
Warnhinweise
Besprechung vom 07.12.2025
Ein Fest der Bücher
In diesem Jahr sind wunderbare Sportbücher erschienen. Hier sind neun von ihnen.
"Der Hass treibt das Fußballgeschäft an. Diesen Hass nennen sie Liebe."
Titel: Barbi Markovic: Piksi-Buch. Verlag Voland & Quist. Berlin 2025. 108 Seiten. 12 Euro.
Kurzkritik: Die Wahl zum Fußballbuch des Jahres neulich war außergewöhnlich. Zum einen, weil in dieser Kategorie zum ersten Mal eine Frau gewonnen hat. Zum anderen, weil die Preisträgerin Barbi Markovic weder einen Wälzer verfasst noch ein angesagtes Thema behandelt hat. Was das knapp hundertseitige "Piksi-Buch" auszeichnet, ist seine Originalität in Thema und Ton. Die in Belgrad geborene und in Wien lebende Autorin verknüpft das Heranwachsen als Stadionbesucherin und Schriftstellerin mit Zerwürfnissen und dem Zerfall Jugoslawiens. Ihr achter Geburtstag 1989, den sie mit ihrem sozialistisch gesinnten Vater Slobodan im nahezu leeren Fußballstadion verbringen muss, und das WM-Viertelfinale 1990 gegen Argentinien bilden den Rahmen dieses autofiktionalen Werkes. Verfasst ist es im Stile einer flotten Fußballreportage. Darin ordnet die Autorin sogar ihr eigenes Schreiben ironisch ein: "Barbi Markovic, das ist ja unglaublich, im ersten Kapitel, in der 6. Leseminute so ein Treffer (. . .) Klasse geschrieben." Recht hat die Reporterin! Auch wie es ihr in knappen Sätzen gelingt, die von Bullyverhalten geprägte Fankultur zu beschreiben, ist stark. kle.
Für: Töchter fußballbegeisterter Väter, fußballbegeisterte Väter von Töchtern und alle anderen, in deren Leben sich viel um Sport dreht
"Wenn ich wette, fühle ich mich erregt und lebendig."
Titel: Thomas Melchior: Im Kampf gegen Spielsucht und Wettmafia. Verlag Die Werkstatt, Bielefeld 2025. 224 Seiten. 22 Euro.
Kurzkritik: Thomas Melchiors Absturz begann mit einer Wette auf den FC Bayern. Zehn Euro auf Sieg, ein Euro Gewinn, das machte zehn Prozent Rendite in 45 Minuten, wie der gelernte Bankkaufmann ausrechnete. 13 Zockerjahre später musste Melchior, längst spielsüchtig, in den Knast: drei Jahre wegen Diebstahl, Betrug, Unterschlagung. Er hatte Verwandte, Freunde und Firmen hintergegangen, um insgesamt 800.000 Euro auf Wetten zu platzieren. Sein Leben war eine Jagd nach Geld und Kicks und eine Flucht vor der Realität, es wird schier atemlos nacherzählt. Heute kämpft Melchior gegen Machenschaften der Wettanbieter, entlarvt Datenscouts, steht vor Fußballstadien, um Wettsponsoren anzuprangern und Menschen vor Spielsucht zu warnen. Sein Buch ist als Absturzgeschichte und Aufklärung ein doppelter Gewinn für Leser. kle.
Für: Sportkonsumenten und alle, die mit Geld spielen
"Sport ist ein Mittel, um den Mythos der männlichen Dominanz aufrechtzuerhalten."
Titel: Sheree Bekker und Stephen Mumford: Open Play. The Case for Feminist Sport. Reaktion Books Ltd. London 2025. 206 Seiten. 21,50 Euro.
Kurzkritik: Sheree Bekker und Stephen Mumford zeigen auf, warum die Sparte "Frauensport" an sich ein Problem ist - weil sie ein Konstrukt des Patriarchats ist. Die Abgrenzung im Sport ist ein weiterer Weg, um Frauen zu erzählen, warum sie weniger von der Gesellschaft zu erwarten haben. Sie werben stattdessen für einen feministischen Sport. Einen, der die vorgegebenen Strukturen nicht weiterhin stärkt, sondern das Altbewährte aufrüttelt. Sie schreiben an gegen die sexistischen Mythen, die vermeintliche körperliche Schwäche und Zerbrechlichkeit der Frauen. Und sie lassen uns verstehen, dass dieses System die männliche Macht erhält, indem die weiblichen Körper kontrolliert werden. Ein System, das für Männer geschaffen wurde, dient selten denen, die darin unterdrückt werden. Kein Wunder also, dass Frauen schlechter bezahlt werden. Bekker und Mumford entwerfen ein Bild des Sports, der offen für alle ist, bei dem die Schranken fallen und sich jeder als Mensch fühlen kann. sips.
