Berührend und überraschend!
Polly Horvath ist hier ein unterhaltsamer und spannender, aber auch nachdenklich stimmender Kinderroman gelungen.Fand ich den Einstieg noch zu hölzern, die tragischen Geschehnisse der Ausgangssituation beinahe zusammenfassend wie ein Polizeiprotokoll, wurde der Stil nach diesem holprigen Start schnell flüssiger und ein zunächst von mir vermisster spannender Erzählbogen wurde erkennbar: Man merkt den Kindern zunächst nicht an, dass sie ihre Eltern verloren haben, traumatisiert sind - die Frage, wohin sie jetzt gehen sollen, scheint für sie eine Mischung aus Abenteuer und Wünsch-dir-was zu sein. Erst in Großtante Marthas verlassenem Haus kommen Verlust und Trauer, Verzweiflung und Wut allmählich zum Vorschein - dafür hätte sich die Autorin m.E. direkt am Anfang mehr Zeit nehmen müssen, statt die von der Kirche als Aufsicht bestellte Mrs. Weatherspoon dermaßen skurril darzustellen und die verschiedenen Eigenheiten der Schwestern nur wiederholt zu behaupten, statt sie den Leser*innen anschaulich vor Augen zu führen. Doch wie bereits erwähnt, ändert sich das und ich bin froh, das Buch nicht gleich nach dem ersten Dutzend Seiten weggelegt zu haben.Die vier Schwestern wurden mir schnell sympathisch und ich habe sehr mit ihnen mitgefiebert. Insbesondere die Perspektive der ältesten Schwester, die notgedrungen in die Elternrolle gezwungen wird, ist mir nahegegangen. Einige Klischees, die sich im Plot zunächst andeuten, werden zum Glück aufgebrochen (mehr verrate ich dazu nicht), auch wenn das mit Schmerzen und Ironie verbunden ist.Auch die Erwachsenen sind interessant und differenziert ausgestaltet: Horvath hat brüchige Figuren entwickelt, die es nicht immer leicht hatten und es ihrerseits anderen nicht leicht machen, die sich nicht stringent verhalten, an altem Kummer zu tragen haben, der ihren jeweiligen Charakter teilweise schwer aushaltbar macht. Trotzdem können sie auf ihre sehr unvollkommene Art Liebe, Wärme oder ein bisschen Lebensweisheit weitergeben. Auch bei den Schwestern gibt es immer wieder Raum für Schmerz und Hoffnung, für Tränen und für Humor - die Mischung hat mir gefallen. Immer wieder musste ich an die berühmten Verse von Leonard Cohen denken: "There's a crack in everything / That's how the light gets in".Getreu dieser Tendenz ist dann auch das Ende kein rosa-zuckriges Happy End, sondern eines mit Ecken und Kanten, teilweise sogar offen - das kam mir etwas zu schnell, denn ich hätte die Mädchen gern noch länger lesend in ihrem Lebensweg begleitet, hat mir von der Art und Weise aber gut gefallen.Der im Deutschen anderslautende Titel ergibt, vom Ende her betrachtet, Sinn; nicht jedoch das an sich schöne Cover - eine solche Szene kommt im Buch nicht vor und ich finde es immer schade, wenn ein Cover Erwartungen weckt, die dann nicht erfüllt werden.