
Hannah Höch - eine queere Liebe, eine neue Zeit, eine Befreiung
Es sind die 20er Jahre des 20. Jahrhunderts, als Til auf Hannah trifft und Hannah auf Til. Eine gemeinsame Dekade beginnt. Erst in Den Haag, dann in Berlin verbringen die Künstlerin und die Autorin die letzten großen Partys und Momente zärtlicher Zweisamkeit. Doch von Sommer zu Sommer entpuppt sich das gemeinsame Leben und Schaffen zunehmend als Herausforderung, unter Druck gesetzt von der politischen Bedrohung durch den Nationalsozialismus. Behutsam und poetisch setzt Miku Sophie Kühmel in »Hannah« das Bild einer Liebe zusammen, die sich nicht nur an den Abgründen ihrer Zeit messen muss.
Besprechung vom 17.12.2025
Im Unterholz liebenden Bewusstseins
Für Netz- und Schleim- und Hirnhäute: Miku Sophie Kühmel gibt der Dada-Erfinderin Hannah Höch die Hälfte ihres Lebens zurück.
Wer hätte gedacht, dass ausgerechnet ein Roman Kunstgeschichtsschreibung revidieren kann? Miku Sophie Kühmel gelingt dieses Kunststück mit "Hannah", ihrem dritten Buch. Derart lakonisch betitelt, ist er der wie die Autorin im thüringischen Gotha geborenen Hannah Höch gewidmet, die neben Raoul Hausmann und Kurt Schwitters einen beträchtlichen Anteil an der Gründung von Dada und der epochalen Ausstellung 1917 gleichen Namens in Berlin hat, im kunsthistorischen Kanon jedoch oft genug lediglich als "Frau von Hausmann" und bloße Wasserträgerin des Dadaismus deklassiert wurde. Nicht nur aber kann ihr Beitrag zu dieser künstlerischen Bewegung nicht hoch genug eingeschätzt werden, sondern auch gebührt ihr und eben nicht Hausmann das Verdienst der Erfindung der Fotocollage.
Insbesondere aber wurde bislang aus Höchs Biographie fast vollkommen ausgeklammert, dass sie nach der Trennung von Hausmann für beinahe eine Dekade mit der niederländischen Künstler-Autorin Til Brugman zusammenlebte und in dieser Zeit maßgebliche Werke schuf, die, wie Kühmel wiederholt deutlich macht, aus der Spezifik dieser Beziehung heraus entstanden und nur durch sie entstehen konnten. Obwohl bisexuelle Beziehungen in den Roaring Twenties keinesfalls selten waren, beschreibt die junge Autorin kapillar, wie eine selbstbestimmte Beziehung zweier äußerst eigenständiger Köpfe, die anfangs gelingt, blüht und hoffnungsvoll stimmt, unter dem unmenschlichen Druck der NS-Herrschaft in den Dreißigern zunehmend zermalmt wird, in der die Kunst beider als "entartet" diffamiert wird. In "Hannah" liegt mithin eine sorgfältig recherchierte "künstlerische Tatsachengeschichte" vor (denn eigentlich mag Kühmel die Bezeichnung "Roman" nicht, auch nicht "Biographie" und noch weniger "Chronik"), der mehr zum Verständnis der dunkelsten deutschen Epoche der Dreißigerjahre beizutragen vermag als so manche historische Abhandlung.
Doch wie verlief diese Liebesgeschichte zwischen zwei eigensinnigen Charakteren Kühmel zufolge? Im September 1926 zieht Höch mit ihrer Katze Ninn und ihren Kakteen (unabdingbare Künstler-Pflanzen in den Zwanzigern! Kein Stil hat mehr Kakteenporträts hinterlassen als die Neue Sachlichkeit) zu Brugman nach Den Haag, um dort und danach in Berlin die nächsten neun Jahre in gemeinsamer Arbeit und Rücken an Rücken an ihren Schreibtischen viele exzentrische Ideen auszubrüten - echte Seelenverwandte. Brugmans erstaunlich gutes Deutsch birgt dennoch einen niederländischen Einschlag, der Höch fasziniert und zu so manchem Sprach-Bild führt, wie sie auch zuvor schon poetische Bildtitel am laufenden Band erfand. Parallel dazu profitiert die Schriftstellerin Brugman von so mancher Metapher Höchs für ihre Bücher, wenngleich der Erfolg ungleich verteilt ist: Während die Künstlerin selbst in den Dreißigern noch wichtige Ausstellungen hat, werden Brugmans Texte teils nicht einmal gedruckt. Kühmel beschreibt die Versuche, diese so mancher großen Liebe den Garaus bereitende Disbalance auszutarieren, ohne zu klittern.
