
2013 endet in München eine Ära. Michael Krüger, der langjährige Leiter des Hanser Verlags, zieht sich aus dem aktiven Verlagsgeschäft zurück. Er hat nicht nur den Verlag geleitet und die Zeitschrift Akzente herausgegeben. Als Dichter und Schriftsteller, als Kritiker, Herausgeber und Übersetzer bleibt er weiterhin aktiv. Im deutschen Kulturleben ist er omnipräsent und unverzichtbar.
Zu seinem 80. Geburtstag legt der leidenschaftlich Lesende, Schreibende, Verlegende nun eine Rückschau auf sein reiches Leben vor. Er berichtet von seiner Kindheit in Sachsen-Anhalt, seiner Jugend in Berlin, der Arbeit in München, den literarischen Reisen und von der Fülle seiner Begegnungen und Erlebnisse mit deutschsprachigen und internationalen Dichtern; mit den meisten war er befreundet. Der Enthusiasmus seiner leichthändig unterhaltenden und geistvoll anregenden Schilderungen nimmt vom ersten bis zum letzten Satz gefangen.
Im Anhang ein Gespräch mit Knud Cordsen
Inhaltsverzeichnis
Besprechung vom 22.01.2026
Geld muss da sein
"Michel Deutschmark": Krüger liest in Marbach
Mit siebzig Jahren ist Michael Krüger 2013 aus dem Carl Hanser Verlag ausgeschieden, dessen Geschäfte er offiziell seit 1995 geführt hatte. Das Gespür für literarisches Potential und für die Chance, es durch großzügige Vorschusszahlungen aus der Reserve zu locken, hat die deutsche Verlagswelt mit Krüger nicht verlassen, jedenfalls nicht sofort. Im Deutschen Literaturarchiv, dem Krüger seine Papiere übereignet hat, berichtete er jetzt im Gespräch mit Jan Bürger, der in Marbach unter anderem für den Nachlass von Siegfried Unseld zuständig ist, dass ihm gleich nach seinem Abschied "ehrenvolle, übertriebene Angebote von Verlagen" zugingen. Die Kollegen wollten seine Memoiren verlegen - "nichts lag mir ferner". Von sich selbst wollte er vielleicht nicht schweigen, aber auch nicht ununterbrochen reden, in der geschlossenen Form eines Zielstrebigkeit ausstellenden Lebensberichts. Stattdessen sind bei Suhrkamp, sozusagen unter postumer Schirmherrschaft des neunzehn Jahre älteren Unseld, zwei Erinnerungsbücher anderer Art erschienen, gesammelte Reminiszenzen Krügers an die Dichter, mit denen er gearbeitet hat.
Was immer an buchhandelsüblichen Übertreibungen zum Einsatz gekommen sein mag - eine Überschätzung von Krügers Möglichkeiten lag dem Kalkül seiner vormaligen Konkurrenten nicht zugrunde. In Marbach bewies eine Probe aus "Unter Dichtern", dass der literarischen Welt mit Krügers ungeschriebenen Memoiren ein zweiter Joachim Meyerhoff verloren gegangen ist. Er las die Episode vor, in der er den West-Berliner Dichter und Grafiker Günter Bruno Fuchs in München in Empfang nimmt, der auf dem Weg zum Wiedersehen mit seinem verschollenen, am Tegernsee neu verheirateten Vater eine Audienz bei Dr. Carl Hanser erhält.
Wie in den autobiographischen Romanen des Schauspielers Meyerhoff setzen triviale Herausforderungen alltäglicher Logistik eine Situationskomik des autopoietischen Exzesses frei. Alkoholgenuss und Kunstsinn gehen schon bei der Anreise von Fuchs mit der Eisenbahn eine spontane Synthese in Gestalt des Absingens von Volksliedern in Gemeinschaft mit spontanen Reisebekanntschaften ein. Auf diesen Überschwang ist der Lektor auf dem Bahnsteig nicht vorbereitet, vielleicht, weil er fast noch Berufsanfänger ist und einen Eigenbrötler erwartet. Die Gastlichkeit beim Verlagspatriarchen folgt ähnlich festen Regeln wie das Frühstücksritual im Professorenhaushalt der Münchner Großeltern von Meyerhoff. Störungen, wie sie der beschwipste Reimhandwerker aus dem vulgären Berlin an Hansers Tafel gerade dadurch verursacht, dass er nur Wasser zu sich nimmt, können in dieser sortierten Welt mit Diskretion behandelt werden. Dr. Hanser muss seine Gattin nicht ins Vertrauen ziehen, wenn er seine Börse öffnet.
Krüger brach den Vortrag des Kapitels ab, und die Schlange am Büchertisch war wohl auch deshalb so lang, weil viele Zuhörer wissen wollten, wie die Begegnung des reisenden Poeten mit dem unzuverlässigen Erzeuger ausgegangen sein mag. Um zu zeigen, was für ein Dichter der heute nicht mehr sehr bekannte Fuchs gewesen ist, las Krüger "Leiterwagen" vor, ein Gedicht aus sieben Versen, das mit zwei Reimen auskommt und scheinbar so einfach gebaut ist wie der Gegenstand im Titel.
Mit den Dichtern, deren Namen Krüger in die von seinem 1989 verstorbenen Autor Danilo Kis konzipierte "Enzyklopädie der Toten" eintragen möchte, meint er in erster Linie die Lyriker. Im Gespräch zeichnete sich allerdings ein weiterer, materieller Begriff der Dichtung ab, dessen Paradefall die Lyrik ist: Dichtung ist Literatur, mit der Verlage kein Geld verdienen können. Von allen Autoren wie Günter Herburger, deren Vergessenheit er beklagte, hatte Krüger die auch schon zu Lebzeiten betrüblichen, mutmaßlich geschätzten Auflagenzahlen parat. Ein Verleger darf sich nicht zieren, Geld auszugeben, was Krüger für die Erben Carl Hansers tat. Wenn er Kis anrief, wurde er als "Michel Deutschmark" begrüßt. Er rühmte die lebenslange Unterstützung von Ilse Aichinger durch die Fischer-Verlegerin Monika Schoeller. Wenn sich heutige Verleger mit Ausschüttungen schwerer tun, müssen vielleicht die Leser nachhelfen. Auf den schwäbischen Ortsgeist setzend, bat Krüger die Zuhörer, um Mäzene zu werben: "Sie kennen doch reiche Leute."
Die Verwechselbarkeit seiner Suhrkamp-Titel "Verabredung mit Dichtern" und "Unter Dichtern" ist nach aller Verlagserfahrung ein Absatzrisiko. Wir wünschen uns, dass man in Berlin Geld in die Hand nimmt für "Über Dichter", "In Gesellschaft von Dichtern" und "Mit Dichtern abrechnen". PATRICK BAHNERS
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