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Apokalypse

Zur Soziologie und Geschichte religiöser Krisenrhetorik.
Buch (kartoniert)
Die Endzeitstimmung hat Konjunktur
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Produktdetails

Titel: Apokalypse
Autor/en: Thomas Etzemüller, Jürgen Kaube, Hans G. Kippenberg, Volkhard Krech, Michael Makropoulos

ISBN: 3593387573
EAN: 9783593387574
Zur Soziologie und Geschichte religiöser Krisenrhetorik.
Herausgegeben von Alexander-Kenneth Nagel, Ansgar Weymann, Bernd U. Schipper
Campus Verlag

15. September 2008 - kartoniert - 312 Seiten

Beschreibung

Fühlen sich Gemeinschaften und Gesellschaften existenziell bedroht, greifen sie bei der Deutung dieser Bedrohung oft auf Apokalypsen zurück. Im westlichen Kulturkreis liegen die Quellen der apokalyptischen Deutung vor allem in der jüdisch-christlichen Tradition. Soziologen, Religions- und Geschichtswissenschaftler beleuchten hier historische und aktuelle Entwicklungen, wie die Hamas oder die Zeugen Jehovas. Sie untersuchen den apokalyptischen Tenor der demografischen Debatte sowie apokalyptische Rhetorik in Literatur und Medien. Es geht um Apokalyptik als langfristige Macht in Gesellschaft und Geschichte und um apokalyptische Elemente innerhalb sozialwissenschaftlicher Theorietraditionen.

Inhaltsverzeichnis

Inhalt

Vorwort

Apokalypse und Apokalyptik

Gesellschaft und Apokalypse
Ansgar Weymann

Ordnung im Chaos - Zur Systematik apokalyptischer Deutung
Alexander K. Nagel
Apokalyptik und Apokalypse - Ein religionsgeschichtlicher Überblick
Bernd U. Schipper

Apokalyptik in der klassischen Gesellschaftstheorie

Das apokalyptische Moment im "pursuit of happiness" und die Nützlichkeit der Tugend
Ansgar Weymann

Marx - ein Apokalyptiker der Moderne?
Lothar Peter

Apokalypse und klassische Moderne - Radikales Kontingenzbewusstsein und konstruktivistische "tabula rasa"
Michael Makropoulos

Apokalypse als Geschichtsmacht: Deutung und Diskurse

Die Faszination der Apokalypse
Klaus Vondung

"Dreißig Jahre nach Zwölf"? Der apokalyptische Bevölkerungsdiskurs im 20. Jahrhundert
Thomas Etzemüller

Wer glaubt, wird selig? Enttäuschungsresistenz und letale Apokalypse - Die Zeugen Jehovas und der People s Temple
Volkhard Krech

"Die Zeit ist heute bitter ernst" - Apokalyptik als Redeform im politischen Diskurs des Nationalsozialismus
Anna Neumaier

Vom Quietismus zum Aktivismus - Apokalyptische Pragmatik, überprüft anhand des Falles Hamas
Hans G. Kippenberg

Die Apokalypse in den Medien - Etwas zur Soziologie der Übertreibung
Jürgen Kaube

Schlusswort

Apokalypse - Zur religiösen Konstruktion gesellschaftlicher Krise

Autorinnen und Autoren

Portrait

Bernd U. Schipper ist Professor für Religionsgeschichte, Ansgar Weymann Professor für Soziologie an der Universität Bremen.
Alexander K. Nagel ist Juniorprofessor am Centrum für Religionswissenschaftliche Studien der Ruhr-Universität Bochum.

Leseprobe

Gesellschaft und Apokalypse
Ansgar Weymann

Weltbilder

Für den Westen scheint ein Goldenes Zeitalter zu Ende zu gehen. Europäische Staaten und Zivilisation waren ein halbes Jahrtausend dem Rest der Welt überlegen in Wirtschaftsleistung, Militärkraft, rationaler Bürokratie, Eliten- und Massenbildung, Wissenschaft, Forschung, Technik, später auch in Rechtsstaatlichkeit, Wohlfahrtsstaat und Demokratie. Existentielle Bedrohungen von außen gab es seit dem Sieg über den expansiven Islam unter Führung des ottomanischen Reiches im 17. Jahrhundert nicht mehr.

