Virginia Woolfs Orlando ist eine gelehrte, spielerische Scheinbiographie, die die Lebensgeschichte eines adligen Dichters vom elisabethanischen Zeitalter bis in die Moderne verfolgt und dabei Geschlecht, Zeit und Identität radikal beweglich macht. Mit ironischer Erzählerstimme, lyrischer Prosa und parodistischen Anleihen an Chronik, Biographie und Bildungsroman steht der Roman im Zentrum der literarischen Moderne und unterläuft zugleich deren Ernst durch Witz, Maskerade und historische Überblendung. Woolf, zentrale Gestalt der Bloomsbury Group, verband in diesem Werk ästhetisches Experiment mit persönlicher Nähe: Orlando ist deutlich von Vita Sackville-West inspiriert, deren Familiengeschichte, aristokratische Herkunft und unkonventionelle Liebesbeziehungen das Buch prägen. Woolfs eigene Auseinandersetzung mit weiblicher Autorschaft, gesellschaftlichen Rollen und den Grenzen realistischer Darstellung, wie sie auch in ihren Essays sichtbar wird, findet hier eine besonders freie und zugleich präzise Form. Empfohlen sei Orlando allen Leserinnen und Lesern, die einen Roman suchen, der intellektuelle Kühnheit mit erzählerischer Leichtigkeit verbindet. Das Buch eröffnet nicht nur einen Zugang zu Woolfs Kunst, sondern bleibt auch eine erstaunlich gegenwärtige Meditation über Selbstentwurf, Begehren und die literarische Erfindung des Lebens.