Noch ein Buch zur bedürfnisorientierten "Erziehung".
Die erste Frage, die sich mir bei "Vorbildlich unperfekt" von Marlies Johanna Heckner stellte, war daher weniger wie sie schreibt, sondern ob es dieses Buch überhaupt braucht. Gibt es neue Perspektiven, neue Gedanken, neue Impulse oder ist es eine weitere Variation dessen, was in den vielen vorherigen Büchern bereits ausführlich beschrieben wurde?
Marlies Johanna Heckner ist Influencerin, keine Pädagogin oder Psychologin. Das allein ist für mich kein Ausschlusskriterium - fachliche Qualifikation entsteht nicht ausschließlich durch formale Abschlüsse. Gleichzeitig stellt sich bei einem solchen Buch aber zwangsläufig die Frage nach der Einordnung. Handelt es sich um eine fundierte inhaltliche Weiterentwicklung des Diskurses oder primär um eine Verdichtung dessen, was aus Social Media bereits bekannt ist?
Inhaltlich richtet sich das Buch klar an Eltern, die einen wohlwollenden, bedürfnisorientierten Blick auf Kinder und Familienleben einnehmen (möchten). Der Ton ist durchgehend positiv, empathisch und wertschätzend. Viele typische Alltagssituationen werden beschrieben, in denen sich Eltern leicht wiederfinden können. Das erzeugt Nähe und ein Gefühl von "Ich bin nicht allein damit".
Gleichzeitig bleibt das Buch konsequent auf der Haltungsebene. Konkrete Handlungsanleitungen, differenzierte Lösungsvorschläge oder klare Schritte im Umgang mit schwierigen Situationen sucht man weitgehend vergeblich. Die Beispiele illustrieren eher ein Grundverständnis als praktische Umsetzung. Für Eltern, die sich konkrete Orientierung im Alltag erhoffen, kann das enttäuschend sein.
Für Eltern, die sich bereits intensiv mit bedürfnisorientierter Begleitung beschäftigt haben, bietet "Vorbildlich unperfekt" wenig Neues. Die zentralen Gedanken sind bekannt, gut gemeint und nachvollziehbar, aber nicht innovativ. Für Neulinge im Thema hingegen kann das Buch durchaus als übersichtliche, leicht zugängliche Zusammenfassung dienen. Allerdings haben andere Bücher diese Einführung bereits ebenso fundiert - teils mit größerer fachlicher Tiefe und mehr praktischer Konkretisierung - geleistet.
Insgesamt ist "Vorbildlich unperfekt" ein stimmig geschriebenes, freundliches Buch, das Mut machen und entlasten kann. Es erweitert den bestehenden Diskurs jedoch kaum und bleibt bewusst vage, wenn es um konkrete Umsetzung geht. Wer bereits im Thema ist, wird wenig mitnehmen. Wer einen sanften Einstieg sucht, findet hier eine gut lesbare, wohlwollende Zusammenfassung, muss sich aber fragen, ob dafür nicht auch eines der vielen Vorgängerwerke gereicht hätte.