
Die Entstehungsgeschichte ihres ungewöhnlichsten Bildes: Als Lucian Freud, Enkel Sigmund Freuds, die Queen bittet, ihr Porträt malen zu dürfen, ist er fast 80 Jahre alt und in einer persönlichen Krise. Queen Elizabeth II hat nach dem Unfalltod von Lady Di ein massives Imageproblem. Obwohl Freud als unberechenbar gilt, willigt sie ein und sitzt ihm von Mai 2000 bis Dezember 2001 in monatlichen mehrstündigen Sitzungen Modell. Der Roman erzählt, was hinter verschlossenen Türen geschah. Die Begegnung von zwei der prominentesten Briten wird zur Exkursion in sorgsam gehütete Geheimnisse. Und zum Abenteuer einer radikal neuen Erfahrung und Selbsterfahrung. Ein faszinierender Beziehungsroman, profund recherchiert und subtil imaginiert.
»Singer schreibt für leidenschaftliche Leser. « Elke Heidenreich
Besprechung vom 12.05.2026
Eine Intimität auf Distanz
Lea Singer stellt sich vor, wie Lucian Freud vor 25 Jahren das Porträt der britischen Königin Elisabeth II. gemalt hat.
Wer grade die Ausstellung "Lucian Freud: Drawing into Painting" der National Portrait Gallery in London gesehen hat, dem wird dieser kleine Roman samt seinem Titel "Eine Frage des Formats" noch ein wenig näher kommen. Denn er handelt von der Entstehung des Porträts "Queen Elizabeth II", das dort zwischen einer Reihe kleinformatiger Kopfstücke hängt. Als Lucian Freud mit dem Bildnis, das 2000/01 entstand, begann, war er 78, die britische Königin 74 Jahre alt.
Er ist der Enkel, man weiß es, von Sigmund Freud und war schon damals ein Star der Malerei, berühmt berüchtigt gleichermaßen wegen der schonungslosen Nacktheit, in der er seine Modelle gern darstellte, wie für seine schlechten Manieren und (wahrscheinlich) vierzehn Kinder diverser Exfrauen und Geliebten. Er hatte darum gebeten, die Queen malen zu dürfen, und, durchaus erstaunlich, sie hatte zugestimmt. Allerdings setzte sie ihm einen Zeitrahmen, der viel enger war, als er gemeinhin für seine Bilder brauchte: "Sie gibt mir neun Mal zwei Stunden. Achtzehn Stunden, du weißt, wie weit ich damit komme", bekommt sein treuer Begleiter David Dawson im Roman zu hören. Was Freud umso mehr fordert, als er gerade in einer Schaffenskrise ist. Die Königin ihrerseits leidet seit dem Unfalltod ihrer Schwiegertochter Diana unter einer Öffentlichkeit, die ihr mangelnd bezeigte Trauer übel nimmt.
Das Buch erzählt von den Sitzungen im St James's Palace. Dawson, der Freud begleitet, hat ein schweres Diadem mitgebracht. Er brauche es, bescheidet der Maler die Königin, "damit man Sie überhaupt erkennt. - Sie haben recht, Mister Freud, sagte die alte Dame. Auch wenn ich Beige trüge, würde mich kein Mensch erkennen." Damit macht sie einen ersten Punkt im Match zwischen ihr und dem alten Mann, das nun beginnt.
Schon ziemlich früh meint die alte Dame, entdeckt zu haben, "wie viel uns verbindet". Der Maler fragt: "Zum Beispiel?" Im Roman lautet die Antwort: "Uns beide kann keiner rausschmeißen. Wir beide machen so lange weiter, wie wir wollen. Ob es der Konkurrenz passt oder nicht. - Stimmt, sagte Lucian, ich werde mich zu Tode malen in meinem Atelier, und Sie werden sich zu Tode regieren in Ihrem Laden. Und was noch Ma'am? - Ach, Mister Freud, da kommen Sie sicher selbst drauf."
Die Queen wird kühner in ihrem erstaunlichen Interesse an Freuds Kunst, während sie ihm Modell sitzt. Sie hat begonnen, sich in einschlägige Bücher und Kunstzeitschriften zu vertiefen, ist irritiert zumal von seinen Nacktbildern wie jenen wohl bekanntesten der üppigen Arbeitsamt-Mitarbeiterin Sue Tilley. (Hier nur am Rand: Zuletzt wurde eines dieser Gemälde, "Benefits Supervisor Resting", 2015 bei einer Auktion in New York für fünfzig Millionen Dollar zugeschlagen; der aktuelle Besitzer ist unbekannt.) Weil in ihrem Schlafzimmer ein Stillleben hängt, will sie wissen, wie er es damit halte: "Worauf fällt Ihr Blick im Schlafzimmer? - Auf die Quelle des Lebens, Ma'am. - Wie schön, gemalt von? - Es ist eine Bronze, Ma'am, eine Bronze von Rodin, ein Torso der Göttin Iris. Ich blicke ihr direkt zwischen die weit gespreizten Schenkel auf die sich öffnenden Schamlippen. - Die alte Dame lächelte. Man sollte im Schlafzimmer nicht an die Arbeit denken. Gut, dass Sie nicht Gynäkologe sind, Mister Freud."
Unnötig zu erwähnen, dass diese verbalen Duelle reine Fiktion sind. Über die imaginierte Intimität auf Distanz zwischen dem Künstler und der Monarchin hat Lea Singer (das Pseudonym der Sachbuchautorin Eva Gesine Baur für ihre literarischen Texte) eine ebenso witzig-melancholische wie kluge Geschichte geschrieben, aus der man einiges zu Lucian Freuds Biographie, über sein Schaffen und seinen Alltag erfährt wie auch über das von der Autorin erdachte private Leben der Queen, der Singer Gedankenschärfe und Humor verleiht. Wer ohnehin Sympathien für Elisabeth II. hat, wird sich ein wenig erinnert fühlen an "Die souveräne Leserin", als die der britische Dramatiker Alan Bennett 2007 die Königin in einem Prosaglanzstück geschildert hat.
Kurz vor dem Ende der Erzählung gibt es eine berührende Szene. Der alte Maler und die alte Dame, die sich unsichtbar in ihrer beigen Verkleidung gemacht hat, begegnen sich unverhofft am Morgen im Park von Hampstead Heath, wo John Constable seine wundervollen Wolkenstudien anfertigte. Lucian Freud hatte die letzte Sitzung an diesem 7. Dezember 2001 abgesagt. Sie verweilen dort nebeneinander, schauen den dahinziehenden Wolken zu, schweigen gemeinsam. Der kompromisslose dirty old man der modernen figürlichen Malerei und die als unerschütterlich geltende Queen haben sich, auf ihre Art, erkannt.
Bleibt noch zu erwähnen: Elisabeth II. hat ihr Bildnis privat behalten, es ist nicht in die Königlichen Kunstsammlungen eingegangen. Jedenfalls ist im Katalog der aktuellen Ausstellung als Leihgeber His Majesty The King aufgeführt, ihr Sohn Charles. ROSE-MARIA GROPP
Lea Singer: "Eine Frage des Formats". Roman.
Piper Verlag,
München 2026.
159 S., geb.
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