"Du hast vergessen, warum ihr mit dieser Lüge angefangen habt. Aus Bequemlichkeit. Und das ist der Grund, weshalb ich auf euch so wütend bin. Denn Bequemlichkeit ist genau das, wovor ihr uns immer gewarnt habt."InhaltQuentin und Julian Bell, die beiden Söhne der Malerin Vanessa Bell wachsen in einem mehr als liberalen Elternhaus im englischen Cornwall auf. Ihre Mutter und Tante sind Teil der bekannten Bloomsbury Group, einer Gruppe freier, unabhängiger Künstler, die sich nicht an den Normen ihrer Zeit orientieren, sondern an ihren eigenen Werten. Zwar werden sie dafür schief angesehen und teilweise gemieden, doch ihr Dunstkreis ist groß und sie genügen sich selbst mit ihren Kindern, Männern, Liebschaften und Gleichgesinnten Freunden. Die beiden Jungen wachsen mit der jüngeren Schwester bei der Mutter und deren homosexuellen Freund samt dessen Partner auf und der leibliche Vater ist eher ein gern gesehener Gast, der sich an dem Familienkonstrukt genauso wenig stößt wie die Tante der beiden Heranwachsenden - Virginia Woolf. Doch mit zunehmendem Alter entfremden sich Quentin, der Erzähler des Buches und sein älterer Bruder Julian immer mehr voneinander. Die enge Verbundenheit aus Kindertagen gerät ins Wanken, als Julian ein Familiengeheimnis erfährt und damit die Perfektion seines Elternhauses in Frage stellt und auch der heraufziehende Krieg und die zunehmend politische Fokussierung des Älteren, treiben einen Keil zwischen die beiden. Quentin muss lernen, dass sein Bruder wohl einen anderen Lebensweg beschreiten wird als den eines Künstlers in der Künstlerfamilie.MeinungDieses Buch steht nun schon ganze 9 Jahre ungelesen in meinem Regal, nachdem ich es immer mal wieder zur Hand genommen habe, konnte ich es nun im Rahmen des SUB-Abbaus lesen. Die Geschichte, die als Jugendroman angelegt ist, richtet sich tatsächlich sehr gut an diese Zielgruppe, der Ton wirkt authentisch, oft kindlich, manchmal etwas naiv aber immer nah dran an den handelnden Personen. Zwei Dinge haben mir besonders gefallen: Zum einen den fiktionalen Bezug zu den wahren Begebenheiten der bekannten Familie des Erzählers, die jedoch hier nicht mit historischen Informationen daherkommt sondern mehr mit persönlichem Erleben. Dadurch fühlt man sich als Leser mitgenommen, hinein in eine unbeschwerte Kindheit, die nicht so herkömmlich und normal verläuft, sich aber in vielen Dingen als Gold wert entpuppt. Bei den Bells kann jeder so sein, wie er möchte und man lebt den Kindern vor, dass verschiedenen Lebensentwürfe sehr gut nebeneinander Bestand haben können, ohne dass das Miteinander verschwindet.Der zweite Punkt erscheint mir aber noch viel aussagekräftiger: Zwei Jungs werden erwachsen und gehen getrennte Wege - eine gemeinsame Herkunft, viele geteilte Geheimnisse und trotz intakter Geschwisterbeziehung lernt der Jüngere, den Älteren ziehen zu lassen und muss dabei einsehen, das auch sein Idol und Vorbild aus Kindertagen Fehler hat und sich anders als er selbst verhält - obwohl ihm das Schmerzen bereitet und er sich wünschen würde, das die innere Nähe auch nach der Kindheit so intensiv bleiben würde. In dieser Aussage liegt viel Wahrheit und das Phänomen lässt sich auf zahlreiche Beziehungen übertragen - die Zeit hinterlässt ihre Spuren und führt enge Vertraute auf andere Wege.FazitIch habe diesen Roman des niederländischen Autors Rindert Kromhout sehr gern gelesen und vergebe gute 4 Lesesterne dafür. Ich glaube er eignet sich noch besser für jüngere Leser, weil gerade die Familiensituation hier so umfassend skizziert wird. Mir persönlich blieb er stellenweise zu unbestimmt. Gerade die Entwicklung Julians hätte ich gerne näher verfolgt, auch seine Sichtweisen besser kennengelernt, nicht nur durch den Filter der Erzählperspektive seines Bruders. Der Roman vermag außerdem das Interesse an den Hintergründen und Werken der berühmten Familie zu wecken. Ich habe nebenbei Bilder angeschaut und Zusatzmaterial gegoogelt. Das lässt sich gut machen und lässt den Text lebendiger wirken - man findet hinein in das Leben und Leid der Familie, ohne dem Schwermut zu verfallen und es bleibt die absolut richtige Aussage am Ende stehen: Zusammenhalt ist wichtiger als Konkurrenzdenken, Freiheit im Geist bringt Menschen einander näher, auch wenn sie unbequem ist oder gerade deswegen.