Trennungen gehören wohl zu den schmerzhaftesten Erfahrungen, die das Leben für uns bereithält. Doch was passiert, wenn nach 20 gemeinsamen Jahren plötzlich der Satz fällt: Ich liebe dich nicht mehr? Ohne Vorwarnung, ohne einen langen Prozess, der darauf hingedeutet hätte. Genau mit dieser Situation wird Kira in Karacho von Susanne Schirdewahn konfrontiert.
Gemeinsam mit ihrem Mann Vau hat sie sich über zwei Jahrzehnte ein Leben aufgebaut, zwei Söhne großgezogen und eine gemeinsame Zukunft entworfen. Umso härter trifft sie die Erkenntnis, dass dieses Leben plötzlich zerbricht. Doch die Autorin erzählt die Trennung nicht als einzelnen Schockmoment, sondern als einen zähen, schmerzhaften Prozess, in dem sich Hoffnung, Zweifel, Wut und das langsame Loslassen immer wieder abwechseln.
Besonders eindrücklich ist, wie nah wir Kira in dieser Zeit erleben. Sie versucht, sich aus ihrem Schmerz zu lösen und wieder zu sich selbst zu finden. Dabei lässt sie sich auf verschiedene Männer ein, die aus ganz unterschiedlichen Lebens- und Berufswelten stammen. Diese Begegnungen sind nicht nur flüchtige Ablenkungen, sondern wichtige Stationen auf ihrem Weg der Abnabelung. Sie helfen ihr, sich selbst besser zu verstehen, Grenzen auszutesten und herauszufinden, wer sie nach dem Ende ihrer Ehe eigentlich ist.
Denn Kira befindet sich nicht nur privat in einer Umbruchphase, sondern auch beruflich. Als Künstlerin versucht sie schließlich, ihren eigenen Weg zu gehen und sich als Regisseurin zu behaupten. Ihre Visionen, ihre innere Welt und ihre Emotionen beginnen sich in Theaterprojekten und Inszenierungen zu manifestieren. Das Theater wird für sie zu einem Ausdrucksmittel, um das Erlebte zu verarbeiten und gleichzeitig eine neue Identität zu formen nicht mehr nur als Teil einer Ehe, sondern als eigenständige Frau mit eigener Stimme.
Auch die Liebschaften und Begegnungen, die sie in dieser Zeit eingeht, spielen dabei eine zentrale Rolle. Sie sind Teil ihres Suchprozesses, manchmal intensiv, manchmal fragil, aber immer bedeutsam für ihre Entwicklung und ihr inneres Loslösen.
Susanne Schirdewahn schreibt dabei klar, direkt und emotional ehrlich. Sie beschönigt nichts und zeigt auch die unbequemen Seiten einer Trennung besonders dann, wenn eine neue Frau im Leben des Ex-Partners auftaucht und alte Wunden erneut aufreißen. All das wirkt sehr authentisch und nahbar.
Mir hat besonders gefallen, wie intensiv man Kira durch ihre gesamte Entwicklung begleitet. Man versteht ihre Gedanken, ihre Entscheidungen und ihre inneren Konflikte, selbst wenn man sie nicht immer teilen muss. Genau das macht die Geschichte so greifbar und menschlich.
Karacho ist ein bewegender Roman über Verlust, Identität, Selbstfindung und den langen Weg zurück zu sich selbst. Eine Geschichte, die zeigt, dass Abnabelung nicht nur bedeutet, etwas loszulassen, sondern auch etwas Neues in sich zu erschaffen. Von mir eine klare Leseempfehlung