Winterbienen

Roman. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019 (Shortlist) und den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2019…
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Januar 1944: Während über der Eifel britische und amerikanische Bomber kreisen, gerät der wegen seiner Epilepsie nicht wehrtaugliche Egidius Arimond in höchste Gefahr. Er bringt nicht nur als Fluchthelfer jüdische Flüchtlinge in präparierten Bienenst … weiterlesen
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Winterbienen als Buch (gebunden)

Produktdetails

Titel: Winterbienen
Autor/en: Norbert Scheuer

ISBN: 3406739636
EAN: 9783406739637
Roman. Nominiert für den Deutschen Buchpreis 2019 (Shortlist) und den Wilhelm-Raabe-Literaturpreis 2019 (Shortlist).
mit 13 Zeichnungen.
Illustriert von Erasmus Scheuer
Beck C. H.

26. November 2019 - gebunden - 318 Seiten

Beschreibung

Januar 1944: Während über der Eifel britische und amerikanische Bomber kreisen, gerät der wegen seiner Epilepsie nicht wehrtaugliche Egidius Arimond in höchste Gefahr. Er bringt nicht nur als Fluchthelfer jüdische Flüchtlinge in präparierten Bienenstöcken über die Grenze, er verstrickt sich auch in Frauengeschichten.

Mit großer Intensität erzählt Norbert Scheuer in "Winterbienen" einfühlsam, präzise und spannend von einer Welt, die geprägt ist von Zerstörung und dem Wunsch nach einer friedlichen Zukunft.

Portrait

Norbert Scheuer, geboren 1951, lebt als freier Schriftsteller in der Eifel. Er erhielt zahlreiche Literaturpreise und veröffentlichte zuletzt die Romane "Die Sprache der Vögel" (2015), der für den
Preis der Leipziger Buchmesse nominiert war, und "Am Grund des Universums" (2017). Sein Roman "Überm Rauschen" (2009) stand auf der
Shortlist des Deutschen Buchpreises und war 2010 "Buch für die Stadt Köln".

Pressestimmen

"Wie es einem Autor gelingen kann, in einer leisen Sprache das Grauen zu beschreiben, das ist großartig."
ZDF Kultur, Christine Westermann

"Was mich an diesem Buch so begeistert hat, ist, wie leise jemand vom lauten Krieg erzählen kann (...) Leute, lest dieses Buch, es ist großartig!"
ZDF, Christine Westermann

"Die verschiedenen Charaktere fand ich großartig (...) ich habe sehr, sehr viel gelernt."
ZDF, Volker Weidermann

"Ein schönes, überraschendes, leises, abenteuerliches, ziemlich naturmystisches Buch. Handke mit Handlung."
Der Spiegel, Volker Weidermann

"Man kann Scheuer-Romane mit Gewinn als Solitäre lesen. Aber erst in der Gesamtschau lässt sich die Kontur seiner Literatur bemessen, die dem Kleinen höchste Priorität verleiht und ein Geflecht aus Personen, Konstellationen und Beziehungen erschafft."
FAZ, Sandra Kegel

"Scheuer ist mit 'Winterbienen' ein Roman gelungen, der die letzten Kriegsmonate aus einer neuen, anderen Perspektive erzählt. Egidius Arimonds Kampf gegen seine Krankheit - und auf seine Weise auch gegen das Nazi-Regime - hält die Spannung bis zum Schluss."
Ö1 Ex libris, Antonia Löffler

"Dieses Buch geht in die Tiefe und unter die Haut [...] Es geschähe nichts Schlechtes, bekäme Norbert Scheuer den Deutschen Buchpreis dafür."
NDR Kultur, Ulrich Kühn

"Scheuers Romane und Erzählungen sind larger than life und zugleich größer als jede vermeintlich authentische Story."
Die Welt, Richard Kämmerlings

"Wir können nur staunen über Norbert Scheuers Kunst: Was für ein reifes, reiches, unaufdringlich überwältigendes Buch."
Die Zeit, Markus Clauer

"Skurril, spannend, voller Atmosphäre - kurz: grandios erzählt."
Die Rheinpfalz, Dagmar Gilcher

"Scheuer [...] geht es in seiner kunstvoll geschichteten Komposition mehr ums Beobachten von Menschen, Situationen und Natur: nicht um das Provinzielle der Region zu betonen, sondern um aus dem Kleinen allgemeingültige Wahrheiten abzuleiten."
Münchner Merkur, Ulrike Frick

"Ein großer Roman."
Der Standard, Alexander Kluy

"Ein herausragend guter Stilist und Erzähler, mit einer ganz eigenen lapidaren Erzählweise."
Deutschlandfunk Kultur Lesart, Hubert Winkels

"Doch erzählen seine Bücher wie nebenbei, auf subtile Weise, ohne dass auf bestimmte Ereignisse einer Zeit hingewiesen wird, auch von gesellschaftlichen und politischen Entwicklungen; in einer Sprache, die präzise und klar ist, die auf der Oberfläche leicht und leicht lesbar erscheint, darunter aber sehr poetisch ist."
Der Tagesspiegel, Gerrit Bartels

"Sein kluges Porträt vom bienenaffinen Einzelgänger entwickelt sich von einer stillen Studie zu einem spannenden Stück Zeitgeschichte. (...) Scheuer beschreibt die Suche nach Normalität in Zeiten des Ausnahmezustands."
Landshuter Zeitung, Günter Keil

"Der souverän erzählte Roman (...) nimmt seinen Leser von Anfang an gefangen und hält die Spannung bis zum düsteren Ende."
Rheinische Post, Ronald Schneider

"Die Bücher von Norbert Scheuer habe ich in den letzten Jahren am liebsten gelesen. Seine leisen und wuchtigen Bücher, seine verrätselten und traumklaren. Wenn Sie sie verpasst haben, dann holen Sie es nach!"
Deutschlandfunk Kultur Lesart, Frank Meyer

