Zwischen Lavendelduft und Todesschweigen ¿ Mord kennt keine heiligen Orte
Was kann an einem Ort, an dem gebetet, geschwiegen und meditiert wird, schon Schreckliches passieren? Mehr, als man denkt - und René Anor beweist das eindrucksvoll in "Tödliches Gebet".Mit seinen 384 Seiten bietet "Tödliches Gebet" reichlich Stoff für einen atmosphärisch dichten Kriminalfall. Das Buch erscheint als broschiertes Softcover-Taschenbuch und liegt preislich bei 17 Euro, was für diese Ausgabeform eher im oberen Bereich angesiedelt ist. Inhaltlich wird dafür jedoch einiges geboten, sodass das Preis-Leistungs-Verhältnis für mich insgesamt noch stimmig bleibt - vor allem für Leserinnen und Leser, die Wert auf Stimmung, Setting und eine sorgfältig erzählte Geschichte legen.Schon der Schauplatz des zweiten Bandes der Provence-Reihe übt eine ganz eigene Faszination aus: ein abgelegenes Kloster in der Provence, umgeben von endlosen Lavendelfeldern, alten Mauern und einer Stille, die beinahe greifbar ist. Doch genau diese Ruhe bekommt früh tiefe Risse, denn in der Abtei Notre-Dame de Sénanque wird ein Mönch tot aufgefunden. Was zunächst wie ein tragischer Vorfall wirkt, entpuppt sich schnell als Mord.Commissaire Louis Campanard, den man bereits aus dem ersten Band kennt, wollte sich hier eigentlich nur eine Auszeit gönnen. Erholung wird daraus allerdings keine - stattdessen wird er unfreiwillig in die Ermittlungen hineingezogen. Campanard ist eine angenehm unaufgeregte Hauptfigur: aufmerksam, ruhig und mit einem feinen Gespür für Menschen und ihre Zwischentöne. Gerade diese zurückhaltende Art passt hervorragend zu dem klösterlichen Umfeld und verleiht der Geschichte eine besondere Tiefe.René Anor versteht es meisterhaft, die Provence lebendig werden zu lassen. Die Landschaftsbeschreibungen sind atmosphärisch und bildhaft, ohne ausufernd zu wirken. Man sieht die Lavendelfelder förmlich vor sich, riecht den Duft, hört das Zirpen der Zikaden - und spürt gleichzeitig die unterschwellige Bedrohung, die über dem Kloster liegt. Besonders gelungen fand ich die Darstellung des Klosterlebens: die Rituale, das Schweigen, die Gemeinschaft, aber auch die Spannungen und dunklen Geheimnisse, die sich hinter der frommen Fassade verbergen.Der Sprachstil des Romans ist sehr angenehm zu lesen: klar, flüssig und bewusst einfach gehalten, ohne dabei banal zu wirken. Gerade dadurch entsteht ein schöner Lesefluss, der dazu einlädt, immer weiterzulesen. Das Buch ist in überschaubare Kapitel unterteilt, was das Lesen zusätzlich erleichtert und auch kurze Leseeinheiten gut möglich macht. Persönlich hätte ich mir allerdings ein Inhaltsverzeichnis gewünscht, um einzelne Kapitel oder bestimmte Stellen im Nachgang schneller wiederzufinden - gerade bei einem Krimi mit vielen Figuren und Details wäre das eine hilfreiche Orientierung gewesen.Die Handlung entwickelt sich ruhig, aber kontinuierlich. Wer actiongeladene Hochgeschwindigkeitskrimis erwartet, wird hier nicht fündig - doch genau das ist eine der großen Stärken des Romans. Die Spannung entsteht leise, fast unterschwellig, durch Atmosphäre, psychologische Tiefe und das allmähliche Freilegen verborgener Motive. Nach und nach beginnt man, an allem zu zweifeln und merkt schnell, dass auch an einem Ort des Glaubens nicht alles heilig ist.Und genau deshalb klappt man das Buch am Ende zufrieden zu - mit dem Gefühl, einem sehr besonderen Kriminalfall beigewohnt zu haben"Tödliches Gebet" ist ein atmosphärisch dichter Provence-Krimi, der mit starken Bildern, glaubwürdigen Figuren und einer klug aufgebauten Handlung überzeugt. Eine gelungene Fortsetzung der Reihe, die Ruhe und Spannung auf besondere Weise verbindet und lange nachhallt.Fünf brennende Gebetskerzen für einen Mordfall, der selbst die stillsten Mauern zum Flüstern bringt. Und genau dann lohnt es sich, ganz genau hinzuhören. Denn manchmal ist das Schweigen heiliger Mauern lauter als jeder Schrei.