Gleich mit ihrem Erstlingswerk "Kintsugi" erntete die 1992 geborene Autorin im Jahr 2019 erheblichen und berechtigten Lorbeer. Wie bereits dieser Romantitel anzeigte, hat Miku Sophie Kühmel offensichtlich ein Faible für Japan und seine Kultur, was sie auch in ihrem dritten Werk freudvoll auslebt - ohne das von Höch ein besonderes Interesse an Japanischem überliefert wäre. So assoziiert die Autorin an einer Stelle, die eigentlich von Kurt Schwitters' ANNA-"Von hinten wie von vorn"-Blume handelt (was die Einbandgestaltung und der Buchrücken auskosten, indem der Name HANNAH in Versalien jeweils fast das Format füllt, vor allem aber ab der Hälfte auf dem Kopf steht), sehr unvermittelt: "Hannah heißt auf Japanisch Blume". Es darf bezweifelt werden, ob Höch selbst das bewusst war, erst recht, ob in den Jahres-Synopsen gegen Ende des Romans Schriftsteller wie Okamoto Kanoko oder Kitasono Katue allgemein vertraut sind.
Andererseits decken derartige Idiosynkrasien auch unsere blinde Flecken als schmerzhafte Fehlstellen auf und füllen sie mit Namen, zumal Höch ausgiebige florale Studien unternahm und in ihren Werken die bizarrsten Blumen intarsiert. Warum also nicht? Vergnüglich zu studieren ist eine Synopse wie die folgende allemal, obwohl das Jahr 1939 sicher nicht spaßig war: "Es werden geboren: Theodor Waigel, Ian Mc Kellen, Dieter Wedel, Tina Turner, Sigfús Einarsson und die Kernspaltung, das Mutterkreuz, Aale-Dieter, der Nichtangriffspakt, Okay Temiz, die Namensänderungsverordnung, das Institut zur Erforschung der Judenfrage, die Franco-Regierung, Vom Winde verweht, Batman, der Bärenzwinger und die Ausstellung Altjapanischer Kunst in Berlin, die Yellow Brick Road."
Solchen historischen Einflechtungen und Assoziationen stehen fast durchweg fein ziselierte Kunst-Metaphern zur Seite, die wie "Das wackelnde Fahrrad auf wurzeldurchgriffenen Waldwegen im Flackern der Kiefernschatten" als Äquivalent zu Höchs surrealem Naturdenken oder "Ihre Haut ist Elfenbein. Man kann es leider gar nicht anders sagen" nicht nur die alte Bildlichkeit makellos elfenbeinerner Madonnenstatuen aufrufen, vielmehr auch noch im Hinterkopf deren gewagten gotischen S-Schwung, der in Brugmans Schlaksigkeit und vielen Frauenfiguren Höchs sein expressives Pendant hat. Multisensorische Metaphern ziehen sich nicht nur durch das Buch - wie parallel durch Höchs OEuvre mit seinen zahllosen piepsenden, tirilierenden und zwitschernden Vögeln und sprechenden Steinformationen; sie binden die heterogenen Buch-Orte von Den Haag bis Gotha, Berlin und der Ostsee erst zusammen. An einem Kurort etwa riecht es nach Veilchen und Jade, ein anderes Mal, schon in der NS-Zeit, liegt "Stahl und Speichel" in der Luft. Und auf Hitler wird 1978 postum kräftig gefurzt, leider nur in dem fiktiven Brief "Was Til geschrieben hätte, lebte sie noch". Einzig anachronistische Einsprengsel wie "Das bis heute unveränderte Kunstmarkt-Gelaber ,Sie wagt es nicht mehr, sie eckt nicht mehr an'", "Lieferessen" oder auch ein Satz wie "Das Telefon macht alles schnelllebiger" hätte es nicht gebraucht, weil daraus eher die - berechtigte - Wut der Autorin auf heutige Verhältnisse spricht.
Als letzter herrlicher Dada-Anachronismus Höchs erscheint jedoch, wie sie trotz aller Schrecknisse der NS-Zeit 1968 die neun Jahre mit Til Brugman als "die amüsantesten ihres Lebens" deklarierte. Da war die Geliebte bereits zehn Jahre tot. Doch gilt eben: Ars vincit omnia. STEFAN TRINKS
Miku Sophie Kühmel: "Hannah". Roman.
S. Fischer Verlag, Frankfurt am Main 2025. 304 S., geb.
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