"Die deutsche Gegenwartsliteratur ist im oberen Niveau stark geprägt von regional grundierten Romanen: Walsers Bodensee, Günter Grass und die kaschubischen Rübenäcker, Masuren von Siegfried Lenz, Johnson und Mecklenburg. Da würde ich Norbert Scheuer einreihen. Norbert Scheuer und die Eifel. Wenn man sein Werk liest, dann kommt man über die Provinz immer im Mittelpunkt der Welt an. Ein Autor, den ich allerdringlichst empfehlen kann. Ein Buch, das mich tief beeindruckt hat."
Deutschlandfunk Kultur Lesart, Jörg Magenau

"Mit Eleganz und Feingefühl vermeidet [Scheuer] es, die Primärreize des Schreckens abzuschöpfen (...) eine großartige Lektüre."
Deutschlandfunk Büchermarkt, Christoph Schröder

"Ein Roman mit einem großen Resonanzraum, reich an wiederkehrenden Motiven, deren Variationen mal heller und mal dunkler klingen (...) faszinierende Lektüre."
Frankfurter Rundschau, Martin Oehlen

"Ein Buch voller leichter Sätze, in denen doch das gesamte Gewicht des Lebens enthalten ist: die Hoffnung, die Angst, die Lust."
Stern, Oliver Creutz

"Romanciers Norbert Scheuer ermisst man nun daran, dass diese äußere Plausibilität der Tagebuchfiktion mit der inneren Plausibilität des Erzählmodus zusammenfällt."
Frankfurter Allgemeine Zeitung, Patrick Bahners

"Ein wunderbares Buch über den Duft der Frauen, den Duft des Honigs und das Schicksal eines Mannes, der, so wie die Winterbienen, das Überleben seiner Artgenossen schützt."
Kölnische Rundschau, Susanne Schramm

"Wie Scheuer seinen Egidius das schildern lässt, was dieser dabei erlebt, was den Menschen widerfährt und angetan wird, sofern sie doch entdeckt werden, es zerreißt einem das Herz (...) Sätze, die man sich einrahmen möchte (...) Eintrag für Eintrag entwickelt Scheuers neuer Roman seine Tiefe und Dramatik."
Trierischer Volksfreund, Fritz-Peter Linden

"wesentlich für sein Schreiben [ist] das hochsensible Beobachtungsvermögen und die fast naive Offenheit, mit der er in diese Welt zu blicken scheint. Das alles ermöglicht ihm, immer wieder neue Geschichten zu finden und daraus seine weiter wachsende Großerzählung aus dem Kall-Kosmos zu machen."
Trierischer Volksfreund, Fritz-Peter Linden

"Ein zutiefst beeindruckender Roman."
Bayern 2, Knut Cordsen

Rezensionen

Frankfurter Allgemeine Zeitung - RezensionBesprechung vom 18.07.2019

Im Bienenstock werden sie zuallerletzt suchen
Aus dem Tagebuch eines Flüchtlingshelfers: Norbert Scheuers jüngster Eifelroman

Deutschland, 1944. Im Westen des Reiches lebt ein Mann, der seit Jahren Juden bei der Flucht hilft. Ihm geht eine schriftliche Nachricht zu, wenn er neue Flüchtlinge in seine Obhut nehmen soll. Er versteckt sie in einer Höhle und wartet wochenlang auf die nächste Instruktion mit dem Termin für den Weitertransport. Dann bringt er sie mit einem Pferdefuhrwerk an die Grenze zu Belgien, wo sie erwartet werden. Nach getaner Arbeit wartet er noch stundenlang, für den Fall, dass die Abholer nicht zur Stelle waren. Nach Hause zurückgekehrt, setzt er sich an den Schreibtisch und führt Tagebuch. Über die Erledigung seines Auftrags berichtet er dort im Zusammenhang mit den übrigen Verrichtungen seines Tages. Aus den Tagebuchblättern dieses Egidius Arimond, eines aus dem Schuldienst entlassenen Lateinlehrers, der im Eifelstädtchen Kall die Bienenzucht seines verstorbenen Vaters fortführt, besteht der neue Roman von Norbert Scheuer.

Ein Manuskriptschatzfund, eine Tasche oder Kiste voller Papiere: Das ist ein Kniff, der so alt ist wie das Handwerk des Romaneschreibens. Er macht dem Schriftsteller, der sich die Geschichte ausgedacht hat, die Vortäuschung von Unmittelbarkeit möglich, von Gleichzeitigkeit des Berichts und Alltäglichkeit des Berichteten. Wann ist diese Erfindung glaubwürdig? Man muss sich vorstellen können, dass der vermeintliche Verfasser die Niederschrift wirklich zu Papier gebracht hat. Hatte er inmitten dramatischer Ereignisse überhaupt die Muße dazu? Und falls er Geheimnisse verrät: War es nicht zu gefährlich, sie dem Papier anzuvertrauen?

Die Antwort auf die erste der beiden Fragen liegt im Fall des Erzählers von "Winterbienen" auf der Hand. In der Eifel passiert nicht viel. Das weiß auch, wer dieses Hinterland des Rheinlands nie betreten hat und das Reich der erloschenen Vulkane nur aus der Fernsehserie "Mord mit Aussicht" kennt. Egidius Arimond hatte also alle Zeit der Welt, um seine Beiträge zur versuchten Judenrettung aufzuzeichnen, zumal der Zweite Weltkrieg bis weit ins Jahr 1944 hinein buchstäblich über die Köpfe der Eifelbewohner hinwegging, in Gestalt der alliierten Bomber, die ihre Last nicht über den verstreuten Dörfern im westdeutschen Niemandsland abwarfen, weil sie zunächst die Städte Köln und Bonn zerstören wollten. Aber wie konnte Scheuers Held Buch führen über Handlungen, die ihn zum sicheren Tod verurteilt hätten, wenn seine Akten der Gestapo in die Hände gefallen wären?