Die gewohnte Lage änderte sich erstmals zu Beginn des 20. Jahrhunderts. Mit dem Ersten Weltkrieg ging die westliche Führung an die ebenfalls westlich geprägten USA über. Erst im 21. Jahrhundert aber verliert der Westen insgesamt seine Ausnahmeposition - als Gruppe herrschender Staaten und als Zivilisation. Die Setzung der internationalen Regeln steht nicht mehr in der alleinigen Verfügungsgewalt der westlichen Oligarchie mit ihrer wechselnden internen Hierarchie. Die Herausforderung richtet sich auf Wirtschaft, Bildung, Wissenschaft und Technik. Schon bald wird auch die militärische Dominanz, noch gesichert durch die USA, zu Ende sein. Die ökologischen Probleme des Verbrauchs von Ressourcen und des Ausstoßes an Emissionen können nicht mehr autonom und souverän nach den Vorstellungen der westlichen Staaten gelöst werden. Ebenso ist die Zukunft der kulturellen und intellektuellen Hegemonie offen. Über die erfolgreiche Globalisierung wirken der Export und die Externalisierung der Folgen des europäischen Zivilisationsmodells auf die Urheber zurück.

Diese historische Lage ist neu. In Alfred Schütz' Begriffen ist ihre Phänomenologie so zu beschreiben: Die bisherige alltägliche Lebenswelt - unbefragt, natürlich, fraglos gegeben - wird schrittweise fragwürdig. Sie verliert ihre verlässliche räumliche und zeitliche Strukturiertheit, die sichere Planung und Durchführbarkeit der Handlung erlaubt. Sie verliert auch ihre Leitfähigkeit als ideale Sinnstruktur, die Bedeutung und Rang der Dinge und Ziele zweifellos bestimmt, indem sie festlegt, was wirklich wichtig ist. Die Selbstverständlichkeit des "und so weiter" im täglichen Tun, die Sicherheit des "Du kannst immer wieder", gehen verloren. Der Horizont des Alltagswissens muss neu ausgelegt werden.

Eine mögliche Neuauslegung des Sinnhorizontes der Welt und des eigenen Handelns geschieht durch die apokalyptische Deutung in religiös symbolhafter Sprache. Im Vordergrund steht in dieser Einleitung die apokalyptische Semantik, die Beobachtung und Beschreibung der Inhalte apokalyptischer Konstruktionen der Wirklichkeit.

Die Apokalypse ist eine traditions- und folgenreiche Auslegung von Kontingenz und Krise in jüdisch-christlicher Tradition, eine Reaktionsmöglichkeit auf Bedrohung, Niedergangs- und Untergangsängste. Sie tritt auf bei Gemeinschaften, die sich in ihrer Existenz bedroht sehen. Und sie ist in ihren Konsequenzen real, auch wenn die Ausgangssituation falsch gedeutet wurde: "If men define situations as real, they are real in their consequences."

Grundlage der Apokalypse ist eine kompromisslose Trennung von Gut und Böse in Geschichte und Gegenwart. Angesichts des nahenden Endkampfes zwingt die apokalyptische Deutung jeden einzelnen Menschen zur Stellungnahme und zur aktiven Kriegsbeteiligung. Die Gotteskrieger scharen sich um ihren Propheten, um ihr Leben einzusetzen gegen das Böse und dessen Anhänger. Der apokalyptische Krieg liefert ein Füllhorn der Gelegenheiten zu Grausamkeit und Gewaltverherrlichung. Es geschieht eine wunderbare Katharsis, in der bislang tabuisierte Einstellungen und Verhaltensweisen kultisch gefeiert werden als Beitrag zum Endsieg. Die apokalyptische Deutung ist geeignet, die Vernichtungsphantasie der dem Untergang geweihten bestehenden Welt in eine Endsiegphantasie des zukünftigen Reiches zu verwandeln. Aus dem Paradiesversprechen für die Erwählten bezieht Apokalypse ihre bis zur Selbstaufopferung begeisternde Kraft für das Bestehen des Unvermeidlichen. Sie ist ein Versprechen für die Gefolgschaft im Kampf auf der moralisch richtigen Seite. Nach überstandener Apokalypse scheint ein neues goldenes, chiliastisches Zeitalter auf.