Für: alle
"Es gibt eine Spannung im modernen Spiel: Ist Fußball derzeit ein gesellschaftlicher Gewinn für die Menschheit?"
Titel: Miguel Delaney: Spielball der Milliardäre. Verlag Die Werkstatt . Bielefeld 2025. 560 Seiten. 24,90 Euro.
Kurzkritik: Fußballschauen ist Unterhaltung, und der moderne Fußball ist unterhaltsam wie nie. Man kann abschalten, durchschnaufen, bewundern, was die Besten auf den Rasen zaubern: ein bisschen Eskapismus in einer komplexen Welt. Manchmal aber stutzt man als Beobachter, wenn die Besten spielen: Muss das eigentlich so - dass der Rest der Fußballwelt völlig chancenlos ist gegen ein paar Großklubs? Dass Vereine politisch genutzt werden von reichen Staaten aus dem Mittleren Osten? Verzerrt das nicht den Wettbewerb? Der Fußballreporter Miguel Delaney hat auf viele Fragen kluge Antworten. Er zeichnet nach, wie Milliardäre den beliebtesten Sport der Welt geformt haben, von Roman Abramowitsch bis zum Emir von Qatar. Schade ist nur, dass die Übersetzung ins Deutsche nicht ganz so flüssig daherkommt wie das Passspiel der Champions-League-Sieger. tbl.
Für: Die, für die Fußball mehr als Eskapismus ist
"That is how Ferrari was born"
Titel: Pino Allievi: Ferrari. Taschen. Köln 2025. 688 Seiten. 125 Euro.
Kurzkritik: Dieser Bildband in der Farbe rosso ist ein Statement: 688 großformatige Seiten, beinahe sechs Kilogramm, 125 Euro. Der Taschen-Verlag huldigt so der Marke Ferrari, und obwohl das Werk opulent und mit vielen bisher unveröffentlichten Fotos daherkommt, wird vieles in der Geschichte der italienischen Nobelmarke nur gestreift. Ausgespart wird trotzdem wenig. Und jeder versteht schnell, warum Ferrari nicht nur eine Automarke, sondern Kulturgut ist. Und was Ferrari mit den Menschen macht. Mit denen am Steuer und denen, für die so ein Wagen für immer ein Traum bleibt. witt.
Für: Künstler und Chronisten
"Heute entstehen funktionale Arenen an Autobahnkreuzen auf der grünen Wiese."
Titel: Hardy Grüne, Zeitspiel: Kult-Stadien. Die schönsten deutschen Fußballplätze. Die Werkstatt. Bielefeld 2025. 256 Seiten. 39,90 Euro.
Kurzkritik: Im August 1964 hatte der TSV Marl-Hüls ein bundesligataugliches Stadion. 35.000 Menschen fanden dort Platz, manche fanden Schutz unter einem Dach, das es so noch nirgendwo gab: eine freitragende Konstruktion, die sonst vor allem im Brückenbau eingesetzt wurde. In Marl träumten die Verantwortlichen damals von der Bundesliga, seit den Siebzigerjahren wurden sie nun dauerhaft vom Amateurfußball verschluckt. Immerhin: Das Jahnstadion wurde 2022 unter Denkmalschutz gestellt. Geschichten wie diese machen das Buch aus, das Hardy Grüne und seine Kollegen vom "Zeitspiel"-Magazin zusammengestellt haben. Von Stadien, die in Vergessenheit geraten sind und nur Kennern ein Begriff sind. Die Autoren führen so einmal quer durch die Fußballrepublik. Vom VfL Fosite Helgoland, der da spielt, wo die Nordsee beginnt, über das Stadion Camper Höhe in Stade mit seiner mehr als 100 Jahre alten Tribüne, das Stadion Uhlenkrug in Essen, wo 1951 mehr als 45.000 Zuschauer zum Länderspiel Deutschland gegen Luxemburg zusammenkamen, das Weinaupark-Stadion in Zittau mit Deutschlands ältester Holztribüne bis zum Dreisamstadion in Freiburg, das nicht nur mit den ersten abknickbaren Flutlichtmasten der Republik für Schlagzeilen sorgte. Wer erst einmal damit beginnt, in diesem Buch zu blättern, blättert immer weiter. witt.
