. Wenn ihr Freund nämlich begreift, dass die teuren Armaturen in der Küche fehlen. Antonia hatte sie zuvor noch bewundernd gestreichelt.
Jede der elf bösen Geschichten erzählt von weiblichen Anpassungsleistungen, die entweder in irre Übersprungshandlungen kippen oder gleich in richtige Akte der Rebellion. Das macht Spaß zu lesen, hat aber auch eine durchaus bittere Note. Denn ja, die Dinge sind kompliziert und nicht leicht zu durchschauen, weswegen sie auch nicht leicht zu ändern sind. Julia Wolf findet die richtigen Szenen für die Darstellung dieser Verhältnisse. KATHARINA TEUTSCH
Julia Wolf:
"Du, hier". Erzählungen.
Dtv, München 2026.
256 S., geb.
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