
Vom Wettlauf um die Entwicklung der ersten Atombombe über das angespannte Wettrüsten des Kalten Krieges bis hin zum Imperialismus und den Kriegen der Gegenwart - der renommierte Harvard-Historiker Serhii Plokhy zeichnet das komplexe Bild einer Welt, deren Schicksal von den Motiven der politischen Akteure abhängig und deren Zerstörung nicht selten nur ein Knopfdruck entfernt war. Heute, da Regierungen ihre Arsenale wieder aufrüsten, Verträge außer Kraft treten und Atomwaffen zunehmend in die Hände zweifelhafter Akteure gelangen, ist die Bedrohung aktueller denn je und wir stehen vor der entscheidenden Frage unserer Zeit: Was können wir aus dem nuklearen Wettrüsten der Vergangenheit lernen, um ein neues zu verhindern?
Inhaltsverzeichnis
Besprechung vom 09.06.2026
Atomwaffen garantieren keinen Sieg
Was kann man aus dem bisherigen Verlauf des nuklearen Zeitalters lernen? Serhii Plokhy schildert es als Geschichte von Missverständnissen.
Rückblickend erscheint die Geschichte der Atombombe als eine Geschichte von Missverständnissen. Sie wurde bislang zweimal in einem Krieg eingesetzt - unter anderem mit dem Ziel, danach nie wieder eingesetzt werden zu müssen. Bereits dies war ein Missverständnis. Denn verbunden damit war die Vorstellung, dass durch die Existenz der Atombombe größere Kriege zwischen größeren Mächten nach zwei Weltkriegen unwahrscheinlicher werden würden.
Ursprünglich waren auch nicht Hiroshima und Nagasaki, sondern Ludwigshafen und Mannheim als mögliche Ziele für die ersten atomaren Angriffe ausgewählt worden. Dazu war es dann nicht mehr gekommen, da amerikanische Truppen die beiden deutschen Industriezentren bereits Ende März 1945 eingenommen hatten, zweieinhalb Monate vor dem ersten erfolgreichen Test der Atombombe in den Vereinigten Staaten.
Zwar blieb ein großer Krieg zwischen den großen Mächten des Kalten Krieges aus. Aber die Existenz der Atombombe verhinderte nicht, dass in Korea und Vietnam sowjetische und chinesische gegen amerikanische Soldaten im Einsatz waren. Und sie verhinderte nicht, dass mit den USA die erste Atommacht der Welt, die in Asien gegen Japan nicht nur konventionell Krieg geführt hatte, wiederum in Asien gegen Nordkorea und Nordvietnam konventionelle Niederlagen erlitt.
Heute wiederum führt Russland als Atommacht einen Angriffskrieg gegen die Ukraine und damit gegen eine ehemalige Atommacht. Und auch hier zeigt sich ein Missverständnis: Anfangs wurde dieser konventionelle Krieg als ein Krieg betrachtet, den der Angreifer unter dem Schutzschirm seiner Atomwaffen begonnen hatte. Damit verbunden war die Vorstellung, dass er dadurch nicht zu besiegen sei. Inzwischen hat sich aber gezeigt, dass der Angegriffene dem Angreifer durch konventionelle Schläge aus der Luft gerade auch auf seinem eigenen Territorium empfindliche Verluste zufügen kann, ohne dass dies der atomare Schutzschirm des Angreifers verhindern kann. Und in der Ukraine selbst erlebt Russland, was schon in Afghanistan die Sowjetunion erlebte: Die konventionelle Invasion einer Atommacht kann konventionell gestoppt werden. Atomwaffen sind keine Versicherung gegen Niederlagen.
Was kann man also aus dem bisherigen Verlauf des Zeitalters der Atomwaffen für die Zukunft ableiten? Serhii Plokhy hat sich diese Frage in seinem neuen Buch gestellt. Einem größeren Publikum auch in Deutschland bekannt sein dürfte der Professor für ukrainische Geschichte in Harvard und Direktor des dortigen Ukrainian Research Institute durch seine viel beachtete Darstellung der Geschichte der Ukraine als "Tor Europas".
