Theodor Fontanes Roman "Frau Jenny Treibel" (1892) ist eine fein gearbeitete Gesellschaftskomödie des Berliner Bürgertums, in der Bildungsanspruch, Geldmacht und romantische Selbsttäuschung mit souveräner Ironie gegeneinander ausgespielt werden. Im Zentrum steht die ehrgeizige Kommerzienrätin Jenny Treibel, die sentimentale Poesie verehrt, im entscheidenden Moment jedoch konsequent nach sozialem Nutzen handelt. Fontanes realistischer Stil verbindet dialogische Präzision, psychologische Nuance und satirische Milde; der Roman gehört zu seinen bedeutendsten Analysen wilhelminischer Standes- und Heiratslogik. Fontane, 1819 geboren, war Apotheker, Journalist, Theaterkritiker und einer der großen Chronisten Preußens. Seine lange Beobachtung der Berliner Gesellschaft, seine Skepsis gegenüber bloßem Pathos und seine Erfahrung mit literarischen Salons und bürgerlichen Aufstiegsphantasien prägen dieses Werk unverkennbar. In "Frau Jenny Treibel" verdichtet er persönliche Menschenkenntnis und zeitdiagnostische Schärfe zu einer unaufdringlichen, doch entschiedenen Kritik an Besitzstolz und kultureller Pose. Empfohlen sei dieses Buch allen Lesern, die den Realismus nicht als bloße Abbildung, sondern als kunstvolle Entlarvung gesellschaftlicher Mechanismen verstehen möchten. Fontanes Humor ist leise, seine Urteile sind klar, und seine Figuren bleiben trotz ihrer Schwächen lebendig menschlich.