
Besprechung vom 29.11.2025
Das Haus vergisst den Tiger nicht
Lasst Mauern sprechen: Thomas Harding und Britta Teckentrup arbeiten an einer Serie, die dem biographischen Kinderbuch Neues abgewinnen will - anhand der Häuser ihrer Protagonisten. Jetzt schreiben und zeichnen sie eine Hommage an Judith Kerr.
Von Eva-Maria Magel
Wenn Gebäude erzählen könnten, was würden sie dann wohl aus ihren Erinnerungen hervorholen? Kann ein Haus sich erinnern, kann es gar glücklich sein? Man muss mit dieser Zuschreibung von Seele einverstanden sein, um sich auf das Konzept einzulassen, das Thomas Harding nun schon in einem vierten Band zusammen mit der Illustratorin Britta Teckentrup verfolgt.
Die beiden sind davon überzeugt, dass Häuser etwas zu sagen haben - und dass man die Mauern zum Sprechen bringen kann. Mit wenigen Worten, die aber perfekt abgestimmt sind auf ein Bildwerk, das feine Details ebenso herausarbeitet wie große Panoramen, die ein Gebäude und seine Lage in Zeit und Raum mit der Geschichte seiner Bewohner verbindet. Dabei geht es um viele und vieles, aber im Grunde immer um eine zentrale Person.
Diesmal um eine Person, die auch die Illustratorin Teckentrup zu Lebzeiten noch kennenlernen konnte: ihre Kollegin, die Autorin und Illustratorin Judith Kerr (1923 bis 2019).
Mit "Sommerhaus am See" hatte Thomas Harding, 1968 in London geboren und ursprünglich als politischer Journalist im englischen Sprachraum tätig, 2020 seine Bilderbuchreihe begonnen. Die Grundidee speist sich aus seiner persönlich und familienbiographisch inspirierten Beschäftigung mit dem Nationalsozialismus und Holocaust, die er 2006 begonnen hatte. Daraus sind seit 2013 die erzählerischen Sachbücher "Hanns und Rudolf" über seinen Großonkel Hanns Alexander, der zur Verhaftung Rudolf Höß' entscheidend beigetragen hatte, und weitere Bücher entstanden. Aus dem Ferienhaus Alexanders speist sich das "Sommerhaus am See", "Das alte Haus an der Gracht" erzählt anhand der Gebäudegeschichte von Anne Frank. Auch der Beteiligung des britischen Teils seiner Familie am Sklavenhandel ist Harding in einem Sachbuch für Erwachsene auf die Spur gegangen, daraus ist für Kinder "Das alte Haus auf der Farm" über Harriet Tubman geworden.
"Das Haus am Park" nimmt den Faden in einem weiteren Sinne auf, hat Kerr doch seit den Siebzigerjahren nicht nur Welterfolge erzielt mit ihren Geschichten um Kater Mog und "Ein Tiger kommt zum Tee", sondern auch als autobiographische Autorin von "Als Hitler das rosa Kaninchen stahl" (1971). Darin und in den weiterführenden Bänden erzählt sie, Tochter des Autors Alfred Kerr, von der Flucht-Odyssee der Familie seit 1933, als Leben und Arbeiten unter der nationalsozialistischen Diktatur für Alfred Kerr sofort unmöglich wurde. Seit 1935 ist Judith Kerr in Großbritannien ansässig gewesen, hat dort im Zweiten Weltkrieg beim Roten Kreuz gearbeitet, grafische Gestaltung studiert und sich, mit ihrem Mann Thomas Nigel Kneale und den beiden Kindern, einen beinahe idealen Mikrokosmos des Lebens und Arbeitens in jenem Haus an der Ranelagh Avenue geschaffen. Teckentrups Bilder beschwören es mitsamt dem sich wandelnden Geist der Zeit plastisch herauf. In einer beinahe collagenartigen virtuosen Technik der Überlagerung schafft sie Panoramen und zoomt zugleich kleine Szenen heran, vielen meint man anzusehen, dass sie aus Fotos gespeist sind, die Kerrs Familie zur Verfügung gestellt hat. Oben rechts markiert jede Doppelseite eine Jahreszahl, von 1933 bis 2022.
Heute lebe eine andere Familie in Kerrs Haus, heißt es am Ende in einer kurzen Zusammenfassung. Ihre gelbe Küche wiederum wurde ausgebaut und in das nationale Kinderbuchzentrum "Seven Stories" gebracht. Nicht nur an solchen Stellen muss man sich fragen, ob das Haus wirklich so viel zu erzählen habe, wie es ein Bilderbuch über Judith Kerrs Leben verdiente. Biographische Kinderbücher liegen im Trend. Den Spagat, knapp zu sein und zugleich einen wesentlichen Einblick für junge Leser zu geben, Informationen zu bieten und ein ästhetische Vergnügen, versuchen sie alle mit unterschiedlichem Erfolg. Hardings Konzept allerdings sich über die äußere Hülle zu nähern, stößt mit Kerr an seine Grenzen.
Zum einen, weil ein essenzieller Teil der Geschichte, die Zeit von 1923 bis zum Erwerb des Hauses, nun einmal nicht dort spielt. Zum anderen, weil die Verknappung im Bilderbuch und die Sprache an sich, übersetzt hat Verlegerin Nicola Stuart, dem Gegenstand und auch jungen Lesern nicht immer gerecht werden. Das euphemistische "gegangen" für das Sterben, das "junge Mädchen" für eine noch nicht einmal Zehnjährige sind Beispiele für einen Ton, der nicht immer trifft. Und um mehr Raum zu haben für Sätze wie "Das Haus war nun ziemlich leer" oder "Das Haus war glücklich" bleibt viel auf der Strecke. So heißt es etwa, Kerr habe "in einem Büro" gearbeitet, statt einen Halbsatz für ihre Tätigkeit als - noch dazu nicht muttersprachliche - Redakteurin bei der BBC zu opfern. Das ist eine jener Entscheidungen, die Distanz zu jungen Lesern einlegen, statt sie hineinzuholen in eine dramatische, aber am Ende glückliche Lebensgeschichte und in ein Werk, die es sich zu kennen lohnt.
Thomas Harding, Britta Teckentrup: "Das Haus am Park".
Aus dem Englischen von Nicola Stuart. Jacoby & Stuart, Berlin 2025. 56 S., geb., 22,- Euro. Ab 8 J.
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