
Der Stuttgarter Platz in West-Berlin spiegelt die deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts von Schwarzmarkt und Rotlichtviertel bis zur Studentenbewegung und Underground-Szene. Michael Angele erzählt von den Menschen und Momenten, die diesen Ort prägten.
Deutsche Geschichte an einem Platz
Am Stuttgarter Platz in West-Berlin spielt sich die ganze deutsche Geschichte des 20. Jahrhunderts ab: Babylon Berlin, Schwarzmarkt und Fluchtort für die Verlorenen des Kriges, Rotlichtviertel, Keimzelle der Studentenbewegung, in den 80er-Jahren auch Underground.
Michael Angele geht den Geschichten und den schillernden Figuren des Stutti nach und erzählt vom Babalu und den Dreharbeiten der 'Halbstarken' mit Karin Baal und Horst Buchholz. Den »Elefant« führte lange der KZ-Überlebende Leo Fischmann und Rainer Langhans zieht in eine große Altbauwohnung ein. An diesem Platz kommen die großen politische und kulturellen Strömungen Deutschlands zusammen: 'Ein deutscher Platz' ist eine süffige Geschichte der alten Bundesrepublik.
Besprechung vom 10.01.2026
Selbst ein Hauch von Chicago kam ins Spiel
Ausflug in urbane Unterwelten: Michael Angele erzählt vom Stuttgarter Platz im Berliner Westen.
Vor einiger Zeit konnte, wer im alten Berliner Westen wohnt, einen Prospekt aus dem Briefkasten ziehen, der "umfassend modernisierte" Altbauwohnungen "im Herzen von Charlottenburg" zum Kauf anbot. Mit dem Herzen von Charlottenburg war in diesem Fall, so offenbarte der Projektname, der "Stutti" gemeint. Gediegene Altbauwohnungen ausgerechnet am Stuttgarter Platz, dem Schmuddelkind unter den Charlottenburger Plätzen? Im Gegensatz zu seinen vornehmen Geschwistern, dem repräsentativen Savignyplatz oder dem beschaulichen Meyerinckplatz, verrät schon der Berliner Diminutiv, dass der Platz eher in der Liga von Kotti oder Nolli spielt, Orten, die für das Nachtleben in ihrer Umgebung oder das dortige Drogenelend bekannt sind. Sollte sich das jetzt ändern?
Kaufinteressenten, West-Berlin-Romantikern und überhaupt allen, die zu einem Ausflug in die urbanen Unterwelten aufgelegt sind, sei das Buch von Michael Angele ans Herz gelegt. Der Literaturwissenschaftler und Redakteur beim "Freitag" hat sich auf eine umfassende Spurensuche zur Geschichte des Platzes begeben. Angele hat mit zahlreichen Zeitzeugen gesprochen, Zeugnisse aus Film und Boulevardpresse ausgegraben und nicht zuletzt Polizeiakten gewälzt, in denen in Behördendeutsch versucht wird, das Anstößige vom gerade noch Tolerierbaren zu unterscheiden.
Für sein Buch hat Angele einen wunderbaren Untertitel gewählt, denn die "Ballade vom Stutti" erzählt von Liebe - vornehmlich in ihrer käuflichen Variante -, Verbrechen und historischen Begebenheiten, und das in einem Duktus, durch den immer wieder die Nostalgie für eine Zeit und eine Welt schimmert, die weder gut noch heil war, sich aber irgendwie echt anfühlt. Denn gutbürgerlich-gesittet waren allenfalls die Anfangsjahre des Platzes, als Ende des neunzehnten Jahrhunderts die Grundstücke rund um den neu entstandenen Bahnhof der damals noch selbständigen Stadt Charlottenburg mit gründerzeitlichen Mietshäusern bebaut wurden.
Schon während der Weltwirtschaftskrise wurde es ungemütlicher, und endgültig rau gestaltete sich die Szenerie, nachdem 1945 Berlin in Schutt und Asche lag. Am Stuttgarter Platz etablierte sich ein Schwarzmarkt; aus den Kneipen wurden schnell Bars wie das "Babalu", die "Eve Bar" oder die "Lolita Bar". Manche der Barbetreiber waren Juden, die Konzentrationslager überlebt hatten und in Berlin blieben, nachdem 1948 die drei dortigen Lager für sogenannte "Displaced Persons" aufgelöst wurden. Für deren Geschichte gab es damals keinen Raum - Angele rekonstruiert sie aus Gesprächen und einzelnen Zeitungsartikeln.
