In "Seraphita" entwirft Honoré de Balzac eine der ungewöhnlichsten Dichtungen innerhalb der "Études philosophiques" der "Comédie humaine". Vor der erhabenen Landschaft Norwegens erscheint die rätselhafte Gestalt Séraphîta/Séraphîtüs zugleich als Frau und Mann, geliebt von Minna und Wilfrid, doch beiden weltlichen Bindungen entzogen. Der Roman verbindet erzählerische Präzision mit visionärer Symbolik, metaphysischem Dialog und swedenborgianischer Mystik; er fragt nach Geschlecht, Liebe, Erkenntnis und der Möglichkeit geistiger Vollendung. Balzac, gewöhnlich als großer Anatom der französischen Gesellschaft gelesen, zeigt hier seine spekulative und religiös-philosophische Seite. Sein Interesse an Emanuel Swedenborg, an Magnetismus, Theosophie und den verborgenen Gesetzen des Daseins führte ihn zu einem Werk, das die Grenzen des realistischen Romans bewusst überschreitet. Gerade deshalb ergänzt "Seraphita" sein Gesellschaftspanorama: Die materielle Welt wird nicht negiert, sondern als untere Stufe einer umfassenderen Ordnung gedeutet. Empfohlen sei dieses Buch Leserinnen und Lesern, die Balzac jenseits von Geld, Ehrgeiz und Pariser Intrigen kennenlernen möchten. "Seraphita" verlangt Aufmerksamkeit, belohnt sie aber mit einer kühnen Meditation über Transzendenz und Begehren.