Wenn man sich Titel, Covergestaltung und den Text auf der Rückseite dieses Buches anschaut, dann wird man leicht verleitet, ein ganz anderes Buch zu erwarten, als dieses tatsächlich ist. Cover und Titel lassen einen leicht zugänglichen Glücksratgeber vermuten und der Text auf der Rückseite nennt die bekannten japanischen Konzepte Ikigai, Wabi-Sabi und Kintsugi und macht Lust darauf, mehr über diese zu erfahren.
Wer irgendetwas davon erwartet, wird von diesem Buch zwangsläufig enttäuscht werden. Es handelt sich um ein äußerst anspruchsvolles Werk, das Zeit und Geduld erfordert und eine Mischung ist aus persönlichem Trauer-Memoir über den Tod der Mutter der Autorin und das schwierige Verhältnis der Autorin zu dieser zu Lebzeiten und Sachbuch zu japanischer Spiritualität und japanischen Bräuchen rund um Shinto. Über die genannten japanischen Konzepte erfährt man im Buch nichts Näheres, ihre Verbindung zu dem allgemeinen Thema des Buches wird auch nicht erläutert, sie kommen schlicht nicht vor.
Wir erfahren so einiges über die Lebensgeschichte der Autorin, über die Eifersucht auf die jüngere Schwester, über ihre interkulturellen Erfahrungen erst als japanische Austauschschülerin und später als Studentin und Ehefrau eines US-Amerikaners in den USA. Zusätzlich vermittelt sie uns ihren sehr persönlichen Blick auf japanische Spiritualität, die sich stark von der im Westen verbreiteten identitäts- und abgrenzungsorientierten Religiosität unterscheide und einigen Unterdrückungsversuchen von Seiten des japanischen Herrschers und Missionierungsversuchen von Seiten westlicher Länder zum Trotz sich bis heute eine hohe Flexibilität und Toleranz bewahrt habe.
So würde sich der Großteil der Japanerinnen und Japaner zwar in Umfragen als nicht religiös bezeichnen, dennoch seien spirituelle Praktiken Teil des Alltagslebens. Dabei scheint insbesondere die animistisch orientierte Shinto-Weltsicht eine große Rolle zu spielen, nach der es mindestens acht Millionen beseelte Objekte gebe und das Göttliche somit überall, auch in der uns umgebenden Natur und in Phänomenen wie Glück und Leid zu finden sei.
Immer wieder geht die Autorin auch auf durchaus sehr interessante kulturelle japanische Bräuche ein, zum Beispiel zum Töchter-Tag und den damit verbundenen Puppen oder zur Bestattung und Ahnenverehrung. Dieser Teil ist mir in dem umfangreichen Buch fast ein bisschen zu kurz gekommen, hier hätte ich mir an so einigen Stellen ausführlichere Erklärungen und gerne auch Bilder gewünscht. Ohne diese bleibt manches den Leserinnen und Lesern ohne umfangreiche Vorkenntnisse in Bezug auf die japanische Kultur, so wie mir, für tieferes Verständnis verschlossen - zumindest, wenn man nicht parallel zur Lektüre andere Quellen zur Vertiefung konsultieren will.
Insgesamt ist es ein durchaus bemühtes Werk, bei dem man spürt, dass die Autorin mit ihrem Herzblut dabei war und es ihr ein Anliegen war, die komplexe japanische Spiritualität zu erfassen und für Menschen aus kulturell entfernten Ländern begreiflich zu machen. Dennoch ist ihr dieses Ziel meiner Einschätzung nach leider nur zum Teil gelungen. Zumindest habe ich jetzt ein bisschen mehr Vorstellung als davor, was Shinto sein könnte.
Über weite Strecken war es für mich jedoch leider ein eher mühsam zu lesendes Buch, insbesondere, weil ich das Hin- und Herspringen zwischen sachbuchartigen Erklärungen und persönlichen Erfahrungen hier als nicht sehr gelungen erlebt habe und die Lebensgeschichte der Autorin auf eine Art und Weise erzählt wurde, die mich nicht sehr berührt oder interessiert hat. Dabei spielt sicher auch eine Rolle, dass mir die Autorin als Persönlichkeit nicht sonderlich sympathisch war und ich mir auch nicht sicher bin, als wie objektiv ich ihren persönlichen Blick auf japanische Spiritualität verstehen kann.
Zur Einführung in japanische Kultur und Spiritualität empfehle ich für Menschen, die sich noch nicht viel damit auseinandergesetzt haben, also eher, zu anderen Werken zu greifen.