Anne in Ingleside führt Anne Shirley Blythe nicht mehr als träumerisches Waisenmädchen, sondern als Ehefrau, Mutter und Mittelpunkt eines vielstimmigen Hauses vor. In episodischer Form entfaltet Montgomery das Leben in Ingleside: kindliche Missverständnisse, häusliche Prüfungen, soziale Rituale und Annes zeitweilige Sorge um Gilberts Zuneigung. Der Stil verbindet humorvolle Dialogkunst, empfindsame Naturbilder und psychologische Genauigkeit; literarisch steht der Roman zwischen viktorianischer Familienchronik, kanadischer Regionalprosa und der Fortsetzung eines weiblichen Bildungsromans. Lucy Maud Montgomery, 1874 auf Prince Edward Island geboren, kannte die Macht von Landschaft, Erinnerung und erzählerischer Selbstbehauptung aus eigener Erfahrung. Ihre Biographie war von frühem Verlust, Lehrtätigkeit, journalistischer Arbeit, Ehepflichten und inneren Belastungen geprägt. Als sie diesen späten Anne-Roman veröffentlichte, blickte sie auf eine Figur zurück, die ihr internationales Ansehen begründet hatte, und vertiefte zugleich Themen, die sie lebenslang beschäftigten: Zugehörigkeit, weibliche Phantasie, Mutterschaft und die fragilen Ordnungen des Heims. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die Montgomery nicht nur als Autorin nostalgischer Jugendlektüre, sondern als scharfsinnige Chronistin emotionaler und sozialer Bindungen entdecken wollen. Anne in Ingleside bietet Wärme ohne Harmlosigkeit, Komik ohne Oberflächlichkeit und eine reife, fein komponierte Rückkehr in eine vertraute Welt.