
Gut kannte sie ihren Vater nicht, die Familie ging früh auseinander. Trotzdem, sein unerwarteter Tod ist ein Schlag für Martina, Mitte dreißig, die arbeitslos durch ein unstetes Berliner Leben trudelt. Also geht sie erst mal so in die Situation, wie es ihr am liebsten ist: sich in langen Nächten mit vielen Gläsern den Ernst des Lebens ein bisschen schöner zu machen - oder sich ihm gerade damit zu stellen? In der Eckkneipe begegnet sie Helden der Nacht, Philosophen, sucht eine stärkende Familie, ein Zuhause. Anderen geht es ja nicht besser, weder dem Jungwitwer Eckhard aus der Kneipe noch den übrigen Weltweisen, die im Spiel des Lebens verloren haben, aber doch auch gewonnen, weil sie trotzdem weitermachen. Wie konnte das alles eigentlich so weit kommen, fragt sich Martina. Mit dem Vater, der verkorksten Familie? Mit ihr selbst? Und wagt sich dabei immer weiter, in eine Zone voller Dunkelheit und Staunen, Schmerz und Wunder, in der sie vielleicht endlich der Wahrheit begegnet.
Ein radikaler, komischer, tieftrauriger, immer wieder überraschender Roman über eine junge Frau, die sich in die Welt stürzt und dadurch das Unfassbare zu meistern versucht. Eine Tour durch seelische Nachtlandschaften, die Suche nach Zärtlichkeit und wahren Empfindungen.
Besprechung vom 23.04.2026
Gefühle auf Ex
In ihrem Debütroman schickt Svenja Liesau eine Berlinerin durch psychische Krisen
Der Tod der eigenen Eltern wirft wohl jeden aus der Bahn. Aber auch dann, wenn man die Mutter oder den Vater gar nicht richtig kannte. Oder vielleicht dann besonders? So geht es Martina. Sie ist die Protagonistin in Svenja Liesaus Debütroman "Es war nicht anders möglich" und steckt durch den unerwarteten Tod ihres Vaters, der sich nie so richtig um sie gekümmert hat, in einer psychischen Krise. Arbeits- und orientierungslos trudelt die Sechsunddreißigjährige durch Berliner Eckkneipen, um ihren Kummer mit Alkohol und Drogen zu betäuben. Es beginnt ein Kampf der Konfrontation mit den eigenen Gefühlen.
Diese Reise, die Suche nach wahren Empfindungen, beginnt direkt auf der ersten Seite. Mit einer Playlist. Genau genommen sind es zwei, die sich über fünf Seiten erstrecken, mit Hits und Evergreens, die wohl so ziemlich jeden abholen. Die Autorin gibt gleich noch die Gelegenheiten an, zu welchen sich die insgesamt 120 Songs anzuhören lohnen, etwa "in der U-Bahn, im Theaterfoyer, bei Oma Traudel in der kleinen Stube", aber auch bei Geburtstagen oder "für Beerdigungen" zu verwenden - so heißt es zur ersten Playlist. Die zweite deutlich kürzere hingegen findet Liesau "wichtig für das Kapitel mit der Jazzkneipe". Als persönliches Vorwort der Autorin zu verstehen, bringt dieser vielversprechende Einstieg den Leser in die richtige Stimmung für das, was kommt.
Es folgen 220 Seiten, die sich anfühlen wie ein einziger Rausch. Das liegt zu einen daran, dass Martina die eine oder andere Drogen-Alkohol-Sex-Eskapade durchlebt, bisweilen auch vollends abstürzt, was Liesau eindringlich wiedergibt. Zum anderen ist es der originelle Schreibstil selbst - roh, pointiert, eloquent -, der dem Buch seinen einzigartigen Sound verleiht. Direkt und sehr ironisch packt die Autorin in jeden Satz unheimlich viel hinein. Gleichzeitig wird nicht alles im Laufe der Geschichte bis ins kleinste Detail aufgelöst, sondern Liesau lässt dem Leser Raum für Interpretationen.
Der nicht wirklich handlungsorientierte Roman ist über weite Teile hinweg sehr deskriptiv, was ihn aber nicht weniger spannend macht. Im Gegenteil: Die Spannung nicht durch einen stringenten Plot aufzubauen, sondern durch die Figuren an sich, durch ihre Gedanken und die Entscheidungen, die sie treffen, macht das Geschehen für den Leser nahbar. Die Ängste und Zweifel von Martina wirken so erschreckend realistisch, nahezu unangenehm ehrlich, dass man mit der chaotischen Protagonistin fühlt. So sehr, dass man sich unweigerlich die Frage stellt: War es anders möglich? Und vermutlich würde man Martina zustimmen, und zu der titelgegebenen Antwort gelangen: Es war nicht anders möglich.
Liesaus Stil rüttelt auf, was vor allem an den inklusivischen Wendungen "jemensch" "niemensch", "mensch" liegt, die die Autorin alternativ zu "man" verwendet. Um die Aufregung mancher Sprachwissenschaftler vorweg zu entkräften: Es handelt sich hier um eine unaufdringlich sensible Art einer neutralen Anrede, die nach ein paar Verwendungen gar nicht mehr groß auffällt. Die Art dieser Sprache passt zur Geschichte: Martina beurteilt ihre Mitmenschen nicht nach Geschlecht, Alter oder Herkunft, auch nicht nach deren mentaler Verfassung. Das wird in den Kneipenszenen überaus deutlich: Martina hat keinerlei Berührungsängste.
Svenja Liesau lebt selbst in Berlin, dem Schauplatz ihres Romans. Seit 2023 ist sie als Schauspielerin am Deutschen Theater fest engagiert, doch sie verbringt viel Zeit in Kneipen, um Text zu lernen, zu schreiben oder sich auf Gespräche einzulassen, wie sie der "Berliner Zeitung" verriet. Im selben Gespräch erzählte sie, dass der Tod ihres Vaters Ausgangspunkt des Buches gewesen sei. Und mit Martina hat sie das Alter gemeinsam - die intensiven, emotionalen Beschreibungen sind autobiographisch motiviert. Ein intensives Buch, das definitiv nicht zum Nebenbeilesen gedacht ist und im Gedächtnis bleibt. Nicht zuletzt durch das Cover, das wahrlich ein Blickfang ist. ANNA-LOUISA SCHÖNFELD
Svenja Liesau: "Es war nicht anders möglich". Roman.
Rowohlt Berlin Verlag, Berlin 2026.
237 S., geb.
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