Gut konstruiert, spannend erzählt. Leider hat mich keiner der Protagonisten erreicht.
Ein Thriller, um zwei junge Mädchen bzw. Frauen in einer klatschsüchtigen Kleinstadt. Olivia und Simone sind sehr unterschiedlich und finden trotzdem anfangs als Freunde zusammen. Jede begegnet auf ihre Art den inneren und äußeren Dämonen. Die Autorin schafft es durchgehend eine beklemmende und düstere Atmosphäre aufrecht zu erhalten.Der Plot und deren Verbindungen sind intelligent ineinander verflochten und Erzeugen meistens Spannung.Leider haben mich die Charaktere nicht erreicht, weshalb ich für dieses Buch lange gebraucht habe (dazu unten mehr).Wer die Protagonisten allerdings mag, wird bestimmt ein paar spannende und nachdenkliche Lesestunden haben.Noch ein wenig zum Buch:SettingSimone zieht mit ihren Eltern in eine ostfriesische Kleinstadt ... oder Dorf. Dieses Umfeld ist extrem durch schwarz-weiß Denken geprägt. In Form von armes oder reiches Elternhaus, braves Mädchen oder Schlampe und auch Schulhofqueen oder Außenseiter. Es wird viel Getratscht und jeder scheint alles irgendwie zu wissen und weiterzuerzählen. Purer Nachbarschaftswahnsinn.Insgesamt sehr beklemmend. Für mich wirkte es leider auch sehr übertrieben. Wie kann sich eine ganze Stadt derart grausam und dumm verhalten? Ich habe es nicht verstanden. Aber ich habe auch nie in einer Kleinstadt gelebt. Wobei ich mich immer wieder gefragt habe, wie groß "klein" ist, denn die Schule hat unzählige SchülerInnen im gleichen Alter, die alle im gleichen Ort leben ... .Schreibstil/ StrukturDie Autorin hat für ihre Hauptprotagonistin Simone die Ich-Perspektive gewählt. Weitere - unterschiedliche - Charaktere werden durch den personalisierten Erzähler wiedergegeben. Die Mischung der Stilmittel wird geschickt genutzt um Identitäten zu verschleiern und falsche Fährten/ Erwartungen zu schüren. Dadurch entsteht sehr viel Spannung und wird zum Miträtseln eingeladen.Die Wendungen im Buch sind gut vorbereitet. Sogar das Ende kommt, obwohl überraschend, doch gut in der Geschichte selbst verankert. Sehr intelligent erzählt und konstruiert. Der Schreibstil ist zumeist sehr flüssig zu lesen. Er schafft es die Atmosphäre einzufangen und über die Worte zu transportieren.Insgesamt wird ein Zeitraum von knapp 6-7 Jahre erzählt. Bestimmte Lebensabschnitte stehen dabei in einem sehr detaillierten Fokus, andere werden in wenigen Sätzen zusammengefasst.Im Gesamtgefüge des Buches war die Phase der Kindheit von Simone und Olivia für mich zu ausführlich. Der Anfang zog sich für mich leider zu sehr und es dauerte bis Spannung aufkam.Das Sterben der Opfer wird relativ zu anderen Geschichtsanteilen sehr detailliert erzählt. Für mich teilweise zu langwierig, weil sich einiges wiederholt. Die Tötungsmethoden sind allerdings sehr kreativ gewählt. Manche Szenen, insbesondere die des sexuellen Missbrauchs, sind richtig ekelig ... .Dialoge stellen ein eher seltenes Stilmittel dar, um die Geschichte weiterzuführen. Vieles wird indirekt wiedergegeben oder erzählt. Die inneren Gedankengänge empfinde ich als sehr gut dargestellt und geben in beiden Perspektiven gute Einblicke in die Figuren.Leider hat sich die Authentizität für mich zum Ende hin abgeschwächt. Plötzlich dachten/ redeten die jungen Frauen wie erfahrene Psychotherapeuten, die Persönlichkeitsprofile erstellen.Charaktere:Wie oben schon erwähnt, bin ich mit den Protagonisten nicht warm geworden. Letztendlich mit keiner. (ich lasse diesen reinen Geschmacksinn nicht in die Bewertung einfließen)Dazu kommt ein katastrophales Frauen- und Männerbild, welches ich so nur in wenigen Ausnahmefällen je persönlich kennengelernt habe ... aber derart geballt?Die erwachsenen Protagonistinnen sind entweder grausam, boshaft, schwätzerisch oder altruistisch. Eine Eigenschaft haben sie dabei alle gemeinsam: Passivität dem eigenen Leben gegenüber.Vieles erfüllt für mich leider Klischees ohne gleichzeitig auch positive Eigenschaften zu besitzen. Die Charaktere insgesamt (bis auf Olivia und Simone) wirken auf mich deshalb wie eindimensionale Abziehbilder, zumeist mit negativen Extremen. Simone machte am Anfang des Buches eines aufgeweckten und klugen Mädchens. Aber sie mutierte sehr schnell zur oberflächlichen Zicke, die im Selbstmitleid ertrinkt. Ihre Entscheidung am Ende des Buches konnte ich nicht nachvollziehen ...Olivia wirkte auf mich wie ein starker Mensch. Ihre flogen am Anfang meine Sympathien zu. Aber leider flüchtete sich dann in das Verhalten einer Klischeeaußenseiterin (Kleidungsstil und dem Musikstil). Schade, sie hatte so viel Potential, trotz allem stark zu sein.Noch ein wenig Kritik:Leider haben mich die ersten Seiten des Buches verärgert - kein guter Start in ein Buch. Ich weiß.Die Autorin scheint es für absolut selbstverständlich zu halten, wie eine Mutter ihr Leben gestaltet. Denn was Simones Mutter macht, wird nie erwähnt - nicht mal das sie Hausfrau ist (was ich mir irgendwie gedacht habe). Nein. Die Frau meckert ihren Mann an, weil er keinen Job hat, anstatt auch nur im Geringsten selbst die Initiative zu ergreifen. Sie zieht klaglos mit, wenn ihr Mann woanders einen Job findet. Ihre Existenz wirkt allein durch den Ehemann definiert und vollkommen abhängig. Sie scheint kein eigenes nennenswertes Leben oder Ausbildung zu haben, genauso wie die anderen erwachsenen Frauen in dem Buch.Es mag zur Geschichte passen, denn auch die heranwachsenden Mädchen fügen sich in diese Passivität und den Einwirkungen des Umfeldes ... trotzdem mag ich es nicht, wenn solche Frauenbilder wie ein allgemein gültiges Selbstverständnis behandelt werden. Wegen dieser Kritik habe ich nicht den Eindruck, dass das Hauptthema Mobbing ist, sondern die Perspektivlosigkeit die eintritt, wenn es keine positiven starken Frauenvorbilder im Leben junger Menschen gibt.Fazit:Ich gebe für diesen atmosphärisch dichten und über weite Strecken spannenden Thriller 3,5 Sterne, die ich auf 4 aufrunde.