Mit Beklemmung lese ich den Prolog von Safe Space. Das Sinnieren über das Sterben und den Tod sorgt für eine drückende Atmosphäre, weckt jedoch auch meine Neugier. Diese wandelt sich, sobald ich ins erste Kapitel starte. Zu Beginn wirkt Safe Space eher informativ, da Hauptfiguren sowie die Neben- und Randfiguren ausführlich eingeführt werden. Das bremst ein wenig die Spannung aus, wobei einige Geheimnisse angedeutet werden, sodass Safe Space dennoch interessant für mich bleibt.
Das Setting der Justizvollzugsanstalt Weyer als Hochsicherheitsgefängnis könnte die perfekte, latent bedrohliche Kulisse für einen beklemmenden Thriller werden. Doch in der Umsetzung entsteht für mich keine spürbar klaustrophobische oder bedrückende Wirkung, weil die Atmosphäre insgesamt eher klinisch und wenig bedrohlich wirkt. Allerdings finde ich, dass die allgemeine, von subtilem Misstrauen geprägte Gefängnisatmosphäre gut dargestellt wird.
Safe Space ist mit drei Handlungssträngen aufgebaut. Jeder Perspektivwechsel wird am Kapitelanfang durch den Namen der jeweiligen Person klar gekennzeichnet, sodass ich nie die Orientierung verliere.
Der dominanteste Erzählfaden ist die Ich-Perspektive der forensischen Psychologin Anna Salomon, deren wahre Beweggründe für diesen gefährlichen Job in der Justizvollzugsanstalt zunächst eine ganze Weile im Dunkeln bleiben. Jedoch ist sie für mich die schwächste Figur. Anna wirkt auf mich durchgehend naiv, unprofessionell und planlos, sodass ich in ihr beim besten Willen keine forensische Fachkraft erkenne. Die Therapiesitzungen und die Meetings in der JVA, von denen ich mir deutlich mehr psychologisches Feingefühl versprochen habe, empfinde ich ehrlich gesagt als sehr zäh und langweilig. Obwohl Anna mir aus ihrer Perspektive alle Gedanken und Emotionen schildert, kann ich mit ihr nicht so recht mitfühlen, stellenweise nervt sie mich. Anna betont zwar immer wieder, dass sie einen Plan hat, agiert dann aber erschreckend kopflos und tritt mit ihren Gedanken besonders im Mittelteil extrem auf der Stelle.
Ganz anders ergeht es mir bei den Tagebucheinträgen von Sina. Diese können mich emotional abholen und auch berühren. An ihr wird auf schmerzhaft realistische Weise deutlich, wie die Abwärtsspirale einer toxischen, missbräuchlichen Beziehung funktioniert. Diese intimen Einblicke in ihr Seelenleben erzeugt Mitleid für sie in mir.
Ebenso faszinierend finde ich den Handlungsstrang um Leon, dessen Weg von einem personalen Erzähler begleitet wird. Hier schaue ich ihm nicht nur in der Gegenwart über die Schulter, sondern auch immer in Rückblenden in seine von Misshandlungen geprägte, schlimme Kindheit. Diese ist psychologisch sehr dicht, realistisch und bewegend dargestellt. Hier spüre ich eine durchgängige Beklemmung.
Der vielschichtige Aufbau von Safe Space bietet eine Menge Potenzial für wendungsreiche Momente, da sich die Handlung über zwei Zeitebenen erstreckt. Obwohl die Spannung lange Zeit eher unterschwellig bleibt, lädt mich die Geschichte durchgehend zum Spekulieren ein. Das macht das Lesen extrem kurzweilig, weil ich selbst viele Theorien entwickle, wie alles zusammenhängen könnte. Sarah Bestgen streut kontinuierlich so viele Verdachtsmomente zu anderen Figuren ein, dass für mich immer eine latente Bedrohung über allem schwebt. Dieses andauernde Misstrauen und die Unsicherheit sind atmosphärisch absolut dicht und halten mich bei der Stange.
Der Schreibstil ist flüssig und leicht lesbar. Allerdings verlangen mir viele psychologische Erklärungen und Beobachtungen eine gewisse Konzentration ab, da Sarah Bestgen spürbar ihr Fachwissen einfließen lässt. Für meinen Geschmack ist das an manchen Stellen etwas zu fachlich, sodass es den Lesefluss ausbremst, weil ich die Inhalte gedanklich erst einmal sortieren muss. Dennoch transportiert Sarah Bestgen die emotionale Belastung der Figuren für mich absolut authentisch, auch wenn die Handlung im Mittelteil durch die sehr ausführliche Darstellung spürbar in die Länge gezogen wird.
Doch das Dranbleiben lohnt sich, denn im letzten Viertel steigen das Tempo und die Dynamik massiv an. Die verschiedenen Handlungsstränge und Zeitebenen beginnen einen Sinn zu ergeben. Die Plottwists kommen jetzt Schlag auf Schlag, wodurch sich meine Wahrnehmung zu einigen Figuren plötzlich komplett verändert. Auch wenn Annas langsames Denken und Kombinieren die Spannung selbst hier manchmal ein bisschen ausbremst, finde ich das Finale und seine Umsetzung schlüssig und konsequent. Ich empfinde die plötzliche Auflösung zwar als ein wenig haarsträubend, aber absolut nicht als unrealistisch. Sehr gefreut habe ich mich darüber, dass sich meine allererste Vermutung am Ende bestätigt, obwohl Sarah Bestgen mich zwischendurch mit ihren Wendungen erfolgreich verunsichert und von meiner Fährte abgebracht hat.
Fazit:
Safe Space macht es mir durch eine anstrengende Hauptfigur und einige Längen im Mittelteil nicht immer leicht. Jedoch überzeugt mich der Thriller mit tiefgründigen Nebencharakteren und einem klug durchdachten Finale.