Reise, Krieg und Exil von Etel Adnan ist ein kurzer Essay, der in der tollen Schöner Lesen-Reihe von SUKULTUR erschienen ist.
Etel Adnan war eine libanesisch-US-amerikanische Schriftstellerin (und Malerin). Bisher hatte ich zugegebenermaßen von ihr noch nichts gelesen, wurde jedoch durch die Anthologie Unter Frauen und den darin enthaltenen großartigen Beitrag Es ist ein guter Tag von Rasha Khayat auf Etel Adnan aufmerksam (und bin sehr froh darüber!).
Etel Adnans Leben war von Beginn an geprägt vom Krieg:
"Ich bin in einem Teil der Welt geboren, der seit Beginn des 20. Jahrhunderts von Krieg gezeichnet ist. Meine Erinnerung und mein Alltag sind mit Krieg verwoben. Oft habe ich mich gefragt, wie ein so verletzlicher Organismus wie der des Menschen solche schier endlosen Umwälzungen aushalten kann, wie sie der Nahe Osten erfahren hat und bis heute erfährt."
Etel Adnan schreibt sehr direkt und eindrucksvoll über eine kollektive Erfahrung der Hoffnungslosigkeit, über Krieg und Flucht und das Exil.
"Seit meiner Kindheit lebte ich in dem Bewusstsein, dass das geographische Exil bloß den Rahmen für ein viel tiefer reichendes Exil abgibt, gegen das sich nichts tun lässt."
"Ich entdeckte - erlebte - die eigentliche Bedeutung des Exils. Was ist Exil, wenn nicht der gewaltsame und unfreiwillige Verlust all dessen, was die eigene Identität ausmacht?"
"Die verschiedenen Formen des Exils, die der libanesische Bürgerkrieg nach sich zog, schärften mein Bewusstsein für die Zustände, unter denen Menschen, manchmal ganze Nationen, im Exil leben. Denn müssen nicht auch jene als exiliert bezeichnet werden, die nicht aus ihrem Heimatland vertrieben wurden, sondern unter den verschiedensten Formen von Unterdrückung leben, ob durch ausländische Besatzung oder die eigenen Regierungen?"
"... Menschen, die gezwungen wurden, ihre Heimat zu verlassen, die in Camps 'geparkt' wurden oder fremd im eigenen Land lebten, ohne selber über sich bestimmen zu können, mit anderen Worten: die von sich selbst getrennt wurden."
Ihr ganzes Leben und Schreiben waren beeinflusst vom Krieg, von der fehlenden Muttersprache und vom Leben im Exil:
"Was mich selbst angeht, so muss ich zugeben, dass ich in zwei Sprachen schreibe, Englisch und Französisch. Meine Muttersprache aber hätte Arabisch sein müssen. Was zu der entscheidenden Frage führt: Was schreibe ich und für wen? Es sind schmerzhafte Probleme, denen sich die exilierten Schreibenden stellen müssen. Und es gibt nicht sehr viele Wege, die aus der Marginalisierung führen. Ich bin eine amerikanische Schriftstellerin und außerdem Araberin. Ich bin eine arabische Schriftstellerin und außerdem Amerikanerin."
Auch wenn die Lektüre sehr kurz war, bietet sie einigen Stoff zum Nachdenken.
"Das Exil ist nicht das traurige Privileg einiger weniger: Es ist zu einem Synonym der Verfasstheit des Menschen geworden, mit dem (kleinen) Unterschied, dass diese Krankheit manche von uns schlicht und einfach verschlingt, während allen anderen noch nicht bewusst ist, woran sie bereits leiden. Als Zeitgenossen dieser Epoche sind wir einander heute sehr, sehr nah, doch gibt es wenige, die dieses Wissen (dass es so ist) mit uns teilen."
Ich werde definitiv bald noch mehr von Etel Adnan lesen.