Matthias Biskupek rezensiert zunächst Antje Babendererdes Der Kuss des Raben (Arena Verlag), anschließend 216 Schlüssel des Verlages Tasten & Typen:
>>Eine Kindheit<< untertitelt Siegfried Nucke sein viel kürzeres Buch >>216 Schlüssel<<. Jene Schlüssel sind von einem Dorf übrig geblieben, das leergezogen wurde. Die Kohlebagger werden es fressen. Die Jungen Jakob und Rene sind in verschiedene Richtungen fortgezogen: in eines der neuen Ersatz-Häuser im Nachbardorf der eine, ins ferne Schleswig-Holstein der andere. Denn muss man nicht ganz neu beginnen, wenn einem der Boden buchstäblich weggenommen wird?
Im verlassenen Ort gibt es auch einen, der nicht weichen will, der die Kirche vor Plünderungen bewacht und bewahrt, hier >>Rassler<< geheißen. Abschied vom Dorf ist Abschied von einer Kindheit. Siegfried Nucke, Lehrer seit Jahrzehnten, weiß von Berufs wegen um die Nöte von Kindern, um ihren Wunsch zum einen nach Behausung und zum anderen nach Ausbruch. >>Eskimos sagen Mamantu<< hieß dieses Buch als preisgekröntes Manuskript vor ein paar Jahren da haben wir sie wieder, die sogenannten Naturvölker mit ihrem anderen Verhältnis zu Tod und Leben. Im abgebaggerten Dorf soll der Friedhof verschwinden; da gibt es dann doch einen, der versteht, warum es den Jungen Jakob schmerzt, wenn Grabsteine herausgerissen werden, wenn vergangenes Leben wüst auf einer Deponie landet.
Antje Babendererde und Siegfried Nucke haben Bücher geschrieben, die von Kindern und Jugendlichen gelesen werden dürfen. Erwachsene sollten sie lesen, wenn sie mehr wissen wollen über selige Kindheit und goldene Jugend und den Schindluder, der mit solchen Begriffen getrieben wird.
Matthias Biskupek in: Ossietzky, 2. Juli 2016, Heft 14/2016, S. 511 ff.