Der Struwwelpeter, erstmals 1845 als Bilderbuch erschienen, versammelt in knappen, gereimten Episoden drastische Warn- und Strafgeschichten: vom ungebändigten Struwwelpeter über Paulinchen mit den Streichhölzern bis zu Konrad, dem Daumenlutscher. Hoffmann verbindet eingängige Verse mit expressiven, fast karikaturhaften Bildern und schafft so eine frühe Ikone der deutschsprachigen Kinderliteratur. Im Kontext bürgerlicher Erziehungskultur des 19. Jahrhunderts wirkt das Werk zugleich didaktisch, grotesk und satirisch; seine Übertreibungen machen Normen sichtbar, statt sie bloß zu predigen. Heinrich Hoffmann (1809-1894), Frankfurter Arzt, Psychiater und später Direktor einer Irrenanstalt, schrieb und zeichnete das Buch ursprünglich als Weihnachtsgeschenk für seinen kleinen Sohn. Seine medizinische Praxis, sein Interesse an kindlichem Verhalten und seine Unzufriedenheit mit den damals verfügbaren, abstrakt moralisierenden Kinderbüchern prägten die anschauliche Anlage des Werkes. Der klinische Blick verbindet sich hier mit väterlicher Theaterlust und dem humoristischen Talent eines gebildeten Vormärz-Bürgers. Empfohlen sei Der Struwwelpeter nicht nur als Kinderbuchklassiker, sondern als kulturhistorisches Dokument von außerordentlicher Wirkung. Wer die Geschichte der Kindheit, der Pädagogik, der Illustration oder der schwarzen Komik verstehen will, findet hier ein zugleich irritierendes und brillant komponiertes Schlüsselwerk. Moderne Leser sollten seine Gewaltbilder kritisch einordnen, werden aber gerade dadurch die anhaltende Faszination und Debattierkraft dieses schmalen Buches erkennen.