Es ist ein seltsames, fast verdächtiges Vergnügen, eine Trilogie nach zehn Jahren erneut aufzuschlagen und festzustellen, dass sie nichts von ihrer Sprengkraft verloren hat. Ich lese die Red Rising-Trilogie derzeit wieder, mit dem leisen Verdacht, die damalige Begeisterung könnte nostalgisch verklärt gewesen sein. Im Haus der Feinde belehrt mich eines Besseren. Dieses Buch wirkt heute nicht milder, nicht zahmer, nicht überholt - im Gegenteil. Es liest sich reifer, bitterer und in seiner politischen Kälte beinahe zeitgemäßer als beim ersten Durchgang.Manchmal gibt es Fortsetzungen, die ihr eigenes Vorgängerwerk wie einen Prolog aussehen lassen. Im Haus der Feinde ist ein solcher Fall. Pierce Brown nutzt den ersten Band nicht mehr als Bühne, sondern als Sprungbrett, um den Leser ohne Vorwarnung in die kalte, luftleere Zone einer kompromisslosen Space Opera zu stoßen. Was hier beginnt, ist kein jugendliches Aufbegehren mehr, sondern ein schmutziger Machtkampf, in dem Ideale bestenfalls Verhandlungsmasse sind und Moral meist ein Luxus, den sich niemand leisten kann.Brown erzählt nicht einfach größer, lauter und brutaler, sondern präziser. Die Gewalt ist nicht Selbstzweck, sondern Konsequenz. Politik wird nicht erklärt, sondern vollzogen. Bündnisse entstehen nicht aus Sympathie, sondern aus Notwendigkeit, und zerbrechen genau in dem Moment, in dem man sich an sie zu klammern beginnt. Darrow ist dabei das perfekte Brennglas dieser Welt: Erlöser und Täter, Hoffnungsträger und Zerstörungsinstrument zugleich. Beim Wiederlesen trifft mich besonders, wie konsequent Brown ihm jede moralische Ausrede verweigert. Darrows Stärke liegt nicht in der Unbesiegbarkeit, sondern im Scheitern, im falschen Vertrauen, in Entscheidungen, die Menschenleben kosten und ihn selbst innerlich aushöhlen. Das ist keine Heldenreise, sondern eine fortschreitende Selbstzerlegung.Stilistisch zeigt sich hier ein Autor, der sein Handwerk fest im Griff hat. Die Sprache besitzt Wucht, ohne sich in bloßer Effekthascherei zu verlieren. Zwischen Intrigen, Verrat und Massakern lässt Brown gezielt Raum für leise, fast zärtliche Momente von Loyalität und Freundschaft. Gerade diese kurzen Atempausen machen die Brutalität erträglicher und gleichzeitig schmerzhafter. Man spürt beim erneuten Lesen sehr deutlich: Niemand ist sicher, nichts ist stabil, und genau diese Unsicherheit erzeugt die permanente Spannung, die den Roman trägt.Das Ende schließlich ist auch nach zehn Jahren noch ein Affront. Kein Trost, keine elegante Abrundung, sondern ein offener Abgrund, der den Leser bewusst verstört zurücklässt. Es ist ein Finale, das Vertrauen zerstört - in Figuren, in Allianzen, vielleicht sogar in den Autor selbst. Und genau deshalb funktioniert es so hervorragend.Dass mich Im Haus der Feinde beim Wiederlesen noch immer derart mitreißt, ist kein Zufall, sondern ein Qualitätsmerkmal. Dieses Buch altert nicht, weil es nie bequem war. Es ist grausam, klug, emotional fordernd und damit ein seltenes Beispiel dafür, wie zeitlos gute Science-Fiction sein kann. Wer nach zehn Jahren noch immer so begeistert ist wie beim ersten Mal, liest keinen bloßen Pageturner, sondern ein Werk, das geblieben ist.