500 Seiten können sich manchmal wie eine Ewigkeit anfühlen. Schatten Eis von Anne Nørdby gehört jedoch nicht zu diesen Büchern, denn hier rückt die Seitenzahl erstaunlich schnell in den Hintergrund. Warum? Weil die Handlung nicht permanent aufs Tempo drückt, sondern weil die Autorin eine Atmosphäre erschafft, die einen regelrecht in den Bann zieht.
Statt sich ausschließlich auf die Mordermittlungen zu konzentrieren, kombiniert Anne Nørdby grönländische Mythologie und Kriminalarbeit zu einem vielschichtigen Buch.
Dabei begleiten wir Marit Rauch Iversen. Allein ihre Tätigkeit als Super-Recognizerin macht sie zu einer der interessantesten Ermittlerinnen, die mir in letzter Zeit begegnet sind. Während viele Krimi-Protagonisten austauschbar geschrieben sind, besitzt Marit eine ganz eigene Identität. Ihre Fähigkeit, Gesichter nie zu vergessen, ist weit mehr als ein spannendes Gimmick.
Besonders gelungen fand ich die Verbindung zwischen den aktuellen Morden und den dunklen Kapiteln der grönländisch-dänischen Geschichte. Das Buch wirft dabei oft spannende Fragen über Identität, Schuld und Verdrängung auf. Die Mythologie rund um den Anngiaq und die Tupilak-Symbolik sorgt zusätzlich dafür, dass lange unklar bleibt, ob die Gefahr menschlichen oder übernatürlichen Ursprungs ist.
Allerdings verlangt Schatten Eis auch etwas an Geduld ab. Der Spannungsaufbau erfolgt bewusst langsam, und gerade im ersten Viertel braucht die Handlung einige Zeit, um richtig Fahrt aufzunehmen. Hinzu kommen zahlreiche grönländische und dänische Namen sowie Begriffe, die nicht immer leicht auseinanderzuhalten sind. Zum Glück gibt es dafür ein Glossar.
Trotzdem überwiegen für mich klar die Stärken. Anne Nørdby gelingt ein atmosphärischer, intelligenter Thriller, der sich wohltuend von der Masse abhebt. Wer düstere Nordic-Noir-Stimmung, starke Figuren und ungewöhnliche kulturelle Einblicke schätzt, bekommt einen spannenden und absolut lesenswerten Thriller geboten.