Der Autor hat Egidius Arimond mit einem Handicap ausgestattet, das ihn - ein makabres Paradoxon - vor dem Kriegsdienst verschont, weil sein Leben nach der Doktrin der Nationalsozialisten ohnehin nichts wert ist. Er ist Epileptiker. Aber die Annahme, dass der Tagebuchautor sowieso jederzeit damit rechnen musste, selbst abtransportiert zu werden, und sich deshalb vor dem leeren Blatt keinen Zwang antat, ist zur Erklärung der Existenz des Tagebuchs nicht erforderlich. Die Hypothese bleibt Spekulation, wie ohnehin in diesem Roman alle psychologischen Erwägungen spekulativ, will sagen: dem Leser anheimgestellt sind, weil der fingierte Autor sich an die Tatsachen hält, die sich naturwissenschaftlich ausweisen lassen.

Warum musste der Lehrer außer Diensten keine Angst vor der Entdeckung seines Diariums haben? Er hat es gut versteckt: in einem seiner Bienenstöcke. Der Verschlag mit den Bienenvölkern wäre erst durchsucht worden, wenn der Flüchtlingshelfer schon aufgeflogen wäre.

Die Meisterschaft des Romanciers Norbert Scheuer ermisst man nun daran, dass diese äußere Plausibilität der Tagebuchfiktion mit der inneren Plausibilität des Erzählmodus zusammenfällt. Sich am Feierabend hinzusetzen, das Tagwerk in Schriftform zu gießen und das Protokoll dann am Arbeitsplatz zu deponieren - das ist für den Bienenzüchter im Erbgang das Natürlichste auf der Welt, wie seine Bienen ein Programm der Natur ausführen, das sie den Nektar, den die Blüten absondern, sammeln lässt, um den Honig herzustellen, den ihr Züchter erntet.

Unter dem Datum des 27. Novembers 1944 schreibt Egidius Arimond: "Vielleicht sollte ich alle meine Notizen vernichten, nichts mehr aufschreiben, außer das, was die Bienen betrifft; aber das bringe ich nicht über mich, denn das Einzige, was bleibt, sind diese Notizen. Sie halten mich am Leben, sind meine einzige Erinnerung." Zum Zeitpunkt dieses Eintrags liegen drei Wochen Haft im Kölner Gestapokeller bereits hinter dem Lebensbuchhalter. Die Medikamente, die er mit dem Kutscherdienst für die Flüchtlinge bezahlte, wurden konfisziert. So treffen ihn die Angriffe seiner Krankheit, die jedes Mal einen Haufen Gehirnzellen absterben lassen, in immer kürzeren Abständen, und der Idealismus, der ihn wie die Protagonisten früherer Romane Scheuers seit jeher zu der Vermutung neigen ließ, dass die Erinnerung das wahre Leben sei, nimmt wahnhafte Züge an. Und doch ist auch in diesem Zustand der fortschreitenden Auflösung des erzählenden Subjekts die Erinnerung keine Einbildung, sondern das genaue Gegenteil: Materie, in Form eines Stapels von beschriebenem Papier.

Steht das Verhalten des Imkers unter demselben Gesetz wie die Bewegungen seiner Bienen? Die Frage treibt Egidius Arimond um - aber schon das ist ein Grund, sie zu verneinen. Denn die von den Menschen seit jeher bewunderte Koordination der arbeitsteiligen Bienengesellschaft kommt offenbar ohne Befehle oder andere Willensakte und Geistesblitze zustande. Der Geschäftsbericht des Bienenjahres, der Teile des Tagebuchs einnimmt, schildert auf den ersten Blick einen Staat nach dem Geschmack der NS-Propaganda: Alles ist auf das Überleben des Volkes ausgerichtet, die Winterbienen opfern sich, und unter den Drohnen wird ein Massenmord veranstaltet. Aber das Durchhalten kommt ohne Parolen zustande, so dass der Kreisleiter der Partei, mit dessen Frau der ausgemusterte Pädagoge eine Affäre anfängt, in seinen Reden wohl nicht auf das zoologische Exempel zurückgreift.

Ein Modell geben die Bienenvölker eher insofern ab, als der Krieg spurlos an ihnen vorübergeht. Als die Menschen von Kall von den Luftangriffen nicht länger verschont werden, müssen sie sich auf ihre Reflexe verlassen. Sie verwandeln sich der Natur an. Der lakonische Ton des Tagebuchs simuliert die Normalität eines Jahreslaufs, der von der Natur regiert wird. Eingelegt ins Tagebuch sind Blätter, die ein anderer Arimond beschrieben hat, ein angeblicher Vorfahr, welcher der Legende nach als Mönch die Bienen in der Eifel ansiedelte und ihnen den Trick abschaute, mit denen das zur Bestattung an der Mosel bestimmte Herz des Kardinals Nikolaus von Kues vor der Verwesung bewahrt werden konnte.

In den Aufzeichnungen des Mönchs Ambrosius Arimond findet der Lehrer Egidius Arimond ein Cusanus-Exzerpt, die Skizze einer Theorie der absoluten Ähnlichkeit, in der größte und kleinste Ähnlichkeit zusammenfallen. Dass Menschenvolk und Bienenwelt sich ähneln, ist keine naturwissenschaftliche Erkenntnis, sondern eine poetische Idee, die in Scheuers Roman mit den Mitteln seiner Romane nahegelegt wird, das heißt: beiläufig.