Solche kaum bekannten und daher überraschenden Zusammenhänge sind es, die in Angele die Neugier auf den Platz geweckt haben. Und es sind Phänomene wie die Art und Weise, wie sich am Platz die große - oder zumindest größere - und die kleine Geschichte teils kreuzen, teils aneinander vorbeilaufen, die den etwas bedeutungsschwer geratenen Buchtitel dann doch ein wenig unterfüttern. Zum Beispiel die Geschichte der Kommune 1, die im Mai 1967 für ein Jahr im Eckgebäude zur Kaiser-Friedrich-Straße ihr Hauptquartier aufschlug und von dort aus loszog, um vor der Deutschen Oper gegen den Schah zu demonstrieren.
Wenn er über die K1 berichtet, kann Angele aus dem Vollen schöpfen, denn die Kommunarden archivierten wie eine ordentliche Verwaltung schon damals alle Vorgänge, von der Gerichtspost bis zum Medienecho ihrer Aktionen. Dazu gehört das dort aufgenommene und ikonisch gewordene Foto, auf dem sich die Kommunarden wie bei einer Razzia mit erhobenen Händen an die Wand lehnen und ihre nackten Rückseiten präsentieren. Angele konterkariert das stark von diesem Bild zehrende Image von Freizügigkeit mit einer nüchternen Beschreibung des Kommunen-Alltags. Die Reporterin Marianne Schmidt, die damals losgeschickt wurde, um möglichst skandalöse Berichte über die dort praktizierte freie Liebe zu liefern, fand nur "eine andere Spießigkeit". Aber das wollte man natürlich nicht drucken.
Von polnischen Juden, sich aus Westdeutschland davonmachenden Studentinnen und Chinesen, die ehemals zum Studium nach Deutschland gekommen waren und 1947 das erste chinesische Restaurant am Platz eröffneten, schildert Angele einen Ort, dem etwas grundsätzlich Transitorisches anhaftet. Das mag auch etwas damit zu tun haben, dass der Stuttgarter Platz nur wenig von einem Platz hat, sondern der Name einer lediglich auf der einen Seite bebauten Straße ist, die parallel zu den Bahngleisen verläuft, von diesen durch einen Bahnhofsvorplatz und ein wenig Stadtgrün getrennt.
Nur am westlichen Ende, wo die Windscheidstraße den Platz schneidet, biegt sie sich um einen kleinen Spielplatz zum Halbrund. Dort liegen Lokale und Cafés wie das "Lentz", die mit der Generation von Akademikern und Künstlern entstanden und alt geworden sind, die seit Ende der Siebzigerjahre das westliche Ende und die von dort abzweigenden Straßen besiedelt haben. Angele nennt es "das Dorf" oder den "guten Stutti", wobei "gut" eher nach "guter Stube" klingt, denn wirklich gut findet auch Angele die Tatsache nicht, dass Durchschnittsverdiener eher keine Mietwohnung mehr finden zwischen Windscheidstraße und dem am westlichen Rand Charlottenburgs liegenden Lietzensee. Nach ihm war in den Fünfzigerjahren eine Bande benannt, die in ihren Hochzeiten von bis zu fünfzig Lokalen Schutzgeld erpresst haben soll. Die Presse sprach von "Rowdys" und "Halbstarken", was es Angele ermöglicht, elegant zum gleichnamigen Film zu schwenken, von dem einzelne Szenen im Sommer 1956 auch im Umfeld des Stuttgarter Platzes gedreht wurden.
Überhaupt zieht Angele die Grenzen des Platzes nicht allzu eng. Aber Geschichten wie die von der Schießerei in der Bleibtreustraße im Juni 1970, die mit einem Toten und drei Verletzten einen Hauch von Chicago in die Stadt brachte und der Straße den Beinamen "Bleistreustraße" eintrug, passen einfach zu gut ins Bild von der Seite des Platzes, die Angele den "bösen Stutti" nennt. Wobei es, aber auch das weiß Angele, keinen Anlass gibt, Prostitution und Bandenkriminalität mit einem augenzwinkernden "böse" nachzutrauern. Dafür, dass auch auf der östlichen Seite des Platzes in absehbarer Zeit alles "gut" wird, gibt es zwischen dem immer wieder geräumten Obdachlosencamp in der Unterführung Lewishamstraße auf der einen und den leer stehenden Ladenflächen in der Einkaufsmeile Wilmersdorfer Straße auf der anderen Seite nur wenige Anzeichen. SONJA ASAL
Michael Angele: "Ein deutscher Platz". Die Ballade vom Stutti.
dtv Verlag, München 2025. 256 S., Abb., geb.,
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