
Besprechung vom 18.06.2025
Lauter Schweigebriefe
Rabea Edels "Portrait meiner Mutter mit Geistern"
Die Wanderjahre beginnen 1982, im Geburtsjahr der Autorin in Bremerhaven, dann folgen die Jahre des Schweigens. Hier setzt der Roman ein, und gleich wird es kompliziert. Über vier Generationen konstruiert er ein verzwicktes Geflecht zwischen Frauen: Urgroßmutter Dina, Jahrgang 1900, deren Tochter Selma, die Mutter von Martha wird, die wiederum Mutter der Icherzählerin Raisa ist. Es gibt keine Chronologie, alles ist mit allem verwoben und beruht laut Nachwort auf wahren Begebenheiten.
Die Frauen haben keine Männer, oder diese bleiben unauffällig im Hintergrund. Es geht nicht um große Ereignisse, sondern um Verletzungen, Betroffenheiten, Unversöhnlichkeiten, Gewalt und Schmerz. Martha steht im Mittelpunkt, gewinnt aber keine scharfe Kontur. Zum Verwirrspiel trägt bei, dass die Geschichte kreuz und quer durchs 20. Jahrhundert springt. Die Orte wechseln, aber meist in Norddeutschland treffen die Personen dieser zerborstenen Familiensaga aufeinander. Nicht recht ins Schema passt Jakob, Jahrgang 1920. Er kann seine Beziehung zur Großmutter Selma nicht ausleben, muss als Jude während des Faschismus versteckt werden und wandert schließlich nach New York aus, wo er über neunzigjährig stirbt. Auch er will nicht richtig in die Welt passen. Alle sind Unbehauste. Die Fundstücke aus dem Leben passen meist in einen Koffer, sorgfältig unter dem Bett versteckt. Geht keinen etwas an.
Alles, was Raisa von ihrer Mutter Martha wissen möchte, wischt diese mit einer Handbewegung fort. Die bizarre Kommunikation zwischen Mutter und Tochter verläuft über Briefchen, die Martha in eine Steinmauer schiebt. Die Tochter will keine Schweigebriefe, sie rebelliert: "Ich will keine zweihundert Zettel. Ich will eine einzige zusammenhängende Geschichte, eine Erklärung."
Rabea Edel überschreibt das Buch "Portrait meiner Mutter". In ihrer Phantasie schwärmt sie aber so weit aus, dass alle Figuren - Martha und auch die Geister, die um sie herumschwirren - eher wie Schemen in einer düsteren Zeit, der Nachkriegszeit, im Nebel bleiben. Sie hüllen sich in unausgesprochene Geschichten. Gefühle bleiben ebenso gebändigt, wie auch der Hass nie Oberhand gewinnt.
Der Ort Bremerhaven, nach dem Krieg Hauptquartier der amerikanischen Besatzungsarmee, bildet den Hintergrund des Romans, ohne dass Edel daraus ein farbiges Zeitkolorit gewinnt. Vielmehr beschreibt sie eine Zeit, in der jeder sich neu zurechtfinden muss. Die Menschen, die sie ins Licht rückt, sind unauffällig, aber eigensinnig. Sie haben viele Fragen, auf die es nur selten eine Antwort gibt. So faszinierend und vielfältig in der formalen Gestaltung der Roman ist, mangelt es ihm an Klarheit. Das Rätsel allein ist nicht immer befriedigend. LERKE VON SAALFELD
Rabea Edel: "Portrait meiner Mutter mit Geistern". Roman.
Verlag C. H. Beck, München 2025. 396 S., geb.
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