Bei Plokhy hat die Beschäftigung mit der Frage, was Staaten dazu bringt, sich Atomwaffen zu beschaffen und sie wieder aufzugeben, auch einen biographischen Hintergrund - und dies sowohl in Russland wie in der Ukraine: 1957 kam er in Gorki in der Sowjetunion, dem heutigen russischen Nischni Nowgorod, als Sohn ukrainischer Eltern zur Welt. Seine Kindheit und Jugend verbrachte er in Saporischschja in der südlichen Ukraine, um dann ein Studium der Geschichts- und Sozialwissenschaften an der Universität im südostukrainischen Dnipropetrowsk zu absolvieren und anschließend an der Russischen Universität der Völkerfreundschaft in Moskau Historiographie und Quellenforschung zu studieren. Danach folgte die Promotion an der Nationalen Taras-Schewtschenko-Universität in Kiew.
Angesichts dieser mehrfachen russisch-ukrainischen Prägung spielen das Budapester Memorandum von 1994 und die nukleare Abrüstung der Ukraine, Weißrusslands und Kasachstans eine bedeutende Rolle bei seinen Überlegungen. Als er mit ihnen begonnen habe, wie er selbst anmerkt, seien die Meinungen darüber geteilt gewesen, ob das zwischen den ehemaligen Nuklearstaaten und den beiden atomaren Supermächten USA und Russland ausgehandelte Abkommen, bei dem die Ersteren ihre Waffen im Gegenzug für die Sicherheitsgarantien der Letzteren aufgaben, ein Modell für den Rest der Welt sei, um nukleare Abrüstung und Nichtverbreitung zu erreichen.
Als er - nach eigener Aussage - in den letzten Tagen des Jahres 2024 mit seinen Forschungen und dem Schreiben seines Buchs zum Abschluss gekommen sei, habe sich die Antwort - ein unmissverständliches "Nein" - mit dem Ausbruch des russisch-ukrainischen Krieges, des größten militärischen Konflikts in Europa seit 1945, ergeben. Die Welt sieht Plokhy heute stärker von der Verbreitung von Atomwaffen bedroht als jemals zuvor seit dem Ende des Kalten Krieges. Folglich erscheint ihm auch sein Buch inzwischen aktueller als zu dem Zeitpunkt, da er mit dem Schreiben begann.
Zwar konnte er in der aktuellen Auflage des Buchs die beiden Feldzüge von Israel und den USA gegen Irans Atomprogramm 2025 und 2026 noch nicht berücksichtigen. Aber bereits in seinen Anmerkungen zur neuen internationalen Ordnung, die er mit Beginn von Russlands Vollinvasion der Ukraine 2022 sich herausbilden sieht, spielen auch atomare Bedrohungen eine Rolle. Hier benennt er vier Schlüsselfaktoren: erstens das nukleare Vabanquespiel, das durch atomare Drohungen gegen atomwaffenfreie Staaten gekennzeichnet sei; zweitens das neuerliche atomare Wettrüsten zwischen den wichtigsten Mitgliedern des Klubs der Atommächte; drittens die Herausforderung, die der Krieg Russlands gegen die Ukraine für das System der Nichtverbreitung von Atomwaffen darstelle - ein Krieg, der von einer Atommacht gegen einen Staat entfesselt worden sei, der die Atomwaffen in seinem Besitz aufgegeben habe, um die Regeln der Nichtverbreitung einzuhalten; und schließlich, viertens, dass der Krieg in der Ukraine nun auch gegen Standorte kerntechnischer Anlagen geführt werde und damit das, was als "Atome für den Frieden" bekannt geworden sei, in sein Gegenteil verkehrt werde: Atome für den Krieg.
Im Kontrast dazu gilt "Atoms for Peace" heute als wegweisende Rede von Dwight D. Eisenhower am 8. Dezember 1953 vor der Vollversammlung der Vereinten Nationen. Dort hatte der amerikanische Präsident dafür geworben, nukleare Technologien für Energie, Medizin und Landwirtschaft statt für Krieg zu nutzen, was 1957 zur Gründung der Internationalen Atomenergie-Organisation (IAEA) als UN-Organisation für sichere Kerntechnik führte.
