
Kriegsende 1945. Deutschland liegt in Schutt und Asche. In dieses Land kehrt eine Frau zurück aus dem Exil und findet ihre Lebensaufgabe. Jella Lepman möchte am Aufbau einer besseren, friedlicheren Welt für Kinder mitwirken.
Sie sammelt Tausende Kinderbücher und legt damit den Grundstein für die Internationale Jugendbuchbibliothek in München.
Besprechung vom 24.11.2025
Und Friede auf Erden den Menschen, die gute Bücher lesen
Katherine Paterson erzählt und Sally Deng illustriert die Geschichte von Jella Lepman, die an die Kraft von Kinderliteratur glaubte
Jella Lepman dürfte den meisten von uns heute generationenbedingt ganz fern sein, aber ihre größte Errungenschaft ist in der Nähe zu besichtigen: in München. Dort bietet die Internationale Jugendbibliothek ein weltweit einmaliges Angebot von nahezu 700.000 Büchern für junges Publikum, verfasst in insgesamt 250 Sprachen. Dafür war ein Umzug erforderlich, denn das Haus in der Maxvorstadt, das Jella Lepman 1949 bei der durch ihr Engagement ermöglichten Gründung beziehen konnte, reichte drei Jahrzehnte später nicht mehr aus, um die von ursprünglich achttausend Titeln ständig angewachsenen Bestände unterzubringen. 1983 zog die Bibliothek deshalb ins ehedem kurfürstliche Jagdschloss Blutenburg um, das längst von der Stadt umschlossen worden war, aber durch Wassergraben und Mauerring den Anschein einer eigenen Welt mitten in München vermittelt. Eine zauberhafte Burg wie aus Kinderträumen - das passt. Wie die Nachbarn von der Erich-Kästner-Gesellschaft im gleichen Gebäude.
Die Gründerin hat den Umzug in die Blutenburg nicht mehr erlebt; Jella Lepman ist 1970 in Zürich gestorben, wo sie lebte, seit sie die Leitung der Internationalen Jugendbibliothek 1957 abgegeben hatte. Man könnte nun denken, dass ihr Wegzug damit zu tun gehabt hätte, dass sie den Deutschen misstraute, nachdem die 1891 geborene Jüdin ihre Stelle als Journalistin in Stuttgart 1934 hatte aufgeben müssen, um sich und ihre beiden Kinder (ihr Mann war früh gestorben) vor den Nazis in Sicherheit zu bringen. Lepman gelangte über Italien nach England, wo sie für die BBC tätig wurde. Nach der Kapitulation wurde sie in die amerikanische Besatzungszone (in der ihre Geburtsstadt Stuttgart lag) gebeten, um an einer Frauenzeitschrift mitzuarbeiten, die den Deutschen demokratische Werte vermitteln sollte. Aber Jella Lepman setzte viel mehr Hoffnung in Kinder als in Erwachsene.
Deshalb erbettelte sie aus anderen Staaten Bücherspenden für das darniederliegende Deutschland, und selbst in einst von Hitlers Truppen besetzten Ländern fiel dieses Ansinnen auf fruchtbaren Boden. So bekam Lepman den Gründungsbestand der Internationalen Jugendbibliothek zusammen, und sie selbst war fortan optimistisch, was die Zukunft der Bundesrepublik anging, denn je mehr Zeit vergehen würde, desto weniger würden vom Nationalsozialismus kompromittierte Menschen die deutschen Geschicke lenken. Ihr Wegzug nach Zürich erfolgte also nicht aus ideologischen Bedenken, sondern weil sie die bürokratischen Querelen um ihre völkerverbindende Idee satt hatte.
Diese Lebensgeschichte mit ständigem Auf und Ab erzählt nun die bekannte amerikanische Kinderbuchautorin Katherine Paterson für ein junges Publikum nach - unterstützt von der Internationalen Jugendbibliothek, deren Direktorin Christiane Raabe auch ein Nachwort beigesteuert hat. Und Patersons Landsfrau Sally Deng hat zum Buch Illustrationen geschaffen, die beträchtlichen Reiz daraus ziehen, dass historische Fotos mit den Zeichnungen, denen sie als Vorlage dienten, collagiert werden: zu Abbildungen, die dadurch die Üblichkeiten der Jugendbuchillustration ebenso hinter sich lassen, wie es Jelle Lepman mit den Gepflogenheiten des Umgangs mit Besiegten gelungen ist. Die Zeichnungen allein hätten den Eindruck der Fünfzigerjahre erweckt, auch der Pastellfarben wegen, die Deng gebraucht; in Kombination mit den meist noch älteren Fotos ergibt sich dagegen erstaunlicherweise ein zeitloser Eindruck, zu dem auch die lockere Verteilung der Illustrationen auf den Seiten beiträgt.
Etwas enttäuschend ist lediglich, dass bei den (zu) zahlreichen Bildern, die Lepmans Vision ihres alle Sprachgrenzen überschreitenden Sammelkonzepts zeigen, monoton dieselbe Darstellung Verwendung findet: ein Vorbeiflug bekannter Figuren und Szenen aus der internationalen Kinderliteratur. Und da wäre doch wirklich noch mehr zu finden gewesen als nur immer wieder "Pu der Bär", "Nils Holgersson", "Alice im Wunderland", "Bambi", "Pinocchio" oder "Heidi". Ganz zu schweigen davon, dass man den westlichen Kulturkreis auch einmal hätte verlassen können. Schließlich hat Jella Lepman auch das Kuratorium IBBY (International Board on Books for Young People) ins Leben gerufen und die Jugend-UN, in der sich Kinder aus der ganzen Welt versammelten, um ihre Stimme für Friedensbemühungen zu erheben.
Ganz und gar konventionell ist dann die Erzählweise von Paterson ausgefallen. Das schadet nicht notwendig angesichts des höchst ungewöhnlichen lebensgeschichtlichen Gegenstands, und es ist durchaus rührend zu lesen, dass Paterson sich mit der Enkelin von Jella Lepman angefreundet hat, aber daraus entstand am Schluss eine offenbar persönliche Verpflichtung, die Freundin auch besonders prominent noch vorkommen zu lassen. Das ist gegenüber anderen Familienmitgliedern unverhältnismäßig. Eine Frau vom Wagemut einer Jella Lepman hätte auch eine unkonventionelle Biographin verdient gehabt. ANDREAS PLATTHAUS
Katherine Paterson, Sally Deng: "Jella Lepman und ihre Bibliothek der Träume".
Aus dem Englischen von Alexandra Rak. NordSüd Verlag,
Zürich 2025. 110 S., geb., 30,- Euro. Ab 10 J.
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