Die Notizen Egidius Arimonds sind alles, was von ihm bleibt, seine ganze Geschichte. Sie erinnern auch an das Wichtigste, was er tat, nicht nur dadurch, dass in ihnen davon die Rede ist, sondern auch durch die materiellen Bedingungen ihrer Überlieferung. Die Flüchtlinge rettete er nämlich genauso wie das Tagebuch: Er versteckte sie auf der Fahrt an die Grenze unter den Bienen. Diese ließen sich auf den Schutzbedürftigen nieder, weil er Lockenwickler an deren Kleidern befestigt hatte, in denen Königinnen gefangen waren. Die Röhrchen waren Souvenirs, die er seinen Geliebten geklaut hatte. Er unternahm die lebensgefährlichen Touren, weil er das Geld für seine Medizin brauchte. Nichts anderes nimmt er im Tagebuch für sich in Anspruch. Norbert Scheuers Romane sind so gebaut, dass sie mit aller Macht von dem zeichenhaften Sinn ablenken, den Koinzidenzen nahelegen. Um so verführerischer das Symbol des Lockenwicklers: die Denkmöglichkeit, dass der hoffnungslos vereinzelte Judenretter aus Liebe gehandelt hat.

PATRICK BAHNERS

Norbert Scheuer: "Winterbienen". Roman.

Verlag C. H. Beck, München 2019. 319 S., geb.

