Eine Geschichte, mündlich geprägte Erzählung über Ausstoßung und Überleben, die zeigt, wozu Menschen fähig sind, wenn sie alles verlieren.
Zwei alte Frauen ist kein Roman im klassischen Sinn. Es ist eine mündlich überlieferte Geschichte, die Velma Wallis aufgeschrieben und damit bewahrt hat. Zusammen mit dem Vorwort umfasst das Buch kaum mehr als etwa 120 Seiten ¿ und doch wirkt es größer, als sein Umfang vermuten lässt.Ein Nomadenstamm im hohen Norden Alaskas kämpft gegen Hunger und Kälte. Um das Überleben der Gemeinschaft zu sichern, werden zwei alte Frauen zurückgelassen, als ¿unnütze Esser¿ deklariert, dem Tod überlassen. Was folgt, ist keine dramatisch inszenierte Überlebensgeschichte, sondern eine stille, fast archaische Bewegung zurück zu Wissen, Geduld und Erfahrung.Die Sprache ist einfach und klar, manchmal beinahe nüchtern. Gerade darin liegt ihre Kraft. Man spürt die Kälte, die Erschöpfung, die Angst, aber auch die langsame Rückkehr von Fähigkeiten, die nicht verschwunden waren, sondern nur vergessen. Die Frauen kämpfen nicht gegen die Natur, sie gehen in Beziehung zu ihr. Schnee wird Schutz, Erinnerung wird Werkzeug.Was mich besonders berührt hat, ist der leise Gegensatz zur Gemeinschaft: Die beiden Ausgestoßenen überleben nicht nur, sie entwickeln eine Form von Selbstständigkeit und Würde, die das System des Clans infrage stellt. Ohne Anklage, ohne moralischen Zeigefinger, einfach durch das, was sie tun und aushalten.Diese Erzählung zeigt, dass Menschen in äußerster Not Fähigkeiten in sich tragen, von denen sie selbst nichts wussten. Nicht als Heldentum, sondern als stille, beharrliche Form von Leben.Ich habe dieses Buch sehr gerne gelesen. Es ist keine literarische Kunstprosa, aber eine Geschichte mit Gewicht ¿ wie eine Stimme aus einer anderen Zeit, die noch lange nachhallt.