
Nach "Vaters Kiste" wendet sich Lukas Bärfuss nun in einem bewegenden autobiografischen Essay dem Leben seiner Mutter zu.
Eine kleine Stadt in der Schweiz. Ein Haushalt mit einer Frau und ihrem Sohn. Es gibt keinen Mann, es gibt Männer. Und an Geld herrscht immer Mangel, an Zärtlichkeit erst recht.
Die Mutter von Lukas Bärfuss war eine Frau ohne Bildung und ohne Perspektiven, dafür mit einem unstillbaren Freiheitsverlangen. Das Kind sah sie als Fessel, sie hatte sich dieses Leben nicht ausgesucht. Eine Rabenmutter, so nannte sie sich selbst; ihr Sohn landete auf der Straße. Sie hatte nur die Waffe der Ohnmächtigen, das böse Maul. Und im Alter blieb ihr kein anderer Ausweg als die Armutsmigration in die Dominikanische Republik, aus einem der wohlhabendsten Länder der Welt, in dem der Lebensabend unerschwinglich für sie war.
Der Sohn musste sich früh in der Kunst üben, seine Mutter zu überleben. Und in der Rückschau stellt er sich die Frage, wo in einem elenden Leben die persönliche Verantwortung aufhört und die einer ganzen Gesellschaft beginnt. Ein aufrüttelndes Buch, für Leserinnen und Leser von Edouard Louis und Annie Ernaux.
Besprechung vom 15.05.2026
Vom verschwiegenen Krieg gegen die Armen
Das Thema verlangte eine neue Form: Lukas Bärfuss erzählt in "Königin der Nacht" Familiengeschichte
Lukas Bärfuss erschafft keine Literatur, sie widerfährt ihm. Das ist das dezidierte Selbstverständnis des vierundfünfzigjährigen Schweizer Schriftstellers, und dieses agonale Verständnis macht seine Bücher und Theaterstücke derart kämpferisch und entschieden, dass es ihm in seinem Heimatland den Ruf eines Netzbeschmutzers eingebracht hat, aber auch den Schweizer Buchpreis (2014 für den Roman "Koala"). Und den Büchnerpreis, die höchste Ehrung für deutschsprachige Autoren, gab es 2019 auch.
In dem vor drei Jahren erschienenen Roman "Die Krume Brot" hatte Bärfuss das fiktionale Kräftemessen mit den eigenen Erfahrungen auf die Spitze getrieben. Das Buch erzählt von der Schweiz aus Untersicht: Adelina, Tochter italienischer Einwanderer und Analphabetin, schlägt sich mühsam als junge Fabrikarbeiterin durch und bekommt eine Tochter, Emma, die am Schluss im Kinderheim landet, weil die Mutter sich außerstande sieht, ihr ein würdiges Leben zu bieten: "Sie musste ihre Tochter weggeben, und sie wusste nicht, wie sie damit weiterleben sollte." In Gesprächen, die Lukas Bärfuss über diese Frauengeschichte geführt hat, räumte er deren autobiographischen Hintergrund ein: Für Adelina habe ihm das Leben seiner Mutter als Vorbild gedient, nicht in allen Details, aber strukturell. Und die Wahl des Namens von Adelinas Tochter erläuterte Bärfuss mit Verweis auf den Satz, den Gustave Flaubert über seine bekannteste Romanfigur getan hat: "Emma Bovary, das bin ich." Denn die Emma in "Die Krume Brot", das sei er, Lukas Bärfuss.
Als das Mädchen im Roman verlassen wird, ist es noch ein Kind. Bärfuss selbst war fünfzehn, als ihn die Mutter verließ, sein Vater saß da im Gefängnis. Er schlug sich fortan allein durch. "Auch egal. Die Welt stirbt. Die erste Liebe. Seine Freunde sterben. An Rohypnol und an Heroin, auf der Straße und in den Institutionen. Und er? Der Junge? Ein Jahr geht vorüber. Noch eines. Er bleibt ohne festen Wohnsitz, man sieht ihn auf Baustellen und in Bibliotheken. Er wird von allen guten Engeln behütet. Kein Kratzer. Keine Verhaftung. Kein Eintrag. Gesund. Unverdient. Glückhaft. Wie alles in seinem Leben. Der Junge wird erwachsen. Findet eine Arbeit. Schreibt. Lebt. Liebt. Wird Vater. Verliert seine Mutter. Reist auf die Insel." Das ist, was Lukas Bärfuss in den Jahren von 1987 bis 2005 widerfuhr. Jetzt ist es Literatur geworden. Zu lesen in seinem neuen Buch "Königin der Nacht", das heute erscheint.
