Ein tolles Buch über eine faszinierende Frau
Das Buch spielt in der Nachkriegszeit im München der 50er Jahre. Die 20jährige Margot lebt dort mit ihrer Mutter im Haushalt einer Tante. Ihre Familie wurde bei der Flucht aus Pommern auseinandergerissen. Anfang der 50er Jahre war die Rolle der Frau auf Haushalt und Kindererziehung festgelegt. Und genau damit hat Margot gar nichts am Hut. Sie hat einen Studienplatz für Mathematik erhalten und genau das ist ihre Welt. Zahlen sind ihre Freunde und ganz besonders liebt sie die Kryptografie. Hierfür hat sie ein außergewöhnliches Talent, welches in den Vorlesungen immer wieder auffällt. Aufgrund dessen wird dann auch eine Institution, die gerade neu aufgebaut wird, auf sie aufmerksam. Sie wird vom BND angeworben und erhält ein wirklich verlockendes Angebot. Aber dafür müsste sie ihren großen Traum, Professorin zu werden, aufgeben. Sue ist Näherin und versucht ihre jüngeren Schwestern nach dem Tod der Eltern durchzubringen. Ihr älterer Bruder ist ihr dabei keine Hilfe. Dieser ist beinamputiert aus dem Krieg zurückgekehrt und leidet unter seinen Erinnerungen. Sue arbeitet im gleichen Atelier wie Margots Mutter und so lernen die beiden sich kennen. Auch sie hat einen Traum. Sie möchte Journalistin werden und dann vor allem über die Unterdrückung der Frau und der Arbeiterklasse berichten. Was das angeht, hat sie eine sehr rigorose und kompromisslose Einstellung. Sie verachtet den Kapitalismus und hegt Groll gegen die Oberschicht. Erzählt wird in zwei verschiedenen Strängen. Einmal aus der Sicht von Margot und einmal aus der Sicht von Sue. So erfährt man viel über die Beiden und erhält einen guten Einblick in Ihre Gedanken und Emotionen. Das ist besonders bei Margot wichtig. Sie hat nämlich eine seltene neurologisch bedingte Eigenschaft. Sie sieht Zahlen, Emotionen ja auch Wochentage und Monate in Farben. Dieses Phänomen nennt man Synästhesie. Sie versucht immer, das geheim zu halten und traut sich nicht, mit jemanden darüber zu sprechen. Sie glaubt, an einer Psychose oder ähnlichem zu leiden und ist so froh, als sie erfährt, dass es sogar einen Namen für dieses Art der Wahrnehmung gibt. Ein interessanter Punkt ist, die Autorin erzählt im Vorwort, dass sie ebenfalls diese Veranlagung hat. Es war toll, zu lesen, wie sich die Freundschaft der beiden Frauen entwickelt. Sie merken schnell, dass sie sich gegenseitig guttun. Jede träumt "groß" und das war damals nicht üblich. Er gehörte sich nicht. Ein Spruch, den viele Frauen wohl immer wieder zu hören bekamen. Vom gesellschaftlichen Stand her sind sie schon sehr unterschiedlich, denn Margot geht es finanziell erheblich besser als Sue. Das war für Sue nicht so einfach und man kann schon nachvollziehen oder verstehen, dass sie sich zwar mit Margot freut, aber manchmal auch neidisch auf Margot war. Doch das hat der Freundschaft der beiden keinen Abbruch getan. Sie unterstützen sich gegenseitig und geben sich Halt. Schwierig wird es für die beiden durch den neuen Job von Margot, der sie zu Geheimhaltung verpflichtet. Das führt so weit, das Margot sogar ihre sozialen Kontakte einschränkt. Kann sie sich aus dieser Zwickmühle befreien? Ein weiterer Protagonist ist Jasper. Er macht Margot den Hof. Er war mir von Anfang an sehr suspekt. Ich finde, er hat narzisstische Züge. Er versucht auf perfide Art und Weise Margot zu manipulieren, ihr sein Weltbild aufzuzwängen. Und darin geht die Frau nicht arbeiten, sondern bekommt Kinder und kümmert sich um deren Erziehung und den Haushalt. Margot muss viel Kraft und auch Mut aufbringen, um sich gegen ihn zu behaupten. Sein Verhalten weckt bei Margot Erinnerungen, die sie lieber verdrängt. Das hängt mit ihrer Flucht zusammen, bei der sie ein traumatisches Erlebnis hatte. Der Schreibstil von Hanna Aden gefällt mir ausgesprochen gut. Sie erzählt sehr eindringlich und transportiert so auch die Emotionen sehr deutlich. Die Überschriften der Kapitel haben mich zu Beginn irritiert. Die Nummerierung ergab zunächst keinen Sinn für mich, aber für Mathematiker dürfte die Erklärung kein Problem gewesen sein. Die Überschriften passen zum Thema Synästhesie.Das Ende kam etwas plötzlich. Ich hätte z.B. gerne noch etwas mehr über Sue erfahren, oder wie es für Margot beruflich weitergeht. So hoffe ich doch auf eine Fortsetzung. Das Buch hat mich wirklich gefesselt. Es ist eine faszinierende Geschichte über die Stellung der Frau in der Nachkriegszeit, über den Wert der Meinungsfreiheit und soziale Ungerechtigkeit. Für mich war es ein Highlight und ich empfehle es sehr gerne.