Trotz einiger für mich etwas naiv wirkender Momente bleibt es ein ruhiges, kluges Buch über Nähe und das Aushalten von Widersprüchen.
"Über Menschen" von Juli Zeh hat mich wirklich verblüfft. Es ist eines dieser Bücher, das einen zum Nachdenken bringt - nicht durch große Thesen, sondern durch die ruhige Art, wie es eine Geschichte erzählt, die so real wirkt, dass man sich selbst darin wiederfinden könnte.Besonders stark fand ich, dass mir das Buch eine Situation vor Augen geführt hat, die ich so im echten Leben bisher nie wirklich erlebt habe - wahrscheinlich auch aus Gründen von Ignoranz oder Distanz. Dora, die Hauptfigur, verlässt Berlin und zieht aufs Land, weg aus ihrer vertrauten, politisch klaren Blase. Dort trifft sie auf Gote, ihren Nachbarn - jemanden, der offen zugibt, die AfD zu wählen. Und trotzdem entsteht zwischen den beiden eine vorsichtige, menschliche Beziehung, die voller Spannungen, aber auch Ehrlichkeit ist.Das Buch eröffnet Perspektiven, die unbequem sind, und zeigt, wie kompliziert moralische Überzeugungen werden können, wenn sie auf echte Menschen treffen. Gleichzeitig hatte ich stellenweise das Gefühl, dass "Über Menschen" etwas Naives an sich hat - auch wenn "naiv" vielleicht nicht ganz das richtige Wort ist. Vielleicht, weil das Buch manchmal zu sehr an das Gute im Menschen glaubt oder Konflikte etwas glättet.