© Alle Rechte vorbehalten. Frankfurter Allgemeine Zeitung GmbH, Frankfurt.
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Jens M.
von Jens M. - Hugendubel Buchhandlung Frankfurt am Main Steinweg - 06.09.2019
In seinem neuen Roman "Winterbienen" überzeugt Norbert Scheuer wieder einmal durch seine intensive, Stimmung erzeugende Sprache. Egidius Arimond, aus dem Schuldienst entlassen, wurde aufgrund seiner Epilepsie nicht zum Militär eingezogen, sondern betreut und züchtet in der Eifel in alter Familientradition Bienen. Bienenkörbe nutzt dazu, Juden zur Flucht über die Grenze zu helfen ...
Bewertungen unserer Kunden15
Ein leises, wortgewaltiges Meisterwerk
von lesetalk - 03.02.2021
Zur Geschichte: Es geht um Egidius Arimond, ein Schullehrer in den Jahren 1944/45. Mitten in den Wirren des 2. Weltkrieges in Kall; ein kleiner beschaulicher Ort irgendwo in der Eifel. Hier wohnt Egidius und darf aufgrund seiner Epilepsie nicht mehr unterrichten. Mit seiner Krankheit taugt er nicht einmal für den Kriegsdienst, wie sein Bruder Alfons, der ein erfolgreicher Kampfpilot ist und so widmen er sich eben seinen Bienen, die er von seinem Vater nach dessen Tod übernommen hat. Egidius schmuggelt aber auch Flüchtlinge mit Hilfe seiner Bienenkästen über die Grenze und findet auch an den Frauen im Dorf gefallen, deren Ehemänner in den Krieg ziehen mussten. Ein gefährliches Unterfangen, da er sich eines Tages auch noch mit Charlotte, der Ehefrau des NSDAP-Kreisleiters einlässt. Norbert Scheuer gelingt hier ein großartiger Roman, der mit ganz leisen Tönen auskommt und als Tagebuch geschrieben ist. Ich habe die Lizenzausgabe der Büchergilde Gutenberg und der Einband ist aus feinem Leinen gearbeitet. Lesekultur pur. Der honigfarbene Schutzumschlag ist einfach aber ansprechend gestaltet. Da der Roman als Tagebuch und dazu in der "Ich-Form" geschrieben ist, habe ich schon nach wenigen Seiten das Gefühl, dass ich selbst der Verfasser bin. Einfühlsam, wortgewaltig und mit Liebe zum Detail beschreibt er den täglichen Ablauf unseres Protagonisten ohne jemals langweilig oder langatmig zu wirken. So z.B.: "Der Himmel ist grau wie Zement, die Wolken hängen tief, sodass man fürchtet, sich irgendwo weit entfernt am Horizont den Kopf zu stoßen" (S. 26). Großartig beschreibt Norbert Scheuer auch wie sich die krankheitsbedingten Anfälle seines Protagonisten ankündigen: "Gestern hatte ich nach langer Zeit wieder einen epileptischen Anfall; er kündigte sich an wie ein Windhauch, als triebe ich an einem Sommertag auf einem Segelboot langsam aufs Meer hinaus". (S. 39) Er beschreibt die für Egidius immer schlechter und schwieriger werdende Situation im Dorf und den damit verbundenen Anfeindungen, parallel dazu das Leben seiner Bienen, so detailliert und kräftig, ja gefühlvoll und das Ganze völlig unaufgeregt und mit einer ganz leisen Stimme, dass es eine wahre Freude ist, es zu lesen. Wir tauchen tief ein in das Leben des Protagonisten und die damalige Situation zusammen mit den damit verbundenen Sorgen und Nöten der Menschen. Mehr will ich über den Inhalt nicht verraten. Die Danksagung am Ende ist meines Erachtens wichtig gelesen zu werden. Am Ende lässt mich das Buch nachdenklich, ja sogar ein wenig melancholisch, aber keineswegs traurig zurück. Ich wäre gern länger geblieben. Eine ganz klare Leseempfehlung.
So schön - und doch so traurig
von Xirxe - 09.07.2020
Was für ein schönes Buch, das von einer entsetzlichen Zeit erzählt. Es ist das letzte Kriegsjahr des II. Weltkriegs und in der Eifel ist es bisher vergleichsweise ruhig geblieben. Egidius, der aufgrund seiner Epilepsie nicht eingezogen wurde und dank des Einflusses seines Bruders der Euthanasie entging, kümmert sich nach seiner Entlassung als Lehrer um seine Bienenvölker und um manche zurückgelassene Frau. Hin und wieder bringt er Juden über die Grenze, um sich so Geld für seine Medikamente zu verdienen, doch mit dem Vorrücken der Alliierten wird es immer gefährlicher. Es ist eigentlich ein gemächliches Buch, wenn sich der kriegerische Hintergrund nicht immer wieder in den meist friedlichen und beschaulichen Tagebucheinträgen des Egidius in den Vordergrund drängen würde. Hauptthema seiner Einträge ist die Beobachtung und Pflege sowie Entwicklung seiner Bienen, denen er sich eng verbunden fühlt. Seine restliche freie Zeit widmet er der Übersetzung alter Dokumente seines Vorfahren Ambrosius aus dem Latein und den Frauen, denen er zugetan ist. Es wirkt, als wäre er ein glücklicher Mensch, wenn nicht stets aufs Neue das Grauen des Krieges in Erscheinung treten würde. An Handlung gibt es nicht viel zu berichten, denn die Tage verlaufen recht gleichförmig. Doch wie der Autor dieses Wenige erzählt, ist so voller Zuneigung und Aufmerksamkeit, dass man beim Lesen unweigerlich eine grosse Sympathie zu Bienen und Ambrosius entwickelt und die Entsetzlichkeit des Krieges im Gegensatz dazu noch stärker wirkt. Ein schönes und trauriges Buch über das Leben, die Liebe und die Sinnlosigkeit des Krieges.
Retter der Winterbienen
von Buecherseele79 - 28.11.2019
Egidius Arimond lebt in der Eifel, es sind die letzten Monate des zweiten Weltkrieges, auch wenn dies noch keiner weiß. Egidius hat Epilepsie, ist kriegsuntauglich und manchen im Dorf ein Dorn im Auge. Doch er liebt das einfache Leben, die ein oder andere Frau, aber die große Liebe sind seine Bienenstöcke. Mit ihnen schmuggelt er auch Flüchtlinge, meist Juden, über die Grenze.. und eigentlich möchte Egidius nur in Frieden leben, seinen Bruder Alfons wieder bei sich wissen... Was für ein facettenreiches und doch so bewegendes, berührendes Buch. Der Titel hätte im Allgemeinen nicht besser gewählt werden können, ein kleines Highlight noch für das Jahr 2019. Der Autor, in seinem Nachwort, erwähnt wie es zu dieser Geschichte gekommen ist, alleine dies ist bewegend, interessant und rundet die Geschichte komplett ab. Doch schon der Schreibstil nimmt einen sofort ein, man merkt die Liebe zum Detail an den Gedanken von Egidius, aber