
Besprechung vom 09.02.2020
Für die Tasche Über Sizilien, die Insel, auf der sich Europa und Afrika begegnen, auf der man seit jeher mit Griechen und Arabern, Normannen und Staufern und anderen Migranten zusammenlebte, wurde in letzter Zeit viel geschrieben - aber kaum ein Buch eröffnet dem Leser diese Insel so wie "Trauer und Licht". Man kann es als eine unterhaltsame, kluge, dichte Geschichte der Literatur Siziliens und ihres subversiven Realismus ebenso lesen wie als Führer zu einer Insel, auf der die Schockwellen der europäischen Geschichte immer deutlich zu spüren waren und sind. Vor allem ist "Trauer und Licht" eine außergewöhnliche Erzählung über Erzählungen. Maike Albath schafft es, die Literaturgeschichte Siziliens zu entfalten und gleichzeitig die Insel im doppelten Sinn zu vergegenwärtigen: Man bekommt eine sehr lebendige Ahnung vom Licht, vom Ton, von den nebensächlichen Dingen und den atmosphärischen Eigenheiten, die einen sofort erkennen lassen, dass man auf Sizilien ist.
Auf eine Weise hat das Buch den gleichen Effekt wie die Gassen Palermos: Man verläuft sich sofort mutwillig im Labyrinth der Geschichten, erfährt von schwarzen Elefanten und unterirdischen Flüssen, bröckelnder Grandezza und dunklen Geheimnissen, von Barockbrunnen, "die ihre Fontänen in den Morgen sprudeln", und natürlich vom epochalen Werk "Der Leopard" und seinem Autor Giuseppe Tomasi di Lampedusa - aber man liest eben auch über die Verzweiflungen des Dandys und Schriftstellers Federico De Roberto, der von Benedetto Croce erledigt wurde, von Luigi Pirandello und Leonardo Sciascia, über "Mütter und Söhne" und "Müßiggänger auf Abwegen" und ist mittendrin: gleitet durch das leicht schläfrige Palermo und das von Patriziern geprägte, aktivere Catania, sieht Pirandello 1920 auf die Bühne des Teatro Massimo Bellini treten und, viele Jahrzehnte später, Francesco Benigno im Café Savia sitzen, wo er Torta Savoia verspeist und dem Ätna misstrauische Blicke zuwirft, weil der schon wieder Rauchwolken in den Himmel steigen lässt, die erst weiß und dann urplötzlich so dunkel sind wie die Schatten auf der Piazza del Duomo und die rußigen Gassen dahinter. Ein schöneres, sizilianischeres Buch über Sizilien gab es seit langem nicht.
nma
Maike Albath: "Trauer und Licht. Lampedusa, Sciascia, Camilleri und die Literatur Siziliens". Berenberg Verlag. Berlin, 2019. 350 Seiten
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