Nach der Analyse von Plokhy sind atomare Drohungen von den ersten Stunden des Angriffs auf die Ukraine an Teil der russischen Kriegsstrategie gewesen. Er ruft in Erinnerung, dass Wladimir Putin drei Tage nach Kriegsbeginn anordnete, "Russlands Abschreckungskräfte" in höchste Alarmbereitschaft zu versetzen, ein "Sonderregime der Kampfbereitschaft". Die atomaren Drohungen seien weitergegangen und vor allem durch Putins Stellvertreter, den ehemaligen russischen Präsidenten Dmitri Medwedew, kommuniziert worden, der die Ukraine vor einem nuklearen Armageddon gewarnt habe, falls sie es wagen solle, russische Ziele auf der Krim anzugreifen, oder falls der Westen die Ukraine weiterhin unterstützen werde.
Im Oktober 2022, nach der erfolgreichen ukrainischen Gegenoffensive in der ukrainischen Region Charkiw, sollen Putin und seine Gefolgsleute nach der Darstellung von Plokhy den Einsatz taktischer Atomwaffen gegen den nicht nuklearen Gegner erwogen haben. Washington habe die Wahrscheinlichkeit eines Einsatzes für so groß gehalten, dass Präsident Joe Biden CIA-Direktor Bill Burns zu einem Treffen mit einem Berater Putins geschickt habe, um ihn vor den möglichen Folgen eines solchen Vorgehens zu warnen. Plokhy zitiert den damaligen Außenminister Antony Blinken, der später kommentiert habe, Washington habe Grund zu der Annahme gehabt, dass China Russland gedrängt habe, vom Einsatz solcher Waffen abzusehen.
Zwar wurden dann tatsächlich keine Atomwaffen eingesetzt. Aber die atomaren Drohungen wertet Plokhy gleichwohl als die erfolgreichste psychologische Operation Russlands, welche die amerikanische Politik und die öffentliche Meinung gegenüber der russischen Aggression gegen die Ukraine beeinflusst habe. In der Tat verfolgten Washington und seine Verbündeten als Reaktion auf die Drohungen aus Moskau eine Strategie des "Eskalationsmanagements", wie Plokhy es treffend zusammenfasst: Man habe die Ukraine nur mit älteren Waffentypen und unzureichenden Mengen versorgt, sodass sie die Lage auf dem Schlachtfeld nicht dramatisch habe verändern können.
Die verzögerte Lieferung von HIMARS-Mehrfachraketenwerfern, Leopard-Panzern, ATACMS-Kurzstreckenraketen und F-16-Kampfflugzeugen sowie die Beschränkungen, die der Ukraine für einige dieser Waffen auferlegt worden seien, haben im Ergebnis nach dem Urteil von Plokhy zu einem längeren und blutigeren Krieg und einem steigenden Bedarf an immer mehr Waffen geführt.
Inzwischen hat Putin auch die russische Nukleardoktrin entsprechend anpassen lassen. Sie lässt nun den Einsatz von Atomwaffen gegen einen konventionellen Angriff auf Russland durch einen nicht nuklearen Staat zu, sofern dieser durch einen nuklearen Staat unterstützt wird. Zumindest die Ukraine hat sich davon bislang nicht einschüchtern lassen. Im Gegenteil: Ihre weitreichenden konventionellen Präzisionswaffen in Form von Drohnen und Raketen haben Putin veranlasst, zum ersten Mal seit fast zwei Jahrzehnten keine schweren Waffensysteme bei der jährlichen Parade am 9. Mai über den Roten Platz in Moskau rollen zu lassen, zu groß war die Angst vor ukrainischen Angriffen - Russlands nuklearer Schutzschirm schien zusammengeklappt. Oder ist auch dies nur ein weiteres Missverständnis? THOMAS SPECKMANN
Serhii Plokhy: Das Zeitalter der Atomwaffen. Von Hiroshima bis zur Gegenwart.
Hoffmann & Campe, Hamburg 2026. 608 S.
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