
»Wenn Sie glauben, diesen Thriller wieder aus den Händen legen zu können, dann viel Glück. « Krimi-Couch
»Das Buch ist wie eine Naturgewalt. « NDR Kultur
Mercury Carter ist der Mailman. Er stellt Pakete zu, und er nimmt seine Arbeit ernst. Sendungen, die er ausliefert, werden grundsätzlich nur persönlich übergeben. Von dieser Regel gibt es keine Ausnahme. Auch dann nicht, wenn Carter am Zielort überraschend auf eine mörderische Bande stößt, die eine Frau als Geisel hält. Ein atemberaubender, wendungsreicher Thriller von radikaler Konsequenz, der mit jeder Seite an Tempo gewinnt und bis zum letzten Satz elektrisiert.
Inhaltsverzeichnis
Besprechung vom 04.05.2026
Zustellung garantiert
Andrew Welsh-Huggins liefert "The Mailman"
"Der Mann war klein. Keine einsachtzig, hager und schmal gebaut. Eine Drahtgestellbrille, braune Augen und dazu, ausgerechnet, eine Baseballkappe der Rochester Red Wings. Sein Ausdruck lag irgendwo zwischen gelangweilt und selbstgefällig." Ein Kurierfahrer, der zur Unzeit dreimal klingelt: Eine Lieferung für Rachel Stanfield. Was er nicht ahnen kann - wenige Minuten vor seinem Eintreffen hat ein bewaffnetes vierköpfiges Kommando das gediegene Haus des Juristenpaars Rachel und Glenn Stanfield gestürmt. Sie ist Rechtsanwältin mit einem Herz für die Schwachen, er, weniger edelmütig, verdingt sich bei der Pharmaindustrie.
Was wiederum Rachel und Glenn nicht ahnen können: Rachel soll verschleppt werden, ihr droht Folter, bis sie den Aufenthaltsort einer Zeugin preisgegeben haben wird, dann sehr wahrscheinlich der Tod. Zum Glück ist Abby, die Tochter Glenns aus einer früheren Beziehung, im Internat, als die Maskierten zuschlagen. Auftraggeber der Geiselnahme ist ein gewisser Jason, der sich im Verlauf der Handlung als Kopf einer nazistischen Bewegung namens 22-7 - entlehnt dem Datum des Massakers von Utøya - entpuppt, der eine Todesschwadron namens Right-Wing Death Squad befehligt.
Der Kurierfahrer in Cargohose und Weste stört also den Betriebsablauf. Den Chevrolet Suburban rückwärts in der Einfahrt geparkt, stellt er sich als Merc Carter vor. Merc für Mercury. Abwimmeln will er sich nicht lassen, als ihm der Chef-Geiselnehmer mitteilt, Rachel sei nicht zu Hause, wartet er im Auto und hat doch den Braten längst gerochen. Den ersten Angreifer schaltet er mit Pfefferspray aus, dann nimmt er den Kampf gegen drei verbleibende Gegner auf. Warum? Höchstes Zustellungsethos. Nicht abliefern gibt es bei Merc nicht.
Der US-Journalist Andrew Welsh-Huggins, Jahrgang 1961, debütierte im Krimigenre 2014 mit "Fourth Down And Out", dem Auftakt einer achtteiligen Serie um den Quarterback Andy Hayes, der sich als Ermittler Verdienste erwirbt. 2025 schickte der Autor mit dem Thriller "The Mailman" den Postboten für Spezialaufträge ins Rennen, dem Routinier Werner Löcher-Lawrence nun zum Debüt auf dem deutschen Buchmarkt verholfen hat. Mit dem ironisch gebrochenen, zeitgenössischen Nachfolger des Götterboten Merkur ist Welsh-Huggins eine Figur gelungen, die einerseits in die Fußstapfen von Lee Childs Jack Reacher tritt, für einen äußerlich unscheinbaren Hersteller von Gerechtigkeit indes erstaunlich emphatisch ist.
Dazu muss man wissen, dass Mercury eine Vorgeschichte als Federal Agent hat - er war Inspektor des United States Postal Inspection Service (USPIS), einer 1775 gegründeten Bundesbehörde mit Sitz in Washington, die mit aktuell 1200 Strafverfolgern über die Postzustellung wacht.
Im Zug seiner Ausbildung muss Carter Nahkampf und Schusswaffen gebüffelt haben, auch wenn das im Roman nicht ausgeführt wird; seine Performance als Einzelkämpfer ist jedenfalls überragend. Nach seinem Ausscheiden aus dem Dienst - das im Zusammenhang mit der Ermordung seines ebenfalls dort beschäftigten Vaters stand - hat sich Carter als Einmannfirma etabliert, im Hintergrund unterstützt von einem Onkel, der als Disponent bei einem Logistiker am Rechner sitzt.
Carter verfügt über Mut, Entscheidungsfreudigkeit und Höflichkeit, das Leserherz gewinnt er nicht wie Reacher durch kalte Vollstreckerlogik, sondern mit einer Mischung aus Anstand und Schläue, die ihm schelmenhafte Züge verleiht. Denn eigentlich will er weiter, zu Hause wartet die Familie und der nächste Auftrag sowieso. Hinter seinem Zeitplan zurückbleibend, hetzt er in einem dreitägigen Parforceritt durch mehrere Bundesstaaten, überlebt Schießereien, wird zum Jäger der Geiselnehmer.
Dabei hört man stets im Hintergrund das Metronom des Präzisionshandwerkers Welsh-Huggins ticken, der die Spannungskurve nicht abreißen lassen möchte. Was Mercury Carter zustellen soll, erfahren wir kurz vor dem Finale. Und der Mailman wird wieder klingeln, unlängst ist in Otto Penzlers The Mysterious Press in New York mit "The Delivery" Mercs zweiter Streich erschienen. HANNES HINTERMEIER
Andrew Welsh- Huggins: "The Mailman". Thriller.
A. d. amerikanischen Englisch von Werner Löcher-Lawrence.
Hoffmann und Campe Verlag, Hamburg 2026. 398 S., br.
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