Lauren E. Rico hat einen Familienroman geschrieben, der nicht nur Familienromantik beschreibt, sondern zugleich auch ein Krimi der besonderen Art ist. DNA-Analysen sind dafür bekannt, dass sie auch unerwartete Verwandtschaften freilegen und Erkenntnisse bringen, die eine ganze Familie ins Herz treffen können. Deshalb war dieser Roman für mich ein Muss: Ich interessiere mich seit Jahren für die Ahnenforschung, DNA-Ergebnisse bestätigten bei mir eine Verbindung zu Vorfahren, die bis dahin theoretisch vorhanden, aber nicht bestätigt war.
Für die zentrale Figur der Gabby in diesem Roman und ihre auf diese Weise gefundene Schwester Isabella beginnt mit dem DNA-Treffer jedoch eine Achterbahnfahrt der Gefühle, die auch den Leser unerwartet mit sich reißt. Gabby, die Faktencheckerin bei einem New Yorker Magazin ist und sich zu Höherem, das heißt zum Journalismus berufen sieht, erfährt von einer Schwester in Puerto Rico. Ihre einzige Reaktion: das kann nicht sein, die Auswertung der DNA ist falsch. Um das zu beweisen, will sie nach Puerto Rico fahren, womit sie ihre potenzielle Schwester Isabella vollends überrascht. Denn Isabella sucht seit 20 Jahren ihre mit sieben Monaten spurlos verschwundene Schwester Marianna. Nun ist sie überzeugt, sie gefunden zu haben. Obwohl Isabellas Ehemann schnell einige Ähnlichkeiten besonders der Charaktere feststellt, weigert sich Gabby standhaft, an eine Verwandtschaft zu glauben. Also wird ein neuer DNA-Test gemacht, der Gewissheit bringen soll. Solange das Ergebnis offen über ihnen schwebt, sind die beiden Frauen bestrebt, sich kennenzulernen und vor allem das große Rätsel um das Verschwinden von Marianna zu lösen. Je mehr sie suchen, umso mehr geraten sie in den Sog der 20 Jahre alten teilweise tragischen, teilweise kriminellen Ereignisse. Isabella hatte jahrelang die Hilfe des nun pensionierten Detectives Miguel Álvarez in Anspruch genommen, der sich mehr als jeder andere, insbesondere mehr als ihr alkohol- und drogenabhängiger Vater um ihr Wohlergehen kümmerte. Der Fall aber nie aufklärte. Nun hat er seinen Platz dem jüngeren Raña überlassen, der sich teilweise als etwas spröde und unzugänglich herausstellt, an entscheidender Stelle jedoch auch als äußerst hilfreich.
Die Autorin, die selbst Wurzeln bis zur 65. Generation in Puerto Rico hat, wie sie im Nachwort verrät, ist von einer tiefen Liebe und Einfühlsamkeit geprägt, wenn es um die Menschen auf dieser kleinen Insel geht. Sie beschreibt all ihre Protagonisten sehr lebensecht und macht sie so dem Leser zugänglich. Wenn ich mich als Leser dieses Buches sehe, weiß ich, wie weit das Leben in Puerto Rico von dem in Mitteleuropa, also auch von Deutschland entfernt ist. Bandenkriminalität gibt es natürlich auch in hier, aber die Selbstverständlichkeit, mit der sie in Puerto Rico als Teil des täglichen Lebens existiert, gibt es hier wohl nicht oder nur im begrenzten Rahmen. Die gewalttätigen und kriminellen Handlungen im Roman sind deshalb um so erschütternder, wenn man die Auswirkungen auf Kinder und Jugendliche betrachtet. Isabella hat ihre kleine Schwester verloren, als sie selbst fünf Jahre alt und vollkommen wehrlos war; dessen ungeachtet hat sie über 20 Jahre Schuldgefühle für das, was geschehen ist und was sie nicht deuten kann. Ihre Kratzbürstigkeit und ihre Zornesausbrüche zeichnen das Bild einer jungen Frau, die das gewalttätige Leben in Puerto Rico nur mit Mühe erträgt. Dass sie außerdem mit fünfzehn Opfer einer Vergewaltigung durch zwei Touristen wurde, macht ihr Leben nicht leichter. Sehr anschaulich beschrieben werden ihre Streetart-Kunstwerke, die sie auch als Kompensation ihrer inneren Zerrissenheit schafft.
Teilweise erzählt die Autorin etwas ausufernd von den Erlebnissen und Begegnungen der zwei unterschiedlichen Frauen, auch was sie bei ihrer Suche quer über die Insel erleben. Etwa ab der Mitte des Romans ahnt man, was sich ereignet haben könnte, das mindert aber die Spannung nicht. Eine Lieblingsfigur habe ich ehrlich gesagt nicht gefunden, mal ist es Gabby, die mir gefällt, mal ist es Isabella. Meine Sympathie teile ich vor allem unter den Detectives Miguel Álvarez und David Raña auf, auch der junge Coquí bekommt sie.
Fazit: ein Familienroman, angereichert mit einem Krimi, der in eine ungewohnte Region blicken lässt, und der zeigt, dass DNA wirklich nicht alles ist in einer vertrauensvollen Familie. Gut lesbar, spannend und empfehlenswert!