Juliette, erstmals 1797 erschienen, entfaltet als Gegenstück zur tugendhaften Justine die Karriere einer Frau, die Verbrechen, Erotik und philosophische Argumentation zu einem System radikaler Selbstbehauptung verbindet. In episodenreicher Prosa, durchsetzt mit Dialogen, Exkursen und satirischen Angriffen auf Religion, Moral und staatliche Ordnung, treibt Sade die Logik der Aufklärung an ihre dunkelsten Grenzen. Der Stil ist kalkuliert exzessiv, rhetorisch scharf und zugleich als Gedankenexperiment lesbar: Tugend wird nicht belohnt, Laster nicht bestraft, sondern analytisch ausgestellt. Donatien Alphonse François de Sade, der Marquis de Sade, schrieb aus der Erfahrung aristokratischer Privilegien, revolutionärer Umbrüche und langer Haftzeiten. Bastille, Charenton und politische Verfolgung prägten seine Vorstellung von Macht, Körper und Institution. Juliette bündelt diese biographischen Spannungen: die Ablehnung kirchlicher Autorität, das Misstrauen gegenüber bürgerlicher Moral und die provokante Frage, ob Vernunft ohne Mitgefühl in Despotismus mündet. Empfohlen sei dieses Buch nicht als leichte Lektüre, sondern als verstörendes Schlüsselwerk der europäischen Moderne. Wer die Genealogie von Libertinage, Antiklerikalismus und literarischer Transgression verstehen will, findet hier ein unbequemes, doch intellektuell unverzichtbares Dokument. Juliette fordert kritische Distanz, historische Sensibilität und die Bereitschaft, Literatur dort ernst zu nehmen, wo sie moralische Gewissheiten zerlegt.