Wilhelm Buschs Gedichtsammlung "Schein und Sein" versammelt späte, pointierte Reflexionen über die Diskrepanz zwischen äußerer Erscheinung und innerer Wahrheit. In knappen, rhythmisch präzisen Versen entfaltet Busch eine Moralistik von großer sprachlicher Ökonomie: Heiterkeit schlägt in Skepsis um, Alltagsbeobachtung in anthropologische Einsicht. Die Sammlung steht im Kontext des bürgerlichen Realismus und der deutschen Spruchdichtung, überschreitet diese jedoch durch ihren illusionslosen, oft paradoxen Blick auf menschliche Selbsttäuschung. Busch, 1832 in Wiedensahl geboren, war Zeichner, Maler und Dichter; berühmt wurde er durch Bildergeschichten wie "Max und Moritz". Seine Erfahrungen mit Kunstbetrieb, Provinz, Frömmigkeit, bürgerlicher Moral und menschlicher Eitelkeit schärften seinen Sinn für Masken und Widersprüche. In "Schein und Sein" spricht nicht der bloße Humorist, sondern ein alternder Beobachter, der Komik als Instrument der Erkenntnis nutzt und hinter kleinen Szenen grundsätzliche Lebensfragen sichtbar macht. Empfohlen sei dieses Buch allen Leserinnen und Lesern, die aphoristische Dichtung, präzise Ironie und philosophische Kürze schätzen. "Schein und Sein" bietet keine tröstliche Weltdeutung, wohl aber eine kunstvolle Schulung des Blicks: auf andere, auf gesellschaftliche Rollen und nicht zuletzt auf sich selbst.