auch die Zeichnungen und kleinen Erklärungen zu den verschiedenen Bombern/Flugzeugen sind interessant und fügen sich in das Gesamtbild sehr gut ein, hier merkt man auch die Liebe zum Bruder von Egidius, Alfons. In der Geschichte erlebt man zwei Zeitepochen, einmal die von Egidius, dann die von Ambrosius Arimond, der in ein Benediktinerkloster lebte, dort Bienen züchtete und wie sein Weg ihn zum Kloster führte, und warum er wieder austrat. Egidius ist ein Unikat, man hat ihn als Person nicht wirklich vor Augen, er bleibt ein bisschen hüllenlos und doch ist er unheimlich interessant. Durch seine Epilepsie ist er womöglich auch ein bisschen verschroben, etwas unbekümmerter, manchmal mag er gefühllos wirken, aber trotzdem hat er, für mich, das Herz am richtigen Fleck und ich glaube dass seine manchmal andere Sicht auf die Dinge ihm viele Sachen erleichtern. Seine Liebe und Hingabe zu den Bienen, wie er sich um sich kümmert, Vergleiche zwischen Bienen und der menschlichen Gesellschaft zieht, das hat mich sehr berührt, bewegt und der Autor hat ein Händchen dies sehr bildhaft und natürlich an den Leser heranzutragen, man lernt hier noch unheimlich viel über das Leben der Bienen. Diese Liebe zu den kleinen Honigsammlern macht die Geschichte manchmal etwas erträglicher, weicher, schöner, denn Egidius wird im Dorf meist gemieden, er kann nicht in den Krieg, ist kriegsuntauglich, auch als Lehrer darf er nicht mehr arbeiten und die Ablehnung wird ihm von vielen Menschen entgegengebracht. Auch, trotz dem kleinen Dorf, ist es schwer sich selbst zu versorgen, der Krieg und somit auch die Angriffe von Flugzeugen nehmen zu, die Dorfgemeinschaft ist zerrüttet und man kann eigentlich keinem mehr trauen. Und für Egidius kommt noch erschwerend hinzu dass er Medikamente benötigt die ihm der Apotheker aber nicht geben möchte, durch seine Erkrankung lebt Egidius eigentlich in ständiger Gefahr. Durch die Aufzeichnungen von seinem Vorfahren Ambrosius möchte Egidius mehr über die Bienen, die Aufzucht und den Werdegang der Familie erfahren, auch hier sehr authentisch und gut umgesetzt. Durch seine Bienen kann Egidius ohne Probleme reisen, wer ihn ausgesucht hat um Flüchtlinge über die Grenze zu bringen kann er nicht sagen, will er auch gar nicht, es soll alles geheim bleiben und Egidius versucht zu helfen, auch wenn ihn das oft anstrengt, manchmal nervt und eine große Gefahr auf ihn ausübt. Egidius steht für viele Menschen, die den Krieg daheim miterleben mussten, gerade als Mann ist man eher geachtet weil man als faul und unnütz gilt. Krankheiten erschwerten das damalige Leben ungemein, hier musste man ständig aufpassen nicht doch gemeldet und verschleppt zu werden, unnützes Leben hatte keinen Platz in der Gesellschaft. Der Protagonist mag anders wirken, aber dennoch hat der Autor ein sehr erschreckend gutes und vor allem bewegendes Bild über die letzten Atemzüge des zweiten Weltkrieges geschrieben, mit einem kranken Protagonisten der versucht zu helfen, zu lieben, zu leben, zu überleben. Ich kann für dieses Buch nur eine klare Leseempfehlung aussprechen! Ich danke dem C.H.Beck Verlag für das Rezensionsexemplar.
Atmosphärischer Antikriegsroman
von helena - 29.10.2019
Eifelregion 1944. Kleines Bergarbeiterstädtchen an der Urft. Egidius ist Epileptiker. In Jugendjahren wurde er zwangssterilisiert und ist knapp einer Lobotomie entkommen. Offiziell als Schmarotzer und Volksschädling abgestempelt. Seit vielen Jahren anfallsfrei, kann er bislang seine Erkrankung recht gut geheim halten. Aus dem Kriegsdienst wurde er ausgemustert. Nach dem Tod seines Vaters kehrte er in die Heimat zurück, unterrichtete am Gymnasium Latein, wurde jedoch aufgrund seiner Gesinnung aus dem Schuldienst vorzeitig entlassen. Hin und wieder betreut er noch Nachhilfeschüler. Vorrangig kümmert er sich nun um seine 80 Bienenvölker und seine Hauswirtschaft. Regelmäßig besucht er zudem die Bibliothek. Dort entziffert er zum einen alte Handschriften des Benediktinermönches Ambrosius, einem im 15. Jahrhundert lebenden Vorfahren, der ebenfalls Bienen züchtete und ein bewegtes Leben führte. Zum anderen empfängt Egidius hier kleine Nachrichten, aufgrund derer er Juden über die Grenze nach Belgien schmuggelt. Mittlerweile jedoch nicht mehr so oft, da die allgemeine Situation schwieriger wird. Alliierte nahen und deutsche Soldaten werden im Ort stationiert. Doch Egidius benötigt dringend das Geld für die notwendigen Medikamente, welche seine Erkrankung in Schach halten. Der Roman besteht aus Egidius Tagebuchaufzeichnungen sowie einigen Übersetzungen von Ambrosius`Schriften. Er liest sich fesselnd und ist in einer Sprache verfasst, die wunderbar Stimmungen, Eindrücke oder auch Landschaften wiedergeben kann. Der Roman ist reich an Symbolik und Metaphorik. So erfährt man wie nebenbei auch einiges über Bienen und Flugzeuge. Für mich war es manchmal etwas zu viel, zu überladen, zu überdeutlich wird auf die Katastrophe hingesteuert. Anfangs noch beschaulich und fast gemütlich, wendet sich die Stimmung schnell ins Bedrohliche. So ahnt man schon nach der Hälfte, dass es für Egidius nicht gut ausgehen kann. Aber das ist natürlich auch kein Wunder. Kaum jemand übersteht den Krieg unbeschadet und die Folgen wirken, auch nach Kriegsende, langfristig. Der letzte Twist war daher zwar überraschend, für mich jedoch unnötig. Egidius ist nach einer realen Person gezeichnet. So verwundert es letztendlich nicht, wenn einiges in seinem Charakter, seinem Denken und inneren Konflikten nur angedeutet bleibt. Ein Mann, der innerlich zerrissen, sich müht, einen Platz im Leben zu finden, als Einzelgänger nicht an die Liebe glaubt und doch immer wieder Frauengeschichten am Laufen hat. Geschützt vom Ruf seines Bruders, der hochdekoriert bei der Luftwaffe dient. Als grossartig empfand ich die Schilderungen seiner epileptischen Anfälle und das Nahebringen dieser Erkrankung im Ganzen. Alles in allem ein interessanter Hauptprotagonist und vor allem ein sehr solider Antikriegsroman, der die Schrecken des Krieges deutlich zeigt. Er berührt, beeindruckt, rüttelt auf und verstört. Und regt zum Nachdenken über die verschiedenen Optionen menschlichen Verhaltens an.
