Aufgrund der einfühlsamen Psychogramme der Handelnden wird man schnell Teil von Lebensgeschichten, die ansonsten keine Spuren hinterlassen
Ein "typischer Vargas", das versteht sich von selbst. Wie man allerdings auf der Grundlage eines aus einem Hundehaufen herausragenden Knöchelchens einen delikaten und zugleich unterhaltsamen Krimi konstruieren kann, das ist schon meisterlich: "'Irgendwo gibt es eine Leiche, die ans Ende unseres Knochens gehört, und ich will wissen wo, in welchem Zustand auch immer.'"Obwohl es längere Passagen gibt, auf die man (als eiliger Leser) getrost hätte verzichten können, so bildet doch gerade der eher sanfte, unaufgeregte Erzählsound eine gewisses Gegengewicht zu unserer ach so eiligen Welt - in der wir möglicherweise Dinge übersehen, deren Bedeutung sich erst auf den zweiten Blick erschließen. Und so bietet dieses Buch auch die Möglichkeit des Innehaltens, um den Blick zu schärfen, etwas Gelassenheit zurückzugewinnen und mit einem gewissen Abstand Wichtiges von weniger Wichtigem zu unterscheiden. Einzige Bedingung: Man taucht in die Geschichte ein, lässt sich treiben, mal hierhin, mal dorthin, im sicheren Gefühl einer letztlich anständigen Lösung entgegenzulesen.Die Figuren gruppieren sich um den ausgemusterten Ermittler Kehlweiler ("den Deutschen"), der unterstützt von einer "Alten" (die sich mit Männern auskennt), einem Prähistoriker (mit dem Urinstinkt eines Jägers und Sammlers) sowie einem Mediävisten (der sich im 13. Jahrhundert besonders wohlfühlt) einem außergewöhnlich Fall nachgehen. Wobei die Geschichte in Paris beginnt und in der Bretagne (Port Nicolas) ihre Fortsetzung und Lösung findet. Dabei wird nicht nur der eigentliche Fall gelöst, sondern auch schmerzhafte Begebenheiten aus der persönlichen Geschichte es Ex-Inspektors. Die eine, weiter zurückliegende betrifft seine Herkunft, die andere ist aktueller und zehrt an dem eigenen Selbstbild. Für eine gewisse Melancholie ist also gesorgt, und da die Psychogramme der Handelnden stimmig das Geschehen begleiten, wird man schnell Teil von Lebensgeschichten, die selten Spuren hinterlassen, aber für das vielfältige Miteinander eine wesentliche Rolle spielen.(11.4.2021)