Das apokalyptische Deutungsmuster kann sowohl Ausdruck der gesellschaftlichen Krisenwahrnehmung sein wie auch Antriebskraft des kollektiven Agierens, das krisenhafte Situationen erst herstellt oder vorantreibt durch apokalyptische Deutung und Erzählung. Nicht nur in Deutschland sind apokalyptische Deutungen und Diskurse der historischen Herausforderungen der Zeit verbreitet und wirksam. Umweltprobleme, Ressourcenknappheit, Vergiftung von Nahrung, Erde, Wasser und Luft, ausgefallene Krankheiten und höllische Seuchenplagen, wirtschaftlicher Niedergang, Überalterung und demographische Schrumpfung, Moral- und Werteverfall, Gewalttätigkeit, Psychopathien und Anomie, Kriege und Bürgerkriege, politischer und religiöser Wahn bedrohen die Bewohnbarkeit der Erde und die Fortexistenz der Gattung Mensch.

Apokalypsen sind verbreitete Deutungen der Zeit im öffentlichen Diskurs. Sie sind Leitideen des Weltbildes mit Folgen für die Interessenausrichtung des praktischen Handelns. Um es in Max Webers Worten auszudrücken: "Die Weltbilder , welche durch Ideen geschaffen wurden, haben sehr oft als Weichensteller die Bahnen bestimmt, in denen die Dynamik der Interessen das Handeln fortbewegt." Apokalypsen unterscheiden sich von Katastrophen und Krisen durch ihre religiöse Sprache und Radikalität. Über Katastrophen geht die Geschichte hinweg, Krisen bergen die Hoffnung des Umschwungs zum Guten. Apokalypsen bezeichnen die Endzeit, werden von Propheten verkündet, trennen Gut und Böse und deren Anhänger radikal, rufen zum letzten Gefecht auf. Die Welt danach ist ganz neu und anders, nicht nur reformiert.

Der Fortschritt der Moderne deutete sich selbst über ein halbes Jahrtausend als Weg in das irdische Paradies. Die Sozialwissenschaften haben sich an dieser eschatologischen Auslegung beteiligt - begleitet von einem apokalyptischen Unterton. Auslegungen des alltäglichen Sinnhorizontes sind jedoch vorrangig Sache von Religion, Literatur, Massenmedien, Politik. Ein typisches Deutungsmuster ihres apokalyptischen Diskurses ist die Dekadenz der großen Hure Babylon. Auch heutige Wissenschaftler sind Deuter der Zeichen an der Wand, vor allem ökologischer, demographischer, ökonomischer, sozialkultureller Indikatoren des Wandels. Sie wollen die Apokalypse durch Aufklärung und Warnung vermeiden. Über Generationen gewöhnt an immer weiteren verlässlichen historischen Fortschritt sind die Bürger des Westens heute konfrontiert mit apokalyptischen Szenarien der Ausweisung aus Utopia. Das erzeugt Gegenkräfte. Die jeweilige Wahrnehmung der historischen Situation, deren Neuauslegung im Generationswechsel, der verfügbare Fundus kultureller Deutungen und die Pfade bestehender und gewohnter Institutionen bestimmen die Transformationskräfte des Wandels.

Pressestimmen

Szenarien des Weltuntergangs
"Der Sammelband bietet einen wissenschaftlichen Blick unterschiedlicher Disziplinen auf das Phänomen der Apokalyptik und kommt zu erstaunlichen Ergebnissen." (Deutschlandradio, 08.10.2008)

Apokalypse
"Ein lesenswerter Band." (Die Welt, 10.01.2009)
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