Bienen als bessere Gesellschaft
von Petra Wiechmann - 22.10.2019
Klappentext: Januar 1944: Während über der Eifel britische und amerikanische Bomber kreisen, gerät der wegen seiner Epilepsie nicht wehrtaugliche Egidius Arimond in höchste Gefahr. Er bringt nicht nur als Fluchthelfer jüdische Flüchtlinge in präparierten Bienenstöcken über die Grenze, er verstrickt sich auch in Frauengeschichten Meinung: Diese Tagebuchform verführt zu mehr lesen, denn die kurzen Kapitel vermitteln eins geht noch, dann machst du was anderes.Gleichzeitig kann man leichter über das Gelesene nachdenken denn es sind nicht zuviel Informationen auf einmal Die Mischung aus dem Tagesgeschehen vom 1944 und den Textfragmenten aus dem Kloster machen es interessant,obwohl es ein ruhiges Buch ist, trotz des Krieges und die Angst wegen der Epilepsie ermordet zu werden. Gleichzeitig erfährt man vom Ich-Erzähler viele Einzelheiten über die Bienenzucht und das Verhalten der Tiere. Tatsachen die anscheinend so alt wie die Menschheit sind. Eine Randnotiz ist für mich persönlich dass mir die Bienen sympathisch geworden sind obwohl ich eine sehr starke Allergie gegen Insektenstiche habe und daher viel Angst vor stechenden Insekten. Solche Bücher gibt es viel zu selten. Es nimmt den Leser mit in eine andere Umgebung mit anderen Menschen die aber trotzdem nicht fremd sind. Es beschreibt eine grauenhafte Zeit ohne erhobenen Zeigefinger oder brutale Einzelheiten. Die Beschreibung des Alltäglichen reicht aus. Das Buch ist zu Recht auf der Shortlist und wäre ein würdiger Preisträger gewesen
Zu Recht auf der Longlist
von Sikal - 07.09.2019
Ich finde, das Buch ist zu Recht auf der Longlist des Deuschen Buchpreises und war ein richtiges Highlight. Der Schreibstil ist eher ungewöhnlich und wie ein Tagebuch geschrieben. Protagonist Egidius Arimond kämpft sich durch die letzten Kriegsmonate in einem kleinen Bergarbeiterstädtchen, während britische und amerikanische Bomber über der Landschaft kreisen. Vor dem Krieg war Egidius Gymnasiallehrer für Geschichte und Latein, doch aufgrund seiner Epilepsie wurde ihm ein Berufsverbot durch die Nazis auferlegt. Neben seiner Leidenschaft für diese beiden Fächer widmet er sich ebenfalls mit Begeisterung der Imkerei, die er von seinem Vater übernommen hat. Aufrecht hält ihn während dieser schrecklichen Kriegsmonate nicht nur seine Liebe zu den Bienen, sondern auch seine Studien in der noch vorhandenen öffentlichen Bibliothek - nicht nur wegen der beiden Bibliothekarinnen sondern auch wegen geheimer Botschaften einer Organisation, die jüdischen Flüchtlingen über die Grenze hilft, stöbert er enorm viel in den alten Schriften. Immer auch auf der Spur seines Vorfahren Ambrosius, der bereits im 15. Jahrhundert von der Imkerei besessen war. Egidius erzählt in seinem Tagebuch mal mehr mal weniger vom Kriegsverlauf, von seinen Ängsten, dass der Apotheker ihm seine Medikamente verweigert, von seinen Frauengeschichten, von Schrecklichkeiten, die zum Kriegsalltag gehören, von seiner Familie und seiner Mithilfe beim Widerstand. Vieles erfahren wir auch über Bienenhaltung, Winter- und Sommerbienen und den Status der Königinnen. Zwischendurch finden sich immer wieder Flugzeugskizzen sowie eine genaue Beschreibung diverser Typen. Besonders berührend finde ich die Danksagung in diesem Buch, in dem man auch erfährt wie der Autor zu dieser Geschichte kam und welche Bedeutung Bienenstöcke haben können. Der Autor Norbert Scheuer erzählt mit einem außergewöhnlichen Stil und enormer Empathie von den Schrecklichkeiten der letzten Kriegsmonate und vom schmalen Grat zwischen Leben und Tod. Gerne vergebe ich für diesen großartigen Roman 5 Sterne.
Gestreifte Fluchthelfer
von Elke Seifried - 29.08.2019
Ich interessiere mich sehr für historische Romane und Sachbücher aus der Zeit des Zweiten Weltkriegs, zudem war mein Papa Hobbyimker, deshalb hat mich die Beschreibung sofort angesprochen und ich wurde nicht enttäuscht. Der Autor hat in seinem Roman tatsächlich gefundene Aufzeichnungen eines Imkers, der im Zweiten Weltkrieg Menschen zur Flucht verholfen hat, gefunden und hier zu einem bewegenden Roman verarbeitet. Diesen bekommt man als Leser in Form von Tagebucheinträgen geboten, die im Januar 1944 beginnen und nach Kriegende enden. Egidius Arimond, ein ehemaliger Gymnasiallehrer, der unter Epilepsie leidet und deshalb keinen Frontdienst leisten muss, ist leidenschaftlicher Imker. Dass er von Jupp (so nennt er Hitler) und dessen Politik noch nie etwas gehalten hat, muss wohl einer Fluchthelferorganisation zu Ohren gekommen sein und deshalb haben sie zu ihm Kontakt aufgenommen. Seither bringt er jüdische Flüchtlinge aus der Eifel in präparierten Bienenstöcken über die Grenze nach Belgien. Ein gut ausgeklügelter Plan macht es möglich, denn sollte sein Fuhrwerk auf dem Nachttransport kontrolliert werden, schwärmen die Bienen und bedecken den Körper der Flüchtlinge, da er auf deren Kleidung Lockenwickler mit Königinnen befestigt. Als Leser erfährt man, wie er seine Informationen erhält, dass er niemanden kennt, wie die Rettungstransporte organisiert werden und ablaufen und ist bei vier bewegenden Transporten, die nicht alle glücken, mit dabei. Außerdem darf man sich mit ihm stundenlang in der Bibliothek, wo er auch seine Kassiber erhält, den Aufzeichnungen seines Vorfahren, des Benediktinermönchs Ambrosius aus dem 15. Jahrhundert, widmen und diese mit ihm aus dem Lateinischen übersetzen. Zudem erlebt man mit ihm, wie sich das Kriegsgeschehen in Kall und im Umland im letzten Kriegsjahr entwickelt. Während er anfangs noch relativ gelassen Kampfflieger über sich hinwegziehen, ab und an ein Flugzeug abstürzen sieht, wird die Stadt zunehmend voll mit Landsern, Gewalt und auch die Verwundeten bleiben nicht aus, als die Bomben auch dort landen, bevor