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"Wir machen uns unnötig Stress"
Was gilt in der Erziehung wirklich als verlässlich - und worauf dürfen Eltern entspannter blicken? Im Interview spricht Tillmann Prüfer darüber, welche Fragen im Familienalltag wirklich zählen - und über den oft unterschätzten Einfluss, den Kinder auf ihre Eltern haben.

Für Ihr neues Buch haben Sie rund 400 Studien gelesen und Expert:innen befragt: Welche Erkenntnis ist Ihnen am meisten im Gedächtnis geblieben?
Viele angeblich wissenschaftlich belegte Erkenntnisse über Erziehung sind viel schlechter belegt, als Eltern das glauben. Gerade bei Begriffen wie "Bindung" ist es für Laien kaum zu unterscheiden, wo sich Erziehungsratgeber auf gute Wissen- schaft und wo auf reinen Hokuspokus beziehen. Zum Beispiel gibt es überhaupt keinen Hinweis, dass Schlafen im Familienbett eine bessere Beziehung zum Kind befördert. Es wird aber immer wieder behauptet.

Wenn Eltern aus Ihrem Buch nur eine Sache mitnehmen: Welche wäre das?
Wir setzen beim Aufziehen unserer Kinder häufig die falschen Schwerpunkte. Wir machen uns unnötig Stress, indem wir glauben, jede unserer erzieherischen Handlungen würde die Persönlichkeit unseres Kindes formen - was so nicht stimmt. Gleichzeitig vernachlässigen wir viel wichtigere Fragen - etwa: Wie viel Zeit verbringen wir eigentlich miteinander?

Sie haben vier Töchter. Haben Ihre Recherchen zum Buch Ihren Blick auf Erziehungsfragen verändert, sodass Sie heute andere Prioritäten setzen würden?
Es ist eher so, dass meine vier Töchter meinen Blick auf Erziehungsfragen verändert haben. Wir glauben heute, dass Eltern ihre Kinder erziehen. Dabei ist der Einfluss der Kinder auf die Eltern mindestens genauso groß.
TILLMANN PRÜFER leitet das Ressort "Familie" für die ZEIT und schreibt die wöchentliche Kolumne "Prüfers Töchter" im Zeitmagazin. Er wurde mit mehreren Journalistenpreisen ausgezeichnet und ist Autor sowie Co-Autor zahlreicher Bücher.

Der Ratgeber erscheint am 16. April 2026

Was Sie (wirklich) über Erziehung wissen müssen
Buch (gebunden)
24,00 €

4 Töchter und 400 Studien

Eltern sollen die Bedürfnisse ihres Kindes kennen, es optimal fördern und einfühlsam sein. Der Druck ist hoch und die Zahl der Theorien, Moden, Ratschläge groß. Wie soll man sich da zurechtfinden? Der Wissenschaftsjournalist Tillmann Prüfer sorgt für Orientierung. Er sichtet Studien, befragt Experten, klopft ab, was man gesichert weiß. Muss man Vorbild sein, hilft Strafe, wie prägend ist die Kindheit wirklich? Es geht ums Belohnen und Fördern, Werte, Gefühle, Bindung, Medienkonsum, Ernährungsverhalten, Freunde, Geschwister, ums Spielen und die Vorbildrolle. Prüfer weist den Weg aus dem Erziehungsdschungel und zeigt: Zeit mit seinen Kindern zu verbringen, ist viel wichtiger, als sich krampfhaft an irgendwelche Rezepte zu halten.

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