Der Erwählte, 1951 erschienen, ist Thomas Manns kunstvolle Nacherzählung der mittelalterlichen Gregorius-Legende, wie sie besonders durch Hartmann von Aue überliefert ist. Aus der doppelten Schuld des inzestuös gezeugten und unwissentlich inzestuös handelnden Gregorius entfaltet der Roman eine Erzählung über Sünde, Buße und Gnade. Mann verbindet archaisierende Sprachmusik, gelehrte Ironie und parodistische Hagiographie; der Text steht zwischen Legende, theologischer Reflexion und moderner Erzählkunst. Thomas Mann, 1875 in Lübeck geboren und 1955 in Zürich gestorben, schrieb dieses Spätwerk nach Exil, Kriegserfahrung und der düsteren Bilanz von Doktor Faustus. Seine lebenslange Beschäftigung mit Mythos, Schuld, Erwählung und der Ambivalenz des Künstlerischen findet hier eine leichtere, doch keineswegs harmlose Form. Die mittelalterliche Vorlage bot ihm Distanz, um Fragen nach Verhängnis, moralischer Verantwortung und Erlösung neu zu modellieren. Empfohlen sei Der Erwählte Leserinnen und Lesern, die Manns späte Meisterschaft jenseits realistischer Gesellschaftsdarstellung entdecken wollen. Wer Freude an sprachlicher Raffinesse, intertextuellem Spiel und philosophischer Tiefenschärfe hat, findet ein funkelndes, zugleich nachdenkliches Buch über die paradoxen Wege menschlicher Rettung.