Thomas Manns vierteiliger Romanzyklus Joseph und seine Brüder entfaltet die biblische Josephsgeschichte zu einem weitgespannten Mythos der Menschwerdung. In gelehrter, ironisch grundierter Prosa verbindet Mann Genesis-Exegese, altorientalische Religionsgeschichte, Psychologie und modernes Erzählen. Der Stil ist zugleich episch ausgreifend und essayistisch reflektiert; der archaische Stoff wird in den literarischen Kontext des Exilromans, der europäischen Moderne und der humanistischen Neuinterpretation religiöser Überlieferung gestellt. Thomas Mann, 1875 in Lübeck geboren und 1955 in Zürich gestorben, schrieb den Zyklus über viele Jahre hinweg, wesentlich im Zeichen politischer Krise und Emigration. Seine Auseinandersetzung mit Mythos und Aufklärung, mit Schuld, Erwählung, Macht und Versöhnung spiegelt Erfahrungen des 20. Jahrhunderts. Als Gegner des Nationalsozialismus suchte Mann im alten Stoff eine Gegenfigur zur barbarischen Mythisierung: einen Mythos, der durch Erkenntnis, Humor und Humanität entgiftet wird. Dieses Buch empfiehlt sich Lesern, die große erzählerische Architektur, sprachliche Präzision und geistige Tiefe schätzen. Joseph und seine Brüder ist keine bloße Nacherzählung, sondern ein monumentales Werk über Herkunft, Identität und kulturelles Gedächtnis. Wer bereit ist, sich auf seine Langsamkeit und Gelehrsamkeit einzulassen, begegnet einem der reichsten Romane deutscher Sprache.