Man schlägt dieses Buch auf und hat sofort dieses leise Unbehagen im Nacken, das sagt: Hier wird es dunkel, unbequem und verdammt spannend. Insolito fühlt sich an wie eine nächtliche YouTube-Session um zwei Uhr morgens, wenn man eigentlich längst schlafen wollte und dann doch noch nur einen Fall anklickt.
Patrick Temp erzählt True Crime nicht sensationsgeil, sondern neugierig, präzise und mit einem Blick für das, was zwischen den Zeilen lauert. Die Fälle sind bekannt und doch fremd zugleich. Mord, rätselhafte Botschaften, verschwundene Wahrheiten alles sauber recherchiert, ruhig aufgebaut und mit genau dem richtigen Tempo erzählt. Kein unnötiges Ausschmücken, kein billiger Schockeffekt. Stattdessen diese unangenehme Frage im Kopf: Was, wenn die Wahrheit wirklich ganz anders war?
Besonders hängen bleiben die psychologischen Abgründe. Ermittlungsfehler, falsche Annahmen, menschliche Schwächen plötzlich wirken die Täter greifbar, die Opfer nah und die Justiz erschreckend fehlbar. Immer wieder ertappt man sich dabei, innerlich mitzuermitteln, Theorien zu spinnen und dann frustriert den Kopf zu schütteln, wenn alles wieder ins Leere läuft.
Der Ton bleibt dabei angenehm direkt, fast kumpelhaft, ohne respektlos zu werden. Genau das macht das Buch so stark. Es fühlt sich nicht wie ein Sachbuch an, sondern wie ein intensives Gespräch bei Kaffee und kaltem Licht. Ein halber Stern Abzug bleibt nur, weil man sich stellenweise noch ein paar Seiten mehr Tiefe gewünscht hätte. Ansonsten: Sogwirkung pur und echtes Kopfkino.