Mit BLAUBART greift Eugenie Marlitt ein Märchenmotiv auf und versetzt es in die psychologisch und sozial genau beobachtete Welt des bürgerlichen 19. Jahrhunderts. Hinter der Spannung um Geheimnis, Verbot und weibliche Neugier entfaltet sich weniger Schauerromantik als ein moralischer Gesellschaftsroman: Marlitts klare, dialogreiche Prosa verbindet häusliches Detail, melodramatische Zuspitzung und realistische Milieukritik. Der Text steht damit im Kontext der Familien- und Unterhaltungsprosa der Gartenlaube-Ära. Marlitt, 1825 in Arnstadt geboren und mit bürgerlichem Namen Friederieke Henriette Christiane Eugenie John, kannte Bildungsstreben, weibliche Abhängigkeit und soziale Schranken aus eigener Erfahrung. Nach einer Ausbildung zur Sängerin und Jahren als Gesellschafterin wurde sie eine der meistgelesenen Autorinnen der Zeitschrift Die Gartenlaube. Ihre Romane stellen häufig Frauen dar, die durch Verstand, Rechtsgefühl und Herzensbildung erstarrte Ordnungen herausfordern. Empfohlen sei BLAUBART allen Leserinnen und Lesern, die populäre Literatur nicht als bloße Zerstreuung, sondern als Seismograph gesellschaftlicher Werte lesen möchten. Das Buch bietet Spannung und Gefühl, zugleich aber einen aufschlussreichen Blick auf Geschlechterbilder, Vertrauen und die Grenzen patriarchaler Autorität im deutschen Realismus.