
Besprechung vom 23.09.2025
PTBS auf Ithaka
Ulrike Draesners "Postepos" für Penelope
Ulrike Draesner macht keine halben Sachen. In ihrem letzten Versepos "Doggerland" ließ sie eine ganze Vorzeit-Welt aus den Tiefen der Nordsee auferstehen. Jetzt hat sie sich nichts Geringeres vorgenommen als eine eigene Version der "Odyssee". Damit ist sie freilich nicht die Erste: Barbara Köhler hat 2007 mit "niemands frau" bereits eine lyrische Neuinterpretation der homerischen Gesänge aus weiblicher Sicht unternommen, und schon 1952 veröffentlichte Sándor Márai seinen Roman "Die Frauen von Ithaka", der mit einem langen Monolog Penelopes einsetzt. Darin beklagt die Frau des Listenreichen, dass für ihren Mann das Töten zur Zwangshandlung geworden sei.
Auch in Ulrike Draesners "postepos" kommt Odysseus als Geschädigter aus dem Krieg zurück auf seine Insel. In einem Interview sprach Draesner von Symptomen einer Posttraumatischen Belastungsstörung. Unter den Freiern und vor allem unter den Frauen, die mit den Freiern schliefen, lässt sie ihn ebenso wüten, wie Homer es vor 2800 Jahren beschrieb. Danach aber beginnt für sie erst die eigentliche Geschichte, ein neuer Mythos geradezu, der, wie es sich gehört, in die Gründung einer neuen Stadt, eines neuen Reiches mündet. Penelope flieht, um eine eigene Odyssee zu unternehmen, eine, die von Beginn an nicht auf Rückkehr ausgelegt ist.
Und sie bricht nicht allein auf: Odysseus' Mutter begleitet sie ebenso wie zwei ihrer drei mit Freiern gezeugten Töchter. Außerdem zwei "Mägde", wie sie beschönigend in allen deutschen Übersetzungen genannt werden. In Wahrheit handelt es sich um Sklavinnen, dunkelhäutige Frauen aus Afrika, die von Phöniziern als Handelsgut in Umlauf gebracht werden. Wie stark der gesamte Mittelmeerraum schon zu Homers Zeiten wirtschaftlich vernetzt war und wie entscheidend auch ökonomische Gründe für den Trojanischen Krieg waren, hat schon Márai betont.
Draesner macht darüber hinaus den Umstand stark, dass Penelope eine geborene Spartanerin ist und kein zartes Heimchen am Herd: Noch vor Odysseus' Rückkehr trainiert sie mit den anderen Frauen der Insel das Rudern. Zudem weiß sie den leibhaftigen Homer auf ihrer Seite: Er kopiert ihr die nötigen Seekarten und begleitet sie, in eine Schildkröte verwandelt, auf ihrem Weg die Adria hinauf.
Hier erleben Penelope und ihre Gefährtinnen Sturm und Flaute. Anders als Odysseus, der fortan in Ithaka Rasenmischungen (!) herstellt, gibt es hier aber keine Inseln, keine Zauberinnen und einäugigen Riesen, die den Frauen begegnen, keine phantastischen Abenteuer. Das Abenteuerliche liegt in der Selbstermächtigung, in Tat und Wort: Draesner gibt Penelopes Töchtern wie auch den nun freien Sklavinnen, gibt Charis, Andreia und Antikleia eine eigene Stimme.
Die Verse spielen zwar immer wieder mit dem Daktylus des klassischen homerischen Hexameters, aber dem Gegenstand angemessen, lässt Draesner der Sprache ihren natürlichen, wellenförmigen Lauf. Man fühlt sich beim Lesen wie auf Wogen dahingetragen. Die Strophen des über zweihundertseitigen Epos gleichen, einmal muss dieses Penelope-Wort fallen, einem Gesamtgewebe, das nicht von einzelnen Pointen oder besonders geistreichen Einfällen durchschossen wird. "penelopes sch()iff" hat eine ganz eigene Melodie, wie in einer dann doch herausstechenden Hölderlin-Paraphrase deutlich wird: "kalt steht der wald / von tannen und eichen / kahl. über wasser steigen / die wärmeren lüfte auf / ihnen kreist der meeradler / für sich. / jenseits der krähen / der see mit ihren länglichen / zungen ist ithaka rau seiner / quellen melos von erde / und moos".
Wollte man sagen, was das Weibliche an Draesners Fortschreibung ist, dann wäre es wohl die Leichtigkeit, eine Leichtigkeit, die aus Schmerz gewonnen wird. Dass der Schmerz ein Klangverwandter des Scherzes ist, fällt einem nach der Lektüre dieses immer wieder höchst vergnüglichen Epos unmittelbar ins Auge. Draesner hat der "Odyssee", wie sie mit dem Titel "penelopes sch()iff" selbst andeutet, neuen Schliff verpasst. Wer möchte, kann in den zwei Klammern des Titels freilich auch die Umrisse eines Schiffes oder etwas ganz anderes, sehr Weibliches entdecken. TOBIAS LEHMKUHL
Ulrike Draesner:
"penelopes sch()iff". Postepos.
Penguin Verlag,
München 2025.
304 S., geb.
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