Für: Groundhopper
"Es entstanden heftige und krachende Dunks."
Titel: Philipp Dembowski: Basketball Culture. Edel. Hamburg 2025. 512 Seiten. 28 Euro.
Kurzkritik: Dieses Buch ist keines dieser Sportbücher, wie wir sie kennen, keine chronologische Abhandlung der Geschichte und auch keine in Worten ausformulierte Statistik. Dieses Buch hat einen ganz eigenen Sound, und es ist durchaus bewundernswert, wie viel Philipp Dembowski davon in die 60 Kapitel bekommen hat. Damit ist der Takt des Buchs gesetzt. Tack, tack, tack - es geht Schlag auf Schlag. Das passt zum Wesen dieses Spiels, geht jedoch auch zulasten der Tiefe manchen Kapitels. Aber wie sonst sollte ein Ritt durch die Basketballgeschichte, angefangen beim ersten Spiel überhaupt, am 21. Dezember 1891 in Springfield, Massachusetts, auch zu meistern sein? witt.
Für: Alle, die verstehen wollen, warum Basketball die Mode und die Musik prägt wie kein anderer Sport
"Du kannst deine Augen schließen und dich an die Musik abgeben."
Titel: Maximilian Probst und Ursina Tossi (Hg.): Die Philosophie des Tanzens. Mairisch Verlag. Hamburg 2025. 231 Seiten. 24 Euro.
Kurzkritik: Warum tanzen wir? Selbst Melancholiker wie Friedrich Nietzsche loben den Zauber dieses Zustands. Tanz ist nicht nur Tanz, sondern viel mehr, das zeigen die 14 Beiträge in "Die Philosophie des Tanzens". Sie eröffnen uns, darüber nachzudenken, was unsere Körper schaffen können, wenn sie in Bewegung sind. Er ist körperliche Selbstreflexion, erzeugt ein Gefühl des Zusammenhalts oder ist ein Archiv für Erinnerungen. Theorie trifft Tanz. Judith Butler taucht bei der Tanzperformance auf. Was passiert, wenn Körperumrisse und Bewegungen der Tänzer sich überlagern? Warum kann im Tanz die binäre Vorstellung in Bezug auf Genderidentität aufgebrochen werden? Danach wird in die Avantgarde getanzt. Hier galt der Tanz als Ausdruck radikaler Freiheit. Für Choreographin Isadora Duncan ist der Körper Ausdruck der Seele, für Philosoph Gilles Deleuze ein lebendiges, in der Gegenwart innehaltendes Archiv. Heute eröffnet Tanz einen empathischen, resonanten Raum. Im Club spielen wir nicht nur mit unserem eigenen Körper, sondern synchronisieren uns mit der Masse. Und manchmal verlieren wir dabei sogar kurz das Gleichgewicht. sips.
Für: Tanzbegeisterte und Theoretiker
"Für die Zukunft des Kletterns ist es unerlässlich, die Umwelt zu schützen und unsere Gebiete zu bewahren."
Titel: Ximo Abadía: Klettern. Prestel Verlag. München 2025. 64 Seiten. 24 Euro.
Kurzkritik: Er hat sie alle gezeichnet: den Südtiroler Reinhold Messner mit vollem Haar und einem Lächeln im Gesicht, den Neuseeländer Edmund Hillary mit seinem nepalesischen Sherpa Tenzing Norgay, die Amerikanerin Lynn Hill, die Spanierin Josune Bereziartu, den Tschechen Adam Ondra. Der Spanier Ximo Abadía, ein preisgekrönter Illustrator, hat so einen knallbunten Streifzug durch die Geschichte des Kletterns zu Papier gebracht. Ein Sachbuch für Kinder, die sehen wollen, wer die Gesichter dieser Sportart sind, die erkennen wollen, wie sich die vierzehn Achttausender unterscheiden, und wissen wollen, was ein Spreizdübel, was Magnesia oder ein Klemmkeil ist. Wer durch das Buch blättert, meint die Freiheit, die es beschreibt, zu spüren. witt.
Für: junge Abenteurer
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