Es ist kein Roman geworden, und das mag manche überraschen, denn noch vor zwei Jahren hatte Bärfuss eine Fortsetzung von "Die Krume Brot" in Aussicht gestellt. Aber genau das ist "Königin der Nacht", nur dass jetzt die realen Vorbilder für Adelina und Emma auftreten. Und namentlich genannt werden, wenn auch jeweils nur einmal: Am Ende des ersten Kapitels von "Königin der Nacht" wechselt Bärfuss' Erzähler beim letzten Wort vom "er" zum "ich". Und erst das letzte Wort des gesamten Buchs spricht den Vornamen seiner Mutter aus.
Sie, 1944 geborene Tochter einer Familie mit Wurzeln im "Fahrenden Volk", also den überall in Europa, aber besonders in der Schweiz verfemten Roma, Sinti, Jenischen, starb mit sechzig Jahren auf der karibischen Insel Hispaniola, in der Dominikanischen Republik, wohin Bärfuss' Mutter ausgewandert war, weil die Rente ihr kein Leben in der Schweiz ermöglicht hätte. Mit diesem Tod setzt "Königin der Nacht" ein, und was dann auf gerade einmal 120 Seiten folgt, ist tatsächlich "Ein kurzes Buch über meine Mutter", wie der Untertitel verheißt, und doch viel mehr: eine ganze Gesellschaftsanalyse anhand ihres individuellen Falls. Die aber - das wird schon der eben zitierte Lebensabriss ihres Sohnes, der zwei Jahrzehnte in ein paar Zeilen und kürzeste Sätze bündelte, deutlich gemacht haben - literarisch höchsten Ansprüchen genügt.
Erstes und letztes Kapitel gelten der Mutter, ihrem Leben und noch viel mehr ihrem Tod, also der Vorgeschichte und dem Resultat ihrer Elendsmigration aus einem Wohlstands- in ein Entwicklungsland. Doch dazwischen liegt das zweite, das längste Kapitel, und das berichtet von jenem einschneidenden Erlebnis, das Lukas Bärfuss als Jugendlicher hatte, als ihn die Mutter erst in schlimmster Schweizer "Verdingungs"- Tradition gegen Kost und Logis zur Kinderarbeit abgab und dann einfach zurückließ, um woanders ihr eigenes prekäres Leben führen zu können. Das, was noch Familie war, zerbrach.
Bärfuss hat der Mutter dafür lange die individuelle Schuld gegeben. "Wer mag seinen Kindern die Niederlagen der eigenen Biografie zumuten?", ist in "Königin der Nacht" zu lesen. "Man will sie beschützen und erzählt darum Legenden und Lügen. Wer aus der Geschichte lernen will, muss sie aber zuerst kennen. Und gerade im Fall der eigenen, der Familiengeschichte, wissen wir am wenigsten. Sie steht in keinen Büchern." Die von Lukas Bärfuss nun aber schon.
In seinem neuen Buch wird veranschaulicht, was im bemerkenswertesten Kapitel von "Die Krume Brot" ein italienischer Linksterrorist der verzweifelten Adelina klargemacht hat: "Du glaubst, deine Geschichte habe dich in dieses Zimmer geführt, die Entscheidungen, die du getroffen hast. Aber du hast keine eigene Geschichte. Was du erlebt hast, ist ein Typenschicksal, Dutzendware, Stückware, ein Massenprodukt, geformt und gefertigt von der Industriegesellschaft." In "Königin der Nacht" folgt nun die Übersetzung dieser Erkenntnis in ein Schreibprogramm: "Wie wird man zum reichsten Land der Welt? Durch Fleiß, schmutzige Geschäfte und den Krieg gegen die Armen innerhalb der eigenen Grenzen. (...) Die Geschichte des Fleißes und der schmutzigen Geschäfte ist geschrieben. Die Geschichte des Krieges gegen die Armen bleibt ein Flickenteppich. Wenn es eine Erinnerungspolitik gibt, dann scheint sie nach dem Prinzip des 'Teile und herrsche' zu funktionieren. Die Verfolgung der Fahrenden, der Eugenik, die Unterdrückung der Frauen, der Kinder, der Homosexuellen, die Perversionen dieses Landes werden bis heute als einzelne Phänomene und selten im Zusammenhang gesehen." Und das nicht nur in der Schweiz.
Worum es Bärfuss in "Königin der Nacht" geht, ist dieser Zusammenhang. Sein Buch macht keinen großen Mut für die Zukunft der Gesellschaft, aber es selbst ist mutig, weil es sich der Vergangenheit des Autors stellt und ein Vor-Urteil revidiert: zugunsten der Mutter, zulasten unserer Gegenwart. Auch der literarischen. ANDREAS PLATTHAUS
Lukas Bärfuss: "Königin der Nacht". Ein kurzes Buch über meine Mutter.
Rowohlt Verlag, Hamburg 2026.
128 S., geb.
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