der Krieg beendet werden kann. "¿dabei sollten zwei lange Stahlnadeln hinter meinen Augäpfeln ins Gehirn eingeführt und die kranken, für die Anfälle verantwortlichen Nervenfasern durchtrennt werden." Auch seine Epilepsie ist immer wieder Thema, was mich bewegt und gefesselt hat. Seine Mutter, die ihn vor einer solchen Behandlung rettet, wie gern er Kinder hätte, diesen Traum aber durch die Zwangssterilisation ad acta legen muss, dass er als Epileptiker nicht in einer Euthanasieanstalt "vernichtet" worden ist, weil sein Bruder Alfons ein hochdekorierter Kampfpilot ist und wie schwierig es wird Medikamente zu erhalten, die seine Anfälle in Zaum halten könnten, sind nur einige Beispiele, die bewegen. Nicht ganz so viel konnte ich mit seinen Frauengeschichten anfangen, denn Egidius Arimond ist ein Schwerenöter, und hat Beziehungen zu allerhand Frauen, Kellnerin Maria und auch Charlotte, die Frau des NSDAP-Kreisleiters, sind nur zwei davon. Aber darauf weißt ja der Klappentext schon hin, deshalb darf das wohl auch nicht kritisiert werden. Wieder ausgezeichnet gefallen hat mir hingegen der tolle Einblick in die Tätigkeiten eines Imkers, die Vorgänge in einem Stock und auch zahlreiche intensive Betrachtungen der Insekten. Durch die Hobbyimkerei meines Vaters und auch dem einen anderen Bienenbuch war mir einiges über deren Lebensweise bekannt, doch tatsächlich auch einiges neu. So habe ich z.B. bis dato nicht gewusst, wie sich ein Bienenvolk dem Eindringen einer Wanderratte erwehrt, "mit Stichen gelähmt und dann durch die Bewegungen ihrer Flügelchen eine solche Hitze erzeugt, dass sie innerlich verbrannt ist. Anschließend haben sie den Eindringling mir ihrem Harz so kunstvoll einbalsamiert, dass er nun aussieht wie die Mumie eines Pharaos.". Super interessant fand ich auch, dass man durch die Übersetzungen zusätzlich erfährt was im Mittelalter bereits über die Zucht bekannt war, da war das Wissen um die Mumifizierung im Übrigen auch schon bekannt. Erwähnen möchte ich auch noch die dreizehn Skizzen von Kampfflugzeugen, die jeweils mit genauer Bezeichnung und Angaben zu Besatzung, Antrieb, Bewaffnung und Bombenlast versehen sind. Auch hier hat der Autor wirklich äußerst genau recherchiert. Anzumerken hier vielleicht auch die umfangreichen Literaturtipps im Anhang. "Als ich nach der Entwarnung durch die Straßen gehe, klaffen überall Bombentrichter, ganze Häuserreihen sind verschwunden. Tote liegen, nur mit ihre Unterwäsche bekleidet, auf den Straßen, Häuser brennen und stürzen in sich zusammen, die heißen ätzenden Dämpfe des Sprengstoffs verstopfen mir die Nase." Der Stil der Einträge mutet stellenweise nüchtern, betrachtend und distanziert an, ist es vielleicht sogar, was aber auch zum Protagonisten passt, "Es wird viel erzählt, ich benutze lieber, meine Ohren als meine Zunge." Trotzdem gelingt es dem Autor beim Lesen Betroffenheit zu erzeugen. Allein schon durch die schrecklichen Dinge, die geschildert werden, aber auch durch Sätze wie "Ständig habe ich Angst, bald nicht mehr Herr meiner Sinne zu sein, Dinge zu sagen, die mit verraten könnten.", die durchaus bewegt mitfühlen lassen wie z.B. bei seinen Fieberträumen, die ihn am Ende des Krieges aufgrund der fehlenden Medikamente immer mehr plagen. Richtig gut haben mir auch die vielen detaillierten Beschreibungen der Landschaft und der Bienen gefallen. Zahlreiche Formulierungen konnte ich mir richtiggehend auf der Zunge zergehen lassen. Die Beschreibung, "¿runder Kopf erinnert an eine Futterrübe, die kleinen, versoffenen Mausaugen wie Löcher darin, überall mit wirren Wurzelhärchen, die Knorpelohren, die vom Alkohol glühenden Wangen," eines Einwohners, der täglich am Tresen sitzt, ist nur ein Beispiel dafür. Gut gemacht fand ich auch, wie er bei den Bienen einerseits die heile Welt feststellt, "Der Lärm der Angriffe scheint den Bienen nichts auszumachen; sie leben in einer anderen, wie es scheint friedlicheren Welt, sie interessiert der Krieg nicht.", aber andererseits auch Beobachtungen wie beim Auffinden von unzähligen toten Drohnen vor dem Stock "nur selten kommt es vor, dass welche den Winter im Stock überleben. Sie sind für den Staat nur noch Schmarotzer.", also Formulierungen parat hat, die durchaus auf das Terrorregime der NSDAP übertragbar wären. "[Na Arimond, hast du¿s auch überlebt?[ Die Zeit des Krieges ist für ihn abgeschlossen; er redet nicht mehr über sie, und es scheint, als hätte er für ihn nie stattgefunden.", ist ein Kommentar in der Dorfkneipe Ende Mai 1945. Dass die Schrecken und Verbrechen des Zweiten Weltkriegs nie vergessen werden, dafür sorgt der Autor mit einem bewegend, fesselnden und super interessanten Roman, der von mir auf jeden Fall noch fünf Sterne bekommt.
Der Bienenzüchter der Eifel
von yellowdog - 25.08.2019
Der Roman ist sprachlich außerordentlich fein gestaltet. Es gibt genaue landschaftliche und situative Beschreibungen. Jeder Satz ist ausgearbeitet und doch ist das ganz im Fluss! Ein Fest für die Leser, die Literatur lieben. Erzähler ist Egidius Arimond, ein ehemaliger Lehrer, der jetzt Bienenzüchter in der Eifel ist und gelegentlich verfolgte Juden über die Grenze bringt. Aufgrund seiner Epilepsie befindet er sich in einer isolierten Grenzsituation. Er wurde deswegen auch nicht in den Krieg eingezogen und ist somit einer der wenigen Männer mittleren Alters, die in der Umgebung noch da ist. Er ruht sehr in sich selbst, doch die Angst, dass die Krankheit schlimmer wird oder er keine Medikamente mehr bekommt ist ebenfalls da. Je mehr sich die Kriegszeit dem Ende nähert, desto chaotischer wird es. Zwischendurch gibt es Abschnitte aus Fragmenten eines seines Vorfahren, eines Mönches aus dem 15.Jahrhundert, dessen Texte Egidius aus dem Latein übersetzt. Das sind interessante Passagen.. Norbert Scheuer hat eine metaphernreiche, bildmächtige Sprache, die sich aber gleichzeitig erstaunlich zurücknimmt und von Lakonie bestimmt ist